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YEAH! - Award und Festival: Ein Interview

23.08.2013
Lydia Grün. Foto: njo

Vom 10. bis 14. September trifft sich die internationale Musikvermittlungsszene in Osnabrück zur zweiten Runde von YEAH!. Das Projekt des netzwerks junge ohren (njo) und der Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte beinhaltet den internationalen Musikvermittlungs-Award ebenso wie ein fünftägiges Festival mit Vorführungen, Fachdiskussionen und der feierlichen Preisverleihung am 14. September. Wir veröffentlichen hier ein Gespräch mit der Geschäftsführerin des njo Lydia Grün und der für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlichen Susanne Wienemann

Was ist YEAH?

Lydia Grün: Der YEAH! Award ist DER europäische Preis für moderne Musikformate. Er versammelt die Pioniere der aktuellen Musikkultur Europas mit ihren Aufführungskonzepten. Fünf Tage lang blickt Europa auf Osnabrück: Denn im Rahmen des YEAH! Festivals vom 10. bis 14. September werden hier die besten Produktionen aus über 130 Bewerbungen ausgezeichnet. Wir sind sehr stolz, dass wir wirklich aus allen Ecken Europas frische Ideen und außergewöhnliche Herangehensweisen für Musikprojekte bekommen haben. Das macht den YEAH! auch einfach aus – der Austausch von Künstlern aus ganz Europa, über das, was uns wichtig ist: eine lebendige, offene Musikkultur mit Esprit und gesellschaftlicher Offenheit. Das Festival ist ein bunter Marktplatz aktueller Musikproduktionen für junge und jung gebliebene Ohren und eine Plattform für internationale Begegnungen von Vermittlern, Künstlern und Veranstaltern.

Musikvermittlung ist ein Teilbereich der kulturellen Bildung. Welchen Stellenwert kann sie einnehmen? Wo sind ihre Grenzen, wo ihre Chancen?

Grün: Musik geht jeden etwas an. Das ist wie beim Fußball: Jeder hat eine Meinung zu Musik – sie berührt uns alle direkt, ob positiv oder widerspenstig, ob total emotional oder intellektuell. Das ist eine hervorragende Voraussetzung, um in der kulturellen Bildung wirken zu können. Wir brauchen ein Medium um das, was wir Demokratieverständnis und eine offene Gesellschaft nennen, verankern zu können; um Chancen der Teilhabe an Kultur und Bildung zu erhöhen.  Musikvermittlung ist für mich in diesem Sinne die Diskussion über die Modernität unserer (Musik-)Kultur. Das Fauré Quartett, das dieses Jahr die künstlerische Patronage für den YEAH! übernommen hat, steht für mich prototypisch für eine intelligente Musikvermittlung. Der Kern der Musik steht für sie im Vordergrund – professionell auf höchster Ebene dargebracht. Aber sie reflektieren sich selbst und ihr Publikum und die erforderliche Augenhöhe ständig.

Was versteht die Jury von YEAH unter Musikvermittlung? Überwiegen bei den internationalen Teilnehmern und der International besetzten Jury die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten bei der Definition?

Susanne Wienemann: Ein besonderes Erlebnis zu schaffen, entweder durch das Wahrnehmen von Musik unter anderen Bedingungen als im herkömmlichen Konzert, oder durch das eigene Experimentieren mit Klängen: Dieses Erlebnis soll Spaß machen und nachhaltig beeindrucken. So werden Türen aufgestoßen. Es lassen sich Unterschiede in der Art des musikvermittelnden Ansatzes in skandinavischen, anglo-germanischen und südeuropäischen Projekten feststellen. So vielfältig die Projekte jedoch sind, im Kern sind sich alle einig: Eine Alternative zum tradierten Konzert ist heute in ganz Europa gefragt. Diese wird mit viel Energie und Enthusiasmus von den nominierten Best Practice Beispielen angeboten. Mal mit Medieneinsatz, mal durch Happenings im öffentlichen Raum oder durch Fokussierung auf Zielgruppen, die sonst nicht in den Konzertgenuss kommen (z.B. mit „Concerts for Babies“, oder dem Projekt „Feel the Music“ für taube Kinder). Davon können sich die Programmer inspirieren lassen und aus dieser Ideen-Fundgrube bei der YEAH! Börse schöpfen.

YEAH findet zum 2. Mal (und wohl auch in Zukunft) in Osnabrück statt. Warum?

Grün: Die Idee zum YEAH! entstand 2010 in Osnabrück, wo auch der Initiator und Hauptförderer, die Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte, ihren Sitz hat. Aber vor allem: Als Friedensstadt ist Osnabrück der Ort für europäische Begegnung per se! Wir erleben in der Stadt eine große Offenheit in der Zusammenarbeit mit den Schulen und dem Domchor – zum Beispiel beim YEAH! Camp –, mit der Universität, unseren Ansprechpartnern in der Stadtverwaltung und dem Stadtmarketing bis hin zu den Medien. Niedersachsen und Osnabrück sind einfach eine unglaublich gute Basis und wunderbare Gastgeber für ein solches Projekt mit einer ambitionierten Idee, nämlich über den Weg der Musik Europas Grenzen und Unterschiede zu überwinden. Und das ist hier ganz wörtlich gemeint.

Wie viel Prozent internationales, wie viel Prozent regionales Publikum erwarten Sie? Ist das Vermittlungsfestival angenommen vom Publikum? Anders: Kann es seine ureigene Aufgabe erfüllen?

Grün: Das werden wir sehen: Kassensturz wird am 15. September, wenn alles vorbei ist, gemacht. Aber was ich jetzt schon sagen kann: Der erste Teil des Festivals findet in enger Kooperation mit dem Gymnasium in der Wüste und der Ursulaschule statt. Einige der Produktionen in den ersten Tagen werden in den Schulen ihren Platz finden. Von daher gehen wir direkt zu unserem Publikum. An den Abenden sind Jung und Alt aus Osnabrück und Umgebung eingeladen, nominierte Ensembles live zu erleben. Der zweite Teil des Festivals wendet sich an Fachpublikum aus ganz Europa. Da geht es darum, sich mit Kollegen aus anderen Ländern oder Regionen auszutauschen und den YEAH! als Pool von Produktionen und Ideen zu nutzen. Gefeiert wird dann am Ende am 14. September gemeinsam im Schloss Osnabrück, wenn es um die Auszeichnung der Preisträger geht.

Es gibt 2 Wettbewerbskategorien: Performance und Process – was verbirgt sich jeweils dahinter?

Wienemann: In der Kategorie „Process“ geht es um partizipative Projekte, in denen junge Menschen, aber auch zum Beispiel ganze Stadtteile in Workshops selbst musizieren und experimentieren. Am Ende dieser Projekte steht eine öffentliche Aufführung. Bei der Kategorie „Performance“ steht das Konzert selbst als „Endergebnis“ im Vordergrund. Hier finden sich neue und ausgefallene Ideen für Konzertpräsentationen von professionellen Musikern für junges, aber nicht nur junges Publikum. Dabei können ein ungewöhnliches Setting oder auch eine Verschränkung von Kunstformen den speziellen Reiz ausmachen.

Der Wettbewerb bringt Beispiele aus der Praxis. Der Fachtag ist für die Theorie zuständig. Wie heißt das Thema 2013?

Wienemann: Eigentlich steht bei uns immer das pragmatische „Machen“ und „Entwickeln“ im Vordergrund, auch beim Fachtag. Das hindert ja nicht, den einen oder anderen reflektierenden Gedanken in eine Runde zu schicken. In diesem Jahr beleuchten wir bei der Fachkonferenz „Raum.Klang – Klang.Raum“ das Potential von Musik in neuen Räumen. Das ist unser großes Thema. Immer mehr Konzerte werden bewusst außerhalb des Konzertsaals veranstaltet, sei es um die Hemmschwelle zu senken, um die Musik dorthin zu bringen, wo die Menschen in ihrem Alltag sind oder mit Experimenten neugierig zu machen. Wie sich die Wahrnehmung an neuen, auch ausgefallenen Orten, z.B. im Wald oder in Denkmälern, verändert, was das Auftreten dort mit den Musikern macht, werden wir an diesem Tag erfahren – und zwar in Form von Praxisbeispielen, einer umfassenden Einführung von Sabine Breitsameter, kurzen Workshops und künstlerischen Interventionen. Den Tag lassen wir am Abend im Felix-Nussbaum-Haus mit einer Podiumsdiskussion ausklingen. Hier diskutieren die Intendanten und Musikvermittler der nominierten Projekte aus der Kategorie „Process“ die Frage „Schaffen Kinder wirklich Kunst?“; eingerahmt in einen Klangparcours durch das Museum mit dem Quartett PLUS 1 und eine Tanzperformance. Ich freu mich schon sehr darauf!

Enthalten in

Region: International, Europaweit, Bundesweit | Sparte: Musik, Theater | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Erwachsenenbildung, Frühkindliche Bildung | Textsorte: Interview |