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8. Dialogforum: Kulturelle Bildung im Kontext von Migration und Integration

Wer bildet wen? Kulturelle Bildung im Kontext von Migration und Integration

Das 8. Dialogforum "Kultur bildet." fand am 19. Mai 2016 um 19 Uhr im Podewil Berlin zum Thema „Wer bildet wen? Kulturelle Bildung im Kontext von Migration und Integration“ statt.

Zum Nachhören: Radioaufzeichnung der Diskussion

Das achte Dialogforum »Kultur bildet.« wurde von den Medienpartnern der Veranstaltungsreihe, WDR 3 und Deutschlandradio, übertragen und kann hier nachgehört werden

Zum Nachlesen: Bericht zur Diskussion

Seit dem Sommer 2015 diskutiert auch die kulturelle Bildungsszene verstärkt die Frage, wie geflüchtete Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene in die bestehende Angebotsstruktur eingebunden werden können, welche besonderen Anforderungen an Projekte gestellt werden müssen, die sich an diese Zielgruppe richten, und wo das Geld für solche, überwiegend zusätzlichen Maßnahmen herkommen soll. Aber was kann die kulturelle Bildungsarbeit eigentlich leisen? Läuft sie Gefahr, als »organisierte Freizeitbeschäftigung« an Wert zu verlieren oder wird sie mit heilsversprechenden Erwartungen überfrachtet?

Diese Fragen dienten als Ausgangspunkt für das achte Dialogforum »Kultur bildet.«, das der Deutsche Kulturrat in Kooperation mit der Kulturprojekte Berlin GmbH am 19. Mai 2016 im Podewiln Berlin veranstaltete. Der Einladung waren Breschkai Ferhad, die Leiterin der Koordinierungsstelle der Neuen Deutschen Organisationen bei den Neuen deutschen Medienmachern, Reiner Hoffmann, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Dorothea Kolland, Freie Kulturberaterin und ehemalige Kulturamtsleiterin des Bezirks Berlin-Neukölln, sowie der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, gefolgt.

Kulturelle Bildung ist ein wichtiges Instrumentarium, jedoch kein Allheilmittel

Schnell wurde klar, dass die Frage der Integration von Geflüchteten eigentlich keine neueren Datums ist. Denn wenngleich es einen Unterschied macht, ob ein Mensch sich freiwillig in einem anderen Land niederlässt oder gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen, geht es doch letztlich immer um die gleiche Frage: Wie kann die plurale Gesellschaft allen Menschen (kulturelle) Teilhabe ermöglichen?

Diese Frage, betonte Ferhad, stand schon lange vor dem Zuzug von circa einer Million Geflüchteten seit dem Sommer 2015 auf der Tagesordnung. Insbesondere der »Sarrazin-Schock« habe dazu geführt, dass sich in Deutschland lebende und sogar geborene Menschen mit Migrationsgeschichte plötzlich nicht mehr zugehörig gefühlt haben. Die Neuen deutschen Organisationen seien letztlich auch ein Ergebnis dieser damals entstandenen Stimmung, die das gewachsene Selbstverständnis, Teil der Aufnahmegesellschaft zu sein, in Frage gestellt hat. Einer Initiative wieder »Allianz für Weltoffenheit« hätte es demnach gut zu Gesicht gestanden, erklärt Ferhad, neben den »großen Playern« auch kleinere Migrantenselbstorganisationen einzubinden, um die bereits existierende Vielfalt im Land abzubilden. Hoffmann erklärte, dass Menschen, ob hier geboren oder hierher geflüchtet, die Möglichkeit erhalten sollten, ihre sozialen und kulturellen Interessen einbringen und sich engagieren zu können. Teilhabe gelinge zwar zu einem gewichtigen Teil, aber bei Weitem nicht ausschließlich über die Integration in den Arbeitsmarkt. (Inter-)kulturelle Bildungsarbeit habe die Anerkennung von Pluralität im Blick und ziele darauf ab, Vielfalt als Gewinn und Bereicherung für die eigenen kulturellen Prägungen zu betrachten.

Vor dem Hintergrund einer pluralen, sich dynamisch entwickelnden Gesellschaft sei es nicht zielführend, erklärte Kolland, spezielle kulturelle Bildungsangebote für Geflüchtete zu unterbreiten. Jedoch, betonte sie weiter, könne die Arbeit mit Künstlerinnen und Künstlern einen wichtigen Beitrag zur Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen leisten, insbesondere auch dann, wenn sie aufgrund von Fluchterfahrungen und anhaltender Unsicherheit im Aufnahmeland nicht genau wissen, wohin sie nun eigentlich gehören und was die Zukunft für sie bereithält. Kulturelle Bildung sei kein Allheilmittel, mit Sicherheit aber ein wichtiges Instrumentarium, um das gesellschaftliche Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zu entwickeln, sagte Zimmermann. Entsprechend müsse es mehr davon für alle geben. Es sollten Begegnungsräume und -situationen geschaffen werden, die ein interkulturelles Miteinander und gemeinsame Erfahrung möglich machen. In diesem Zusammenhang sprach sich Zimmermann für eine (erneute) Debatte über den, in früheren Zeiten entweder hochgehaltenen oder aber verteufelten »Kanon« aus. Unsere Vorstellung von dem, was zum Kanon einer so heterogenen Gesellschaft gehört, sei nach wie vor stark begrenzt. Das Erfordernis, über diesen zu diskutieren, sieht Kolland hingegen nicht und bietet eine pragmatische Lösung an: Unterschiedliche kulturelle Einflüsse und Ausdrucksformen sollte er enthalten sowie den gegenseitigen Respekt vor all diesen!

Und dann wurde wieder die berechtigte Forderung laut, dass sich die Institutionen – hier: die Kultureinrichtungen und -verbände, die kulturelle Bildungsprojekte initiieren und durchführen – öffnen müssen. Auch hier haben wir es mit keiner neuen Debatte zu tun. Dass sie immer wieder aufkommt, zeigt jedoch, dass sie noch keine zufriedenstellenden Ergebnisse erzielt hat. Nach wie vor werden gegenseitige und sehr hartnäckige Vorwürfe erhoben, dass etablierte Institutionen keinen Zugang ermöglichen und Migrantenselbstorganisationen bzw. deren Mitglieder sich nicht stark genug engagieren und in die gewachsenen Strukturen einfinden wollen. Die Neuen deutschen Organisationen, da ist sich Ferhad sicher, wird es erst dann nicht mehr geben, wenn sich gesellschaftliche Vielfalt in den Organigrammen der etablierten Institutionen widerspiegelt. Solange werden die »Neuen Deutschen« selbstbewusst ihren eigenen Weg gehen.

Am Ende bleibt das Gefühl zurück, dass diese bereits so häufig diskutierte Frage noch viele weitere Male aufkommenwird – vielleicht auch einfach deshalb, weil sie von zentraler Bedeutung für die gleichberechtigte Teilhabe allerMenschen ist und ihre Beantwortung darüber entscheidet, wer wie viel vom Kuchen abkriegt!

Der Bericht ist ebenso in der Ausgabe 04/2016 der Zeitung Politik & Kultur des Deutschen Kulturrats erschienen, die Sie hier kostenlos als PDF-Download finden. Die Autorin des Berichts Carolin Ries war bis zum Sommer 2016 beim Deutschen Kulturrat u.a. für "Kultur bildet." verantwortlich

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Programm des Dialogforums:

Begrüßung

  • Moritz van Dülmen, Geschäftsführer der Kulturprojekte Berlin GmbH
  • Prof. Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates 

Podiumsdiskussion

  • Breschkai Ferhad
    Leiterin der Koordinationsstelle der Neuen Deutschen Organisationen bei den Neuen deutschen Medienmachern
  • Dr. Dorothea Kolland
    Freie Kulturberaterin
  • Reiner Hoffmann
    Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes
  • Olaf Zimmermann
    Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates

Moderation: Dr. Hans Dieter Heimendahl, Deutschlandradio Kultur

Weitere Informationen zur Veranstaltung entnehmen Sie bitte der elektronischen Einladungskarte.

Medienpartner des Dialogforums sind Deutschlandradio Kultur und WDR3.

Datum: 
19.05.2016, 19:00
Veranstalter/Ort: 
Deutscher Kulturrat e.V. in Kooperation mit der Kulturprojekte Berlin GmbH
Berlin