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Projekt der Woche #215: "Begegnung mit dem 'Fremden' - Inszenierte Fotografie"

30.04.2018
Begegnung mit dem Altenheim, Autor der Inszenierung: Khairolah Arabzada, Foto: Sabine Bley, © slap- social land art project e.V..
Begegnung mit dem Altenheim, Autor der Inszenierung: Khairolah Arabzada, Foto: Sabine Bley, © slap- social land art project e.V..

"Begegnung mit dem 'Fremden' - Inszenierte Fotografie" ist ein Kooperationsprojekt von Social land art project (Slap) e.V. und der Oberschule Bad Zwischenahn. Das Projekt wurde 2017 mit dem MIXED-UP-Preis ländlicher Raum ausgezeichnet. Das nachfolgende Projektporträt wurde erstellte durch die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) und wurde erstveröffentlicht unter https://www.mixed-up-wettbewerb.de/preistraeger/preistraeger-2017/begegnung-mit-dem-fremden.html

Im Kurort Bad Zwischenahn geht es eher beschaulich zu. Außer dem Zwischenahner Meer gibt es weit und breit keine besonderen Attraktionen zu bestaunen. Oder? Khairolah aus Afghanistan würde dem vehement widersprechen. Er hat auf der Forschungsreise durch die Gemeinde überaus Verwunderliches entdeckt: zum Beispiel ein "Altenheim". Eine Gegenüberstellung von "Eigentümlichkeiten" der neuen und der alten Heimat zeigt eine Fotoausstellung, die er mit weiteren 14 jungen Geflüchteten vor dem Alten Kurhaus auf die Beine gestellt hat.

Forschungsreise durch das Ammerland
Sie sind erst kürzlich im Ammerland angekommen, die 14- bis 17-jährigen Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan, Irak und Bulgarien. Sie besuchen die Sprachlernklasse der Oberschule Zwischenahn. Vor ihnen liegt jedoch nicht nur sprachlich zum Teil völlig unbekanntes Terrain, sondern auch geografisch, kulturell und sozial. In dem Projekt "Begegnung mit dem Fremden" nehmen es die Schüler*innen offensiv mit den Überraschungen ihrer neuen Heimat auf. Khairolah hat ein Altenheim "erforscht" und ältere Menschen dabei beobachtet, wie sie mit einem Rollator spazieren gehen. Das gibt es in Afghanistan nicht. Hier leben alte Menschen immer mit der Familie und werden von den Jüngeren begleitet und unterstützt. Aleksandar aus Bulgarien kennt bisher wilde Nutzgärten für Obst und Gemüse, aber keine Baumschulen, um Parks und Ziergärten zu gestalten. Quais findet die Esskultur im jetzigen Zuhause befremdlich. Gegessen wird in Afghanistan auf dem Boden.

Kontrastprogramm im Bild
Ihre Entdeckungen inszenieren die Schüler*innen auf von ihnen frei gestalteten "Bühnen": mit selbstgebauter Kulisse, an ungewöhnlichen Schauplätzen oder an einem realen Ort in Bad Zwischenahn. Dazu stehen ihnen alle künstlerischen Mittel zur Verfügung – ob Zeichnung, Collage, Modellbau oder szenisches Spiel. Ohne die Einheimischen läuft dabei nichts. Denn die Schüler*innen brauchen nicht nur ihre Einrichtungen, Gärten und Geschäfte als kulissengebende Schauplätze, sondern sie selbst werden auch als Statist*innen eingesetzt. Jede Bühne wird abschließend fotografiert. Eine Aufnahme etwa zeigt Aleksandar, wie er mit drei Meter hohen Papierbannern mit deutschen und bulgarischen Schriftzügen an Bäumen im Park auf seine Ängste als Flüchtender aufmerksam macht; eine andere zeigt Quais und einen Mitschüler auf dem Boden sitzend in einer Bäckerei in Bad Zwischenahn. Die Fotografien der fünfzehn Künstler*innen waren zwei Wochen lang vor dem Alten Kurhaus zu sehen. Neben den Erlebnissen der ästhetischen Forschungsreise können die Jugendlichen eine weitere Überraschung mitnehmen: Wie bei jeder Reise, bei der man sich intensiv mit der Umgebung vertraut macht, deren Besonderheiten entdeckt und neue Freundschaften knüpft, haben auch sie begonnen, sich in Bad Zwischenahn heimisch zu fühlen.

Durch Kunst die neue Heimat kennenlernen – das ist das wichtigste Anliegen von slap – social land art project. Wie dem Verein in Zusammenarbeit mit Schulen in der ländlichen Region rund um Oldenburg immer wieder außergewöhnliche und preisgekrönte Projekte mit jungen Menschen gelingen, die oft erst kurze Zeit in Deutschland leben, beschreibt Edda Akkermann von slap im Interview.

Das nachfolgende Interview mit der Projektleiterin Edda Akkermann wurde geführt durch die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) und ist hier erstveröffentlicht https://www.bkj.de/kulturelle-bildung-dossiers/kulturelle-vielfalt-und-inklusion/interviews/artikel/id/10433.html

Drei Fragen an Edda Akkermann: „Mut zum Ungewöhnlichen“

BKJ: In Deutschland anzukommen und sich zurechtzufinden, ist für junge Menschen zum Beispiel aus Afghanistan sicherlich nie leicht. Ist das Ankommen „in der Provinz“ besonders schwierig?
Edda Akkermann: Die Verkehrsanbindung ist ein großes Problem. Die Jugendlichen* wohnen zum Teil in kleinen Dörfern, in denen nur einmal am Tag ein Bus fährt. Dort gibt es kaum Kulturangebote oder andere Treffpunkte für Jugendliche. Durch die Projekte, die wir bislang im Ammerland durchgeführt haben, entdecken die Kinder und Jugendlichen* ihre neue Lebenswelt. Wir suchen unter anderem Orte auf, an denen sie sich sozial vernetzen können, wie Jugendfreizeitstätten, Sportvereine und Kultureinrichtungen, immer mit dem Auftrag, den Ort mit künstlerischen Mitteln zu erforschen und zu dokumentieren. Wir zeigen, wie sie vom Standort der Schule dorthin kommen können. Der Dialog zwischen den Kindern unterschiedlicher Kulturen, die sich in ihrer neuen „Sprachlernklasse“ zum ersten Mal begegnen, wird über das gemeinsame Kreativsein jenseits von Sprachbarrieren gefördert. Im Rahmen des Projektes können Vorurteile revidiert und ein partnerschaftliches Miteinander erlernt werden.

BKJ: Wie kann ein „ästhetisches Forschungsprojekt“ den Jugendlichen* helfen, ihre neue Lebenswelt zu erkunden? Lernen dabei auch die Einheimischen etwas?
Edda Akkermann: Mit der künstlerischen Methode der „ästhetischen Forschung“ setzen sich die Jugendlichen* in einem kreativen Prozess mit ihrer Lebenssituation in der fremden und neuen Umgebung intensiv auseinander. Die Interessen der Jugendlichen* stehen im Vordergrund. Auf ausgedehnten Forschungstouren zu Fuß, mit dem Fahrrad, der Bahn oder mit dem Schiff entdecken die Jugendlichen* Neues. Aus Fragen entwickeln sich komplexe Themenfelder. In dem Projekt „Begegnung mit dem ‚Fremden‘“ bei dem die „Inszenierte Fotografie“ das künstlerische Mittel war, haben die Jugendlichen auch mit Traditionen ihrer Herkunftsländer gespielt. Da wurde beispielsweise in einer Bäckerei auf dem Fußboden gegessen. In anderen fotografischen Inszenierungen posierten Menschen in einem Altersheim, eine Polizistin trat in einer Szene über ein Parkverbot auf,  und ein Waggon einer Regionalbahn wurde zum Friseursalon umgestaltet.

In unseren Projekten treten die Jugendlichen mit Einheimischen in Interaktion. Einheimische Handwerksbetriebe, Geschäfte  und Vereine werden besucht. Es kommt zu einer gegenseitigen Verständigung über das gemeinsame Interesse und die künstlerische Aktion. Eine große Herausforderung, aber auch eine tolle Erfahrung, auf Menschen in einem fremden Land zu stoßen, die hilfsbereit sind und mitwirken. Ich denke, was dabei vor allem gelernt wird, ist gegenseitige Toleranz und Achtung.

Mit „Begegnung mit dem ‚Fremden‘“ hat „slap“ im  Herbst 2017 bereits zum zweiten Mal den MIXED UP Preis Ländlicher Raum gewonnen. Lässt sich aus der Art, wie sie in ihrer Region arbeiten, etwas ableiten, das sich Menschen in anderen ländlichen Regionen abgucken könnten?
Edda Akkermann: Ich würde sagen, den Mut zu ungewöhnlichen Aktivitäten an außergewöhnlichen Orten zu haben. Wichtig ist auch, mit unvorhergesehenen Gegebenheiten flexibel umgehen zu können und dabei die Qualität des Projektes immer wieder zu überprüfen. Eine gute Infrastruktur innerhalb des Ortes mit Schulen, Vereinen und Ortsansässigen zu bilden, ist hilfreich. Netzwerke sollten gepflegt und erweitert werden. Kontakte und Verlässlichkeiten sind Voraussetzungen für gelungene Projekte. Das betrifft unter anderem die Verfügbarkeit von Räumen, von technischem Equipment und die Freistellung der Jugendlichen vom Schulunterricht. Viele Details sind wichtig und sollten vor Beginn eines Projektes kommuniziert werden. Die ländliche Region Ammerland erleben wir als aufgeschlossen. Viele Wege sind kürzer als in der Großstadt und unsere Aktivitäten mit geflüchteten und zugewanderten Kindern und Jugendlichen werden begrüßt und gefördert.

Weitere Informationen

Social land art project (Slap) e. V.

Oberschule Bad Zwischenahn

https://www.mixed-up-wettbewerb.de/ -> Noch bis zum 15. Mai können Bewerbungen für den MIXED-UP Wettbewerb 2018 eingereicht werden.

Begegnung in der Bäckerei, Autor der Inszenierung: Qais Mishko, Foto: Sabine Bley, © slap- social land art project e.V.
Begegnung in der Bäckerei, Autor der Inszenierung: Qais Mishko, Foto: Sabine Bley, © slap- social land art project e.V.
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Niedersachsen | Sparte: Fotografie, Soziokultur | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |