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Thalia Kellmeyer im Gespräch mit kultur-bildet.de

23.01.2014
Foto: Maurice Korbel
Foto: Maurice Korbel

Thalia Kellmeyer ist Künstlerische Leiterin Junges Theater / Oper und Konzert am Theater Freiburg. Ihre Produktion „Nächste Ausfahrt: Heimat“ wurde für den europaweiten Musiktheaterpreis „YEAH! YOUNG EAROPEAN AWARD 2013“ nominiert. Andreas Kolb sprach für „kultur-bildet.de“ mit der jungen Regisseurin über ihre aktuellen Projekte und die Bedeutung kultureller Bildung in der Jugendtheaterarbeit heute.

kultur-bildet.de: Opernschule Mannheim, Assistenzen an der Scala und am Bremer Theater; dann Gründung eigener Laienfestspiele in Birstein/Hessen - seit der Spielzeit 2012/13 sind Sie künstlerische Leiterin am Jungen Theater Freiburg/Oper und Konzert. Wenn man Ihre Biographie anschaut, erschließt sich nicht zwingend ihre Neigung zum pädagogischen Bereich, zum jungen Theater, zur kulturellen Bildung. Wie kam es dazu? Ist das Zufall? Fügung? Oder eine Herzensangelegenheit?

Kellmeyer: Es gibt ein Sprichwort, das mir meine Tante nach dem Abitur mit auf den Weg gab: „Dem gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße“ – und so ähnlich war das tatsächlich auch bei mir. Ich hatte nach dem Abi viele Interessen, konnte mich nicht für eine Sache entscheiden und habe dann Schulmusik, Sport und Theaterpädagogik an der Musikhochschule Mannheim und der Universität Heidelberg studiert. An der Hochschule habe ich mich - wenn man so will - das erste Mal mit den Inhalten der Musikvermittlung beschäftigt. Nach ersten Erfahrungen als Regiehospitantin am Nationaltheater Mannheim hatte ich „Musiktheaterblut“ geleckt und mich seit dem neben meinem Studium im Bereich Theater eingearbeitet. Ich bekam viele Gelegenheiten, bei kleineren und größeren Produktionen und Formaten (Musik-)theater zu gestalten. Dabei war mir immer wichtig, die bestehenden starren Formen aufzubrechen, Besetzungen neu zu denken, theaterfremde locations in Projekte zu integrieren und mit Mitstudierenden und Künstlern Musiktheater in all seinen Formen neu zu denken. Nachdem ich also während meines Schulmusikstudiums mit pädagogischen Fragen konfrontiert wurde, hatte ich dann eine Phase, in der ich mich selbst künstlerisch auf die Suche nach dem „Musiktheater“ von heute machte. Eines, das frei von Hörgewohnheiten ist, inhaltlich aktuellen Themen auf den Grund geht und Menschen von heute etwas erzählen kann und diese anspricht.

Seit 2006 bin ich am Theater Freiburg unter der Leitung von Barbara Mundel im Bereich Regie tätig und dabei bekam ich viele Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche zu inszenieren und Ideen umzusetzen. In der praktischen Arbeit mit Jugendlichen merkte ich sehr bald, dass Oper für Jugendliche nicht nur ein Begriff jenseits von Emotionen, sondern auch ein absolutes Fremdwort ist. Und ich stellte mir die Frage, wie man die wundervolle Kunstform Oper – bei Menschen, die bisher aus ganz verschiedenen Gründen keine Chance hatten damit in Berührung zu kommen oder sich damit emotional auseinander zu setzen – auf allen Ebenen sinnlich erfahrbar machen kann. Parallel dazu hatte ich die Vision, mit einem Dorf in Hessen Laienfestspiele (mit Bürgern, für Bürger; lokale Legende in authentischer Kulisse) umzusetzen, was mir und meinem Team mit einer Manpower von ca. 450 Personen gelang. Im Frühjahr 2012 bot mir Barbara Mundel die Leitung der Abteilung Junges Theater/Oper und Konzert an und gerne habe ich mich der neuen Herausforderung gestellt, diese Sparte mit meinem Team weiter auf- und auszubauen.

Am Jungen Theater Freiburg sind sie ein Team von etwa 14 Personen: Woher rührt diese Bedeutung innerhalb des Freiburger Theaters?

Kellmeyer: Ja, mit allen Abteilungen (Junges Schauspiel, Junger Tanz,  Junge Oper und Junges Konzert) und den freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind wir ein relativ großes Team, mit dem wir uns auf neue Wege begeben. Jede Abteilung hat seine Schwerpunkte: So erarbeitet die Tanzabteilung seit einem Jahr mit einer Brennpunktschule mit „Learning by moving“ an einem Format, das Tanz in den regulären Unterricht integriert. Seit dieser Spielzeit konnten wir eine Stelle der Musikvermittlung – erstmals mit einer 50%-Stelle von einer aktiven Musikerin unseres Philharmonischen Orchesters besetzt – durchsetzen. Zusammen suchen wir nun nach einer Form, mit dem Philharmonischen Orchester patenschaftlich an eine Schule anzudocken. Da wir im Bereich Musiktheater nicht nur Formate von Profis für Kinder- und Jugendliche anbieten (wie beispielsweise „Freunde“ von Peter Androsch oder „Gegen die Wand“ von Ludger Vollmer), sondern auch nach neuen Formaten suchen, in denen Kinder- und Jugendliche aller Nationalitäten über die Musik zusammen kommen und sich austauschen (Mitmachprojekte, wie „Import/Export-Jams“: Workshop & Jamsession für alle über 16 Jahren, „Mentored Jamming“: Open Stage für Freiburger Schülerbands, die im Vorfeld von Mentoren des Philharmonischen Orchesters gecoacht werden), erweitert sich unser „Ensemble“ in die Stadt hinein. So öffnen wir das Theater für verschiedene Teile der Freiburger Bevölkerung, denn das Theater Freiburg will ein Theater für Menschen dieser Stadt sein, nicht nur für eine gebildete Oberschicht.

Das Junge Theater Freiburg war zum YEAH-Preis mit einem ganz besonderen Projekt nominiert. Ein paar Worte über das Projekt „Nächste Ausfahrt: Heimat“ und seine Weiterführung?

Kellmeyer: Mit dem Projekt „Nächste Ausfahrt: Heimat“ haben wir in der vergangenen Spielzeit einen ersten Schritt im Bereich Musiktheater in Richtung  „Prozessorientierung“ gemacht. Mit Freiburger Jugendlichen verschiedener kultureller Herkunft machten wir uns auf die Suche nach ihren musikalischen Wurzeln, mit dem Ziel, einen musikalischen Querschnitt der Jugend 2013 in Freiburg zu zeigen. Da die Gruppe natürlich sehr heterogen war (Studentierde, Flüchtlinge, Migranten…), bestand die anfängliche Herausforderung darin, über Begegnungen, Musikworkshops und szenische Spiele ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, was wir uns als Leitungsteam ursprünglich leichter vorgestellt hatten. Doch die Kraft von gemeinsam entwickelter Musik und das Umsetzen eines Großprojektes, bei dem die Jugendlichen das Gefühlt hatten, selbst im Mittelpunkt zu stehen und den Abend zu gestalten, hat  wöchentlich zugenommen, die Gruppe gefestigt  und die Art der Herangehensweise für uns bestätigt. Nach der Premiere haben wir aus der Gruppe der Mitwirkenden heraus das „Heim und Flucht Orchester“ gegründet, was seit dieser Spielzeit fest an unserem Haus verankert ist und in mehreren kleinen Produktionen mitwirkt.

Wie sind Ihre künstlerischen Pläne für die mittelfristige Zukunft des Jungen Theater/Oper & Konzert?

Kellmeyer: Es gibt zwei künstlerische Wege, die wir gehen: Einerseits die eher „klassische Vermittlung“ von Musiktheater (von Profis für Kinder), bei dem mir das experimentelle Musiktheater für Kinder und Jugendliche wichtig ist. Andererseits möchte ich den Weg der partizipativen Musiktheaterprojekte weiterdenken und ausbauen. Mittelfristig planen wir eine Stadtoper, in der Freiburger Jugendliche und altersungebundene Bürger, Chöre und Musikvereine mit Unterstützung des Philharmonischen Orchesters und des Sängerensembles des Hauses eine eigene Oper über ihre Stadt erarbeiten und umsetzen. Damit gehen wir weitere Schritte in die Stadt hinein und öffnen uns gegenüber neuen Themen und Bevölkerungsschichten unseres Publikums von heute und morgen.

Es gibt einen neugegründeten Rat für Kulturelle Bildung, es gibt Bündnisse für Kulturelle Bildung und es gibt Initiativen in diesem Bereich an vielen Stadt und Staatstheatern. Was halten Sie persönlich von diesem Boom?

Kellmeyer: Intern und extern gibt es viele Treffen, in denen wir alles, was mit kultureller Bildung zu tun hat, intensiv diskutieren. Ich halte es jedoch für sehr wichtig, nicht nur in der Theorie hängen zu bleiben, sondern Diskutiertes auch in die Praxis umzusetzen. Klasse ist, dass durch Treffen und Aktivitäten in diesem Bereich die aktive Kulturvermittlung mehr Aufmerksamkeit bekommt und es dadurch die Möglichkeit gibt, über Anträge an Fördergelder zu kommen. Diese ermöglichen es uns, besondere Projekte besser auszustatten oder auch erst zu ermöglichen.

Profitieren Sie bzw. das Junge Theater konkret davon (mehr Geld, mehr Personal, mehr Öffentlichkeit, mehr Resonanz)?

Kellmeyer: Wir profitieren im Jungen Theater/Oper und Konzert davon, wenn wir Fördergelder für unsere Projekte bekommen. Die höhere Aufmerksamkeit die diesem Bereich zukommt führt auch dazu, dass nicht nur unabhängige Fördergelder, sondern speziell auch die Politik (Stadt Freiburg) uns am Theater Freiburg einen Etat zur kulturellen Bildung zugesprochen hat. Seit Anfang 2014 gibt es an unserem Haus eine Stelle der Musikvermittlung aus dem Orchester heraus durch eine Musikerin des Philharmonischen Orchesters.

Kulturelle Bildung ist ein generationenübergreifendes Thema. Gibt es denn bei Ihnen neben dem Kinder- und Jugendtheaterprogramm auch Ideen, ein neues Publikum unter Erwachsenen zu generieren?

Kellmeyer: Neben unseren Theaterprojekten für Kinder und Jugendliche verfolgt das Theater Freiburg seit Jahren die Idee einer generationsübergreifenden kulturellen Bildung. Seit 2006 öffnet sich das Theater in die Stadt hinein und dabei entstanden bereits mehrere partizipative Projekte. Nichtproffesionelle Darsteller erlangten durch die gemeinsame Arbeit eine Autonomie, Ernsthaftigkeit und zugleich Verspieltheit in ihrem Anliegen, die uns Theatermacher sehr gerührt und weitere Impulse gegeben hat. Projekte, die wir als „Forschungsraum Theater“ seitdem umgesetzt- und daran geforscht haben- sind u.a. „Die Bettleroper“ (mit Schauspielern des Ensembles, Musikern und Obdachlosen aus Freiburg), „Die Unbelehrbaren“ (mit Schauspielern des Ensembles und Freiburger Schülern), „Superlehrer“ (mit Schauspielern und Lehrkräften aus verschiedenen Schulen), „Akimbo“ (mit Schüler/innen mit Behinderungen), „Kennwort Hoffnung“ (ein Theaterabend mit kranken und gesunden Kindern), „13“ (ein Musical mit Jugendlichen) und viele weitere. An unserem Haus gibt es eine Seniorenspielgruppe Methusalems, die einmal im Jahr unter professioneller Anleitung ein Stück umsetzen.

Auch in Zukunft macht sich das Theater Freiburg weiterhin auf den Weg in die Stadt und deren Themen. Uns ist es ein großes Anliegen, durch unsere Arbeit die Menschen aus der Stadt kennen zu lernen und durch- und mit Ihnen für unseren Theateralltag zu lernen. Aus dieser Beziehung entstanden und entstehen täglich neue oder auch über Jahre gewachsene Synergieeffekte, die unsere Arbeit und unseren Horizont als Theaterschaffende sehr bereichern und erweitern.

Enthalten in

Region: Baden-Württemberg | Sparte: Musik, Theater | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Interview |