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Projekt der Woche #195: „Läuft... bei Böckstiegel!“

27.11.2017
Eine App ist Ergebnis des Projekts, Foto: Lilian Wohnhas (c) Peter-August-Böckstiegel-Haus
Eine App ist Ergebnis des Projekts, Foto: Lilian Wohnhas (c) Peter-August-Böckstiegel-Haus

Peter August Böckstiegel (1889-1951) gilt als einer der bedeutendsten westfälischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Sein Geburtshaus befindet sich auf dem Lande unweit von Bielefeld in Werther-Arrode und ist heute ein als Museum anerkanntes Künstlerhaus, das Peter-August-Böckstiegel-Haus. Im Rahmen der Kunstvermittlungsarbeit am Böckstiegel-Haus fanden neben den „museumsüblichen“ Führungs- und Workshop-Angeboten in den im Schuljahr 2016/2017 zwei Durchgänge des Projekts "Läuft...bei Böckstiegel!" statt, für das die Peter-August-Böckstiegel-Stiftung mit der gleichnamigen Gesamtschule aus Werther und Borgholzhausen, mit der Gerhart-Hauptmann-Schule (Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen) und der Peter-Korschak-Schule (Hauptschule) kooperiert hat. Ermöglicht wurde dieses Projekt durch die Fördermittel des Programms „Von uns – für uns. Museum macht stark“ des Deutschen Museumsbunds. Das Programm unterstützt Initiativen, die die Peer-Education (Gleichaltrige bringen sich gegenseitig etwas bei) in Museen bringen. Das Programm ist angesiedelt unter dem Dach von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und wurde mit 30.000 Euro gefördert.

Lilian Wohnhas, Verantwortliche für Kunstvermittlung und Öffentlichkeitsarbeit am Peter-August-Böckstiegel-Haus und die beiden Projektleiterinnen Sabine Rott und Regine Höweler haben die Fragen von Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion beantwortet.

Wie ist der Projektname „Läuft... bei Böckstiegel“ zu verstehen und was war das Ziel der zwei Peer-Education-Maßnahmen im Rahmen von „Von uns – für uns. Museum macht stark“?
Lilian Wohnhas: Läuft ... bei Böckstiegel! greift die Jugendsprache auf und zeigt, dass die Perspektive und Herangehensweise der Jugendlichen im Mittelpunkt des Projektes steht. Durch das ergebnisoffene, partizipative Projekt konnten die Peer-Teamer einen Teil der Vermittlungsarbeit des Museums selbst gestalten. Neben den üblichen Zielen wie Vernetzung von Schulen und Kultureinrichtungen und kultureller Teilhabe im ländlichen Raum sollten vor allem die Hemmschwellen und Berührungsängste von bildungsbenachteiligten Jugendlichen gegenüber der Kulturinstitution Museum abgebaut werden. Indem die Peer-Teamer selbst ihre Themen und Vermittlungsformen auswählten, anschaulich die Inhalte zum Künstler und dem Expressionismus vermittelt bekamen und dies nach eigenen Schwerpunkten und Ideen an Gleichaltrige weitergaben, identifizierten sie sich sehr stark mit ihrer Arbeit.

Könnten Sie bitte kurz skizzieren, welche Umsetzungsetappen es gab und welche Ergebnisse entstanden sind?
Sabine Rott: Zunächst stellten wir das Projekt in den Klassen der verschiedenen weiterführenden Schulen vor. Die Workshops fanden dienstagnachmittags außerhalb der Unterrichtszeit im Künstlerhaus oder anderen Räumlichkeiten statt. Zwei Termine dienten dazu, das Künstlerhaus bei Rundgängen mit verschiedenen Aktionen kennenzulernen, sich als Gruppe anhand von Namensspielen zu finden und so eine Basis für das weitere Arbeiten zu schaffen. Danach schilderten wir mögliche Themen und Vermittlungsformen und sammelten die Vorschläge der Teilnehmer. Anschließend gab es eine geheime Abstimmung über ihr Lieblingsthema und ihre gewünschte Vermittlungsform. So wurde in der ersten Maßnahme eine App als interaktive Führung für das Smartphone zu den unterschiedlichen künstlerischen Techniken des Künstlers entwickelt.

Regine Höweler: Während der wechselnden Arbeit vor den Werken und den praktischen Erfahrungen mit Bleistift- und Kohlezeichnungen, Malerei, Styrenedruck, Aquarellmalerei und Ton sammelten wir bereits erste Ideen für die Führung und die App.
Eine Teilnehmerin begann auf eigene Initiative selbst Texte für die App zu schreiben. Die App entwickelte sich schnell zu einer Art Rallye für Kleingruppen durch das Künstlerhaus. Es gab informative Texte zum Leben und Werk Peter August Böckstiegels und Aufgaben für die Spieler, aber auch Aufgaben zum szenischen Spiel, die Möglichkeit Audio- und Videodateien hochzuladen und Fragen zu beantworten. Zwei Stationen beinhalteten auch praktische kreative Aufgaben. 

Wie war das Feedback der Teilnehmenden?
Sabine Rott: Die anschließenden interaktiven Führungen mit der APP, bei der rund 120 überwiegend bildungsbenachteiligte Kinder und Erwachsene teilnahmen, stellten ein großes Erfolgserlebnis für die Peer-Teamer dar! Mehrfach führten die Jugendlichen jeweils zu fünft oder sechst ihre Gäste durch das Haus. So konnten sie sich gegenseitig helfen und entsprechend ihrer Fähigkeiten mehr oder weniger stark einbringen. Wichtig war uns dabei, dass alle ein Erfolgserlebnis hatten, um das Selbstwertgefühl zu stärken.

Regine Höweler: In der zweiten Maßnahme beschäftigte sich die Peer-Teamer-Gruppe auf eigenen Wunsch mit dem Thema Porträt. Allerdings machten gleich zu Beginn organisatorische Stolpersteine, die fehlende Verbindlichkeit und massive Verhaltensauffälligkeiten zweier Mädchen ein inhaltliches Arbeiten kaum möglich. Trotz vieler pädagogischer Maßnahmen wie vermehrte gruppenfördernde Spiele, Gespräche etc. verweigerten sie die Mitarbeit. Am Ende verblieben zu wenige Teilnehmer und die Maßnahme musste abgebrochen werden.

Beide Maßnahmen sind inklusiv angelegt – d.h. die Teilnehmenden waren altersgemischt, kamen aus verschiedenen Schultypen und einige von ihnen haben psychische Beeinträchtigungen. Welche Besonderheiten bringt die Umsetzung eines inklusiven Projekts mit sich und wie haben Sie dies z.B. bei der Wahl der Themen und Methoden berücksichtigt?

Sabine Rott: In der ersten Maßnahme gab es von Beginn an eine sehr fröhliche und rücksichtsvolle Atmosphäre trotz der teils starken Einschränkungen und psychisch sehr belastenden Lebenssituationen einzelner TeilnehmerInnen. Hier konnten wir die Peer-TeamerInnen besonders der Hauptschule für ihr positives Sozialverhalten loben. In der zweiten Maßnahme dagegen erreichten wir keine günstige Gruppenkonstellation, sodass sich die Verhaltensauffälligkeiten eher gegenseitig verstärkten.

Regine Höweler: Beide Maßnahmen waren inklusive Projekte. Die Themen wählten die Teilnehmer selbst. Unser Vorgehen erforderte eine große Ergebnisoffenheit, viele Möglichkeiten zur Partizipation, einen spielerischen Ansatz und einen hohen Anteil an praktischen künstlerischen Techniken. Auch häufiges Wiederholen der Inhalte war nötig, da wir nicht davon ausgehen konnten, dass alle Teilnehmenden über ausreichende Lesekompetenzen verfügten. Außerdem war es wichtig, die Kompetenzen und Schwierigkeiten der Jugendlichen kennenzulernen, um eine gute Konstellation in den Vermittler-Teams mit leistungsstärkeren und -schwächeren Teamern zu erreichen. Bei den weniger leistungsstarken Jugendlichen war es wichtig, ihnen Aufgaben zukommen zu lassen, die ihren Fähigkeiten entsprachen. Es brauchte viel Fingerspitzengefühl, um niemanden zu unter- oder überfordern.

Stichwort kulturelle Bildung im ländlichen Raum: welche Besonderheiten und Herausforderungen bedeutet die sehr idyllische, aber abgelegene Lage Ihres Museums zum Beispiel für die logistische Seite der Vermittlungsarbeit?
Lilian Wohnhas: Wir haben das große Glück, Böckstiegels Leben und Werk in seiner authentischen Umgebung zu zeigen, das heißt umgeben von Feldern, alten Obstwiesen und Wäldern. Dennoch haben wir immer damit zu kämpfen, Besuchergruppen zu uns zu bringen, die selbst über keine Mobilität verfügen. Es war zu Beginn des Projekts recht schnell klar, dass eine Lösung für die Transportfrage über Gelingen und Scheitern der Maßnahme entscheiden würde. Daher war es für uns nur eine logische Konsequenz, direkt einen kostenlosen Taxidienst in die Projektstruktur aufzunehmen, der die Schüler zu vereinbarten Zeitpunkten zuverlässig zu uns bringen sollte.

Zum Abschluss noch ein Ausblick: Seit 2016 entsteht in direkter Nachbarschaft des derzeitigen Museums ein Ergänzungsbau, der 2018 eröffnet werden soll. Was bedeutet das für die kulturelle Bildungs- und -vermittlungsarbeit an Ihrem Museums?
Lilian Wohnhas: Das bedeutet für uns einen qualitativen und räumlichen Quantensprung! Während wir aufgrund der beengten Verhältnisse im Künstlerhaus und saisonalen Öffnung bislang nur mit einer begrenzten Menge an Kindern und Jugendlichen arbeiten konnten, können wir zukünftig eine höhere Nachfrage bedienen. Ein eigens für die Kunstvermittlung konzipierter Raum im neuen Museum wird uns da gute Dienste leisten. Aber auch die inhaltliche Ausrichtung der Vermittlungsarbeit im Künstlerhaus und Museum soll ausgebaut werden, zum Beispiel in Richtung außerschulischer Lernort und indem vermehrt Kooperationen mit den umliegenden Kindergärten und Schulen geschlossen werden sollen. Das Museum wird außerdem wechselnde Ausstellungen von Weggefährten und Zeitgenossen von Böckstiegel, aber auch Vorreitern des Expressionismus zeigen. Damit stehen wir inhaltlich vor einer ganz neuen thematischen Bandbreite in der Vermittlung! Derzeit erarbeiten wir eine Rahmenkonzeption für die Kunstvermittlung, die uns da insgesamt gute Dienste leisten soll.

Vielen Dank!

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Weitere Informationen

Vimeo-Video zum Projekt "Läuft...bei Böckstiegel"

Peter-August-Böckstiegel-Haus

Peter-August-Böckstiegel-Stiftung: Förderer und Freunde

Webseite der PAB-Gesamtschule Werther
Webseite der Gerhart-Hauptmann-Schule Halle
Webseite der Peter-Korschak-Schule Halle

Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Projektgruppe vor dem Peter-August-Böckstiegel-Haus, Foto: Regine Höweler (c) Peter-August-Böckstiegel-Haus
Projektgruppe vor dem Peter-August-Böckstiegel-Haus, Foto: Regine Höweler (c) Peter-August-Böckstiegel-Haus
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Nordrhein-Westfalen | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Schulische Bildung | Textsorte: Projekt der Woche |