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9. Dialogforum: Migration + Kulturelle Bildung = Chance? Diversitätsentwicklung im Kulturbereich

Wie verändern Zuwanderung und Migration die kulturelle Bildung? Wie hat der Kulturbereich insbesondere auf die Ankunft der großen Zahl von Geflüchteten seit Sommer 2015 reagiert? Welche Veränderungen sind erforderlich?

Diese und andere Fragen standen im Zentrum des 9. Dialogforums "Kultur bildet." zum Thema „Migration + Kulturelle Bildung = Chance? Diversitätsentwicklung im Kulturbereich“, das der Deutsche Kulturrat gemeinsam mit der Kulturprojekte Berlin GmbH, Deutschlandradio Kultur und Kulturradio WDR 3 am 14.12.2016 in Berlin veranstaltete. Auf dem Podium diskutierten Kulturratspräsident Christian Höppner, die Leiterin der Stadtbücherei Frankfurt/Main Sabine Homilius, Uta Schnell von der Kulturstiftung des Bundes und Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin. Es moderierte Susanne Führer von Deutschlandradio Kultur.

Podcast der Ausstrahlung bei Deutschlandradio Kultur:

Das 9. Dialogforum „Kultur bildet.“ wurde von unseren Medienpartnern aufgezeichnet und kann als Podcast nachgehört werden. 

Nachfolgend finden Sie ein schriftliches Resümee der Podiumsdiskussion:

Bereits die Einstiegsrunde illustrierte die vielfältigen aktuellen Veränderungen im Kulturbereich. Sabine Homilius betonte, dass sich öffentliche Bibliotheken seit jeher flexibel an gesellschaftliche und technische Entwicklungen anpassen. Die von ihr geleitete Stadtbücherei hat sich sehr schnell mit Trägern der Erstaufnahmeeinrichtungen und der Jugendsozialarbeit vernetzt, bietet beispielsweise Grafik-Novel-Workshops für unbegleitete Minderjährige an und zählt mittlerweile 1.200 Geflüchtete zu ihren Nutzern. Christian Höppner, der auch ausübender Musiker ist, hob die Schlüsselrolle von Begegnungsorten unterschiedlichster Art hervor. Zugleich machte er auf das allgemeine Problem der zwei Geschwindigkeiten aufmerksam: Gesellschaft verändere sich immer schneller als es die Kulturelle Bildung könne. Uta Schnell unterstrich, dass an den Förderanträgen an die Kulturstiftung des Bundes ablesbar ist, wie stark sich Theater, Museen und andere Kultursparten um die Teilhabe von Migranten bemühen und beispielsweise Refugee-Ensembles gründen. Dies untermauerte auch Stefan Weber, jedoch seien insbesondere Museen nicht leicht zu „erobern“ und müssen sich intensiv damit auseinandersetzen, welche Narrative sie ihren Besuchern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen vermitteln. Zwei Beispiele: Im Rahmen des Peer-to-Peer-Projekts „Multaka“ führen 25 Geflüchtete andere Geflüchtete in ihrer Sprache durch das Museum für Islamische Kunst und zu selbst ausgewählten Objekten. Beim Projekt „Tamam“ erarbeiten das Museum und Berliner Moscheegemeinden gemeinsam mit postmigrantischen Jugendlichen interkulturelle Bildungsangebote.

Personal, Programm und Publikum diversifizieren

Große Einigkeit bestand darüber, dass eine solche Projektarbeit sehr zu begrüßen sei, dieses Engagement aber verstetigt werden müsse und vor allem nachhaltige Investitionen in hauptamtliches Personal und Infrastruktur der kulturellen Bildung vonnöten sind. Eng damit verbunden ist die Frage, wie die Diversitätsentwicklung auch strukturell vorangetrieben werden kann. Wie spiegelt sich die Vielfalt der Einwanderungsgesellschaft, die Deutschland bereits seit vielen Jahren ist, in Kultureinrichtungen wider? Uta Schnell betonte, dass dabei alle drei „P“ – Personal, Programm und Publikum – in den Blick genommen werden müssen. Das neue Förderprogramm der Kulturstiftung des Bundes "360° - Fonds für die Kulturen der neuen Stadtgesellschaft" setze genau hier an, indem es den Institutionen neben Projektmitteln auch eine auf vier Jahre angelegte Personalstelle finanziere. Die „Agenten“ sollen dann gemeinsam mit der Leitungsebene eine Diversifizierung nach innen und nach außen auf den Weg bringen. Sabine Homilius begrüßt Förderprogramme wie „360°“, denn zwar spiegele sich im Kollegium der Stadtbücherei in Frankfurt /Main – einer Stadt mit Einwohnern aus 170 Nationen – bereits jetzt eine große sprachliche und kulturelle Vielfalt, jedoch noch nicht in den Leitungspositionen.

Wer geht auf wen zu und wie?

Wie aber kann angesichts immer lauterer fremdenfeindlicher Positionen der gesamtgesellschaftliche Zusammenhalt gewahrt werden? Stefan Weber betonte, dass dringend der politische Diskurs weitergeführt werden muss, um die Angst vor dem Fremden und insbesondere vor dem Islam abzubauen. Kulturhistorisch gesehen gäbe es zum Beispiel die klassischen europäischen Musikinstrumente Europas nicht ohne die Einflüsse aus dem Nahen Osten. Die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts spielt auch für die Arbeit des Deutschen Kulturrates als Mitinitiator und Moderator der „Initiative für kulturelle Integration“ eine herausragende Rolle, wie Christian Höppner erläuterte.

Ein wichtiger Aspekt, der einer weiteren eingehenden Debatte bedarf, ist die Frage nach der interkulturellen Kompetenz. Müssen sich nur die neu nach Deutschland kommenden Menschen öffnen oder auch die Aufnahmegesellschaft? Wie erwirbt man interkulturelle und Diversitätskompetenz? Ist diese unweigerlich an eigene Migrations- und oft auch Ausgrenzungserfahrung gebunden?

 

 

Datum: 
14.12.2016
Veranstalter/Ort: 
Deutscher Kulturrat e.V. / Kulturprojekte Berlin GmbH
Podewil
Klosterstr. 68
10179 Berlin