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Vorab-Interview mit Podiumsgast Wiltrud Gieseke, Seniorprofessorin an der HU Berlin

27.11.2017

Am 30. November wird beim 11. Dialogforum zur kulturellen Bildung im ländlichen Raum wird Prof. Dr. Wiltrud Gieseke, Seniorprofessorin in der Abteilung Erwachsenenbildung/Weiterbildung am Institut für Erziehungswissenschaften der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät an der Humboldt Universität zu Berlin an der Podiumsdiskussion teilnehmen. Wir haben Sie im Vorfeld der Veranstaltung schriftlich befragt.

Ulrike Plüschke : Frau Prof. Dr. Gieseke, seit vielen Jahren erforschen und analysieren Sie kulturelle Bildung im ländlichen Raum. Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Programmforschung – was genau ist darunter zu verstehen?
Wiltrud Gieseke: Die Erwachsenenbildung/Weiterbildung, dazu zählen u.a. Kulturelle Bildung, politische Bildung, berufliche und wissenschaftliche Weiterbildung, Grundbildung, Gesundheitsbildung, allgemeine Bildung (z.B. Sprachen) und vieles mehr, ist nicht staatlich organisiert, sondern in hohem Maße trägerabhängig. Es gibt keine gesetzlich geregelten Lehr-/Studienplänen oder Curricula. Stattdessen entwickeln die Weiterbildungsorganisationen selbst Programme mit non-formalen Status, die sowohl Kontinuität als auch hohe Flexibilität aufweisen. Über das Programm (als Jahresprogramm, neuerdings ergänzt durch adhoc-Angebote im Internet) repräsentiert sich eine Organisation. Darüber hinaus aus sind die Programme Ergebnis historischer fachwissenschaftlicher, ökonomischer, bildungspolitischer Entwicklungen und einer pädagogischen professionellen Auslegung in der EB/WB. Das Programm ist damit Ausdruck gesellschaftlicher Prozesse, die sich in Bildungsangebote transformieren. Die Programmforschung interessiert sich deshalb für die Ausrichtung der Programmschwerpunkte, so z.B. für den Stellenwert der Kulturellen Bildung im Gesamtkontext einer Institution, als Institutionenanalyse, als trägerübergreifende Analyse, als bereichsbezogene Analyse oder als Regionalanalyse, als Analyse zu Spannungsverhältnissen bildungspolitischer Konzepte und faktischer Umsetzungen in der Weiterbildung oder als Trägeranalyse, hinsichtlich ihrer sich in Angebote umsetzenden Bildungsvorstellungen.

Zu welchen wichtigsten Erkenntnissen sind Sie bei Ihren Forschungen mit Blick auf die kulturelle Bildung im ländlichen Raum gelangt?
Die erste, aber immer noch aktuellste Grundlagenstudie zur Programmentwicklung der Kulturellen Bildung in Stadt und Land (Zeitraum 1996 bis 2001, veröffentl. 2005) entstand aus einer europäischen Kooperation, bei der u.a. die Programme zur Kulturellen Bildung aus den ländlich angrenzenden Regionen zwischen Polen und Deutschland sowie ihren Hauptstädten untersucht wurden. Untersucht wurden in Deutschland evangelische, katholische Erwachsenenbildungseinrichtungen, die Volkshochschulen und die Urania sowie Kulturhäuser. Die Volkshochschule ist in der Stadt und auf dem Lande der verlässlichste Träger der Kulturellen Bildung.

  • In Polen haben wir es nicht mit einer öffentlich geförderten EB/WB zu tun, wohl aber gibt es Kulturhäuser mit sogenannter Volkskunst, besonders auch in anderen europäischen Ländern bekannt. Zu betonen ist, dass sich u.a. aufgrund der fehlenden Volkshochschulen keine breite Angebotsstruktur für Kulturelle Bildung entwickeln konnte.
  • Gleichwohl konzentrieren sich die Angebote in Polen ebenso wie in Deutschland unabhängig von Stadt und Land auf selbsttätig-kreative pädagogische Ausrichtungen, wo das Individuum selbst aktiviert wird. Systematische-historische Beschäftigungen mit Kunst und Kulturgeschichte werden in den Angeboten dann zu einem Highlight, wenn es um kulturelle Großereignisse geht – so in unserer Untersuchung  dokumentiert am Preußenjahr 2001 – dann dominiert die Kulturgeschichte ebenso auf dem Lande, gefolgt mit Abstand von der Literatur.
  • Es gibt keine Angebote in der Stadt, die es auf dem Lande nicht gibt. Auch die Schwerpunktbildung überschneidet sich. Auf dem Lande dominiert aber das Interesse am Kunsthandwerk, gefolgt von Malen/Zeichnen, Tanz, und Textiles Gestalten. In der Stadt dominiert der Tanz, Malen/Zeichnen erst dann folgt das Kunsthandwerk.
  • Zugenommen hat die Form „beigeordneter Bildung“, das heißt, dass Institutionen mit anderen Aufgaben Bildung ergänzend als Einführung oder Begleitung anbieten: Museen, Theater, Orchester, Buchhandlungen. Eine weitere Form sind kulturelle Events, die eine Aktivierungsfunktion für eine Partizipation auch an kultureller Bildung sind oder sein könnten.
  • Die Angebote zur interkulturellen Bildung, als verstehend- kommunikative Bildung waren zwischen 1996 und 2001 noch sehr punktuell. Sie haben aber aus bekannten Gründen, auch was die Einbeziehung von kultureller Bildung und Kunst betrifft, als neue interessante Verbindung zugenommen.

Welche Langzeittendenzen lassen sich für kulturelle Bildung im ländlichen Raum feststellen z.B. im Hinblick auf die Angeboteinhalte und –formate, aber auch auf das Nutzungsverhalten?
Für die Langzeittendenzen können wir vor allem auf die VHS-Statistik zurückgreifen, die eine gleichbleibende Angebotsentwicklung, was die Anzahl der Angebote betrifft mit einem leichten Rückgang von 0,3% für Brandenburg zeit. Eine Nachfolgeuntersuchung unserer Studie, auch was die mikrodidaktische Umsetzung betrifft, konnte nicht umgesetzt werden. Grundsätzlich stellt sich die Frage, was ist der ländliche Raum? Alles was nicht Stadt ist? Was ist mit den eingemeindeten Dörfern? Der Weiterbildungsatlas des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) zeigt, wie different dieser ländliche Raum ist und jenseits üblicher Vorannahmen jeweils eigener Betrachtungen bedarf. Nur so viel scheint einheitliche Interpretation zu sein, dass private Träger hier keine kontinuierlichen Angebote sichern können. Eine wichtige Frage ist auch, wie ist das Verhältnis von Stadt und Land was kulturelle Initiativen betrifft? Es gibt ein Interesse aus der Stadt kulturelle Veranstaltungen auf dem Lande anzubieten und umzusetzen (in Scheunen, Kuhställen, in Freiluftveranstaltungen)? Handelt es sich dabei um Events für die Stadtbevölkerung, wie ist die Bevölkerung aus den Dörfern beteiligt (siehe Sommerevents)?. Was macht eigentlich gegenwärtig die Landbevölkerung aus? Hier gibt es große Veränderungen. Das Land bietet günstigen Wohnraum, man hat wenig zu bezahlen und bessere Luft. Sind es sekundäre Städter, die vor Ort nach Angeboten suchen? Wir treffen in jedem Fall selten auf eine durchgängig agrarische Struktur, auch nicht überall auf eine spezifische Altersstruktur. Hier sind mehr Fragen zu stellen, als dass es ausreichende Antworten gibt.  

Vielen Dank für Ihre Antworten - wir freuen uns auf die Diskussion mit Ihnen am 30. November!

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Weitere Informationen

zu Wiltrud Gieseke

Digitale Einladungskarte für das 11. Dialogforum PDF iconeinladung_11_dialogforum_am_30nov2017.pdf

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Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Bundesweit, Brandenburg | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Interview |