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Projekt der Woche #192: CYRKUS

06.11.2017
Brückenakrobatik, (c) Foto: Florian Gärtner, KulturBrücken Görlitz
Brückenakrobatik, (c) Foto: Florian Gärtner, KulturBrücken Görlitz

Der KulturBrücken Görlitz e.V. ist ein soziokultureller Verein und Träger der freien Jugendhilfe in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec, welcher mittels internationaler CYRKUS-Pädagogik grenzübergreifend arbeitet. In der deutsch-polnischen Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec leben schon immer Menschen verschiedener Kulturen (vor allem deutsche und polnische) eng beieinander – getrennt nur durch die Neiße und verbunden über zwei Brücken. Der neugebildete Begriff "CYRKUS" ist eine Verbindung aus dem polnischen "cyrk" und dem deutschen "Zirkus". Der Grundansatz der CYRKUS-Projekt des KulturBrücken e.V. ist es, dass Kinder und Jugendliche, welche auf beiden Flussseiten leben, miteinander in Kontakt gebracht werden, sich kennenlernen und miteinander künstlerisch wirksam werden, eben zum Beispiel eine CYRKUS-Vorstellung erarbeiten. Dabei wurden in den vergangenen Jahren vier unterschiedliche Projekt-Formate etabliert: CYRKUS für alle, CYRKUS im Sommer, CYRKUS im Laden und CYRKUS im Koffer.

Anne Schaaf, Projektleiterin beim KulturBrücken Görlitz e.V. wurde von Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion befragt.

Ulrike Plüschke: Wie im Namen Ihres Vereins KulturBrücken e.V. schon anklingt, ist eines Ihrer Hauptanliegen das kulturelle Brückenbauen in der Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec? Wie kann dies durch bi- oder internationale Zirkusprojekte erreicht werden?
Anne Schaaf: Als Grundlage vieler Berührungsängste und Hemmschwellen haben wir die Unkenntnis der jeweils anderen Sprache identifiziert. Menschen trauen sich nicht miteinander "ins Gespräch", in Kontakt zu kommen weil sie denken, dass es nur verbale Austauschmöglichkeiten gibt. Im Zirkus ist dies kein Problem. Hier kann Kommunikation als so vielgestaltig erfahren werden, dass die verbale Sprache nur eine Variante ist – sei es über die Körpersprache mittels Akrobatik und Tanz, den Austausch der Requisiten beim Jonglieren oder die Laut- und Geräuschsprache, das Gromolo, der Clowns. Alles unterstützt natürlich durch sprachmittelnde Angebote von zweisprachigen Pädagogen und Dolmetschern innerhalb der Workshoparbeit. Außerdem achten wir darauf, dass bei Präsentationen und Shows aber auch allgemeinen Ansagen, immer alles auch ins polnische oder gelegentlich auch Arabische übersetzt wird damit die deutsche Hegemonie der Sprachlichkeit aufgebrochen wird. Sehr hilfreich sind dabei unsere zwei- bis dreisprachigen Teilnehmenden der Jugendgruppe, die als Co-Workshopleiter in allen Projekten aktiv sind. Sie kommen zum Beispiel aus Polen, Syrien und Afghanistan und wachsen über die Jahre in die Dolmetscherrolle hinein.

Außerdem macht eigene künstlerische Tätigkeit mutig. Wer sich selbst als aus sich selbst heraus wirksam erlebt, der traut es sich auch zu, auf andere Menschen zu zugehen, sich vom Fremdheitsgefühl nicht aufhalten zu lassen, der ist mutig und stark.

Würden Sie bitte die unterschiedlichen CYRKUS-Angebotsformate kurz vorstellen: CYRKUS für alle, CYRKUS im Sommer, CYRKUS im Laden und CYRKUS im Koffer.
Anne Schaaf: CYRKUS im Sommer / w lecie:  Der Startschuss fiel 2007 mit der Organisation des ersten deutsch-polnischen Zirkusworkshops als Ferienwoche im Sommer, welche mit Kooperationspartnern aus Zgorzelec ermöglicht wurde und sich seitdem stetig weiterentwickelt hat. So werden inzwischen mit diesem Projekt allsommerlich 50 Kinder sowohl aus Polen als auch aus Deutschland erreicht und von einem konsequent deutsch-polnisch besetzten Trainer-Team in den verschiedenen Zirkusdisziplinen unterwiesen. Viele jahrelange Freundschaften zwischen den Teilnehmern haben sich dadurch entwickelt und so mancher Jugendlicher, der anfangs "nur" mitgemacht hat ist inzwischen selbst in der Zirkuspädagogik aktiv.
CYRKUS im Laden / w sklepie: Seit Herbst 2011 kam noch ein weiteres, umfassenderes und regelmäßigeres Projekt hinzu – der CYRKUSladen. Das besondere ist, dass hier ein leer stehendes Ladenlokal als Workshopraum und Trainingsstätte genutzt wird. Dadurch kann mitten im Stadtbild von Görlitz und Zgorzelec Präsenz gezeigt werden. Diese außerschulische Aktivität, welche von allen Kindern und Jugendlichen der Zwillingsstadt genutzt wird, ermöglicht es, gemeinsam die Grenze der Sprache zu überwinden und sich mit Körpersprache und Bewegung zu verständigen. Zum Ende eines Schuljahres und zum Ende eines Kalenderjahres gibt es Auftritte im öffentlichen Raum, welche von den Teilnehmenden unter pädagogisch-künstlerischer Leitung selbstständig erarbeitet werden. Hierbei waren bisherige Aufführungsorte das Apollotheater Görlitz, der Dom Kultury in Zgorzelec, das Gerhard Hauptmann Theater Görlitz-Zittau, das Kulturpicknick auf dem Demianiplatz Görlitz, der Dorfplatz in Sulikow, das Kinder-Hexenfeuer im Kühlhaus Weinhübel und der Schlesische Christkindelmarkt. Die generell von uns angebotenen Zirkusdisziplinen umfassen Jonglage, Bodenakrobatik, Einrad fahren, Clownerie, Musik-/Soundtrackproduktion und Luftakrobatik. Auch Theatertechniken werden in jedem Kurs intensiviert, um die Kunst der Präsentation zu erlernen. Des Weiteren gibt es noch ein JuniorJugendvarieté (10 bis 12 Jahre), welches verstärkt konzeptionelle Verantwortung für die Aufführungen übernimmt und die Regie erarbeitet und das "Zirkussspiel". Darin werden Fünf- bis Siebenjährige spielerisch an verschiedene Zirkusdisziplinen herangeführt. In erster Linie möchten wir den Kindern ermöglichen, sich mit Zirkus vertraut zu machen und sich spielerisch auszuprobieren und ihnen vermitteln, sich aufeinander einzulassen, Rücksicht zu nehmen und sich einzusetzen. So fördert Zirkus als Medium das Bewusstsein und die Wahrnehmung des Selbst und der Gruppe. Teilnehmende sollten zwischen sieben und 18 Jahre alt sein. Zusätzlich dazu gibt es seit 2017 einen Kostüm- und Kulissenbauworkshop, welcher sich auch an ältere Teilnehmende und Eltern richtet aber genauso all jene Kinder einbezieht, die sich nicht so wohl im Rampenlicht fühlen.
CYRKUS für alle: Im Herbst 2014 fand erstmalig im Rahmen des Bundesförderprogramms "Zirkus macht stark" ein Zirkusprojekt auf dem Lutherplatz, einem sogenannten sozialen Brennpunkt in Görlitz, statt. In Kooperation mit dem Kinder–Kultur-Café Camaléon und der Friedrich-Ludwig-Jahn-Schule wurden 35 Kinder mit teilweise polnischem Sprachhintergrund an drei Freitagterminen und einem Wochenendworkshop mit dem Medium Zirkus in Kontakt gebracht. Der Lutherplatz als sozialer Brennpunkt erforderte eine andersartige Arbeitsweise und Methodik als unsere regelmäßigen Workshopangebote. Das bedeutete zum Beispiel, dass Zeitabläufe und Strukturen offener gestaltet wurden, die Kinder und Jugendlichen niedrigschwellig an die Angebote Jonglage, Akrobatik und Clownerie herangeführt wurden und sich Stück für Stück darauf einlassen konnten. Wichtig war hierbei, dass wir mit unserem Angebot in die soziale Sphäre der Kinder und Jugendlichen hinein kamen, wir quasi bei ihnen zu Gast waren, uns ihren Abläufen anpassten und nur sehr langsam und behutsam Einfluss auf Verhaltensmuster und Verweigerungshaltungen nahmen. Wir konnten beobachten, wie durch diese Arbeitsweise des "street circus" auch Kinder und Jugendliche angesprochen und zu künstlerisch-kreativer Auseinandersetzung motiviert werden konnten, die sich in schulischen oder auch anderen Lernzusammenhängen als eher defizitär erleben und diese Erfahrung durch aggressives und/oder destruktives Verhalten zu übersteigern oder kompensieren versuchen. Auch hier stellte sich eine deutsch-polnische Herangehensweise als ideale Arbeitsgrundlage heraus, da viele Bewohner des Sozialraums einen polnischen Migrationshintergrund aufwiesen. In der Fortführung dieser Kurzprojekte im Jahr 2015 realisierte sich eine zunehmende Internationalisierung der Migrationshintergründe der teilnehmenden Kinder. Diese Tatsache stellt uns vor neue Herausforderungen und bestätigt uns gleichzeitig in unserer non verbalen Arbeitsweise. Seit Herbst 2015 hat sich dieses Angebot noch um einen regemäßigen, sehr offen gestalteten wöchentlichen Workshop und eine Jugendgruppe, welche bei uns im Laden trainiert und ihre eigene Inszenierung erarbeitet erweitert
CYRKUS im Koffer: Neben diesen Projekten, wo wir strukturell aktiv sind, gibt es verschiedene Kurzveranstaltungen, bei denen wir präsent sind. Zum Beispiel kommen wir zu Schulfesten, Tagen der offenen Tür und Festivals mit unserem CyrkusKoffer zu den verschiedenen Einrichtungen, so zum Beispiel dem "Fokus-Festival" und dem "Altstadtfest". Außerdem geben wir Workshops auch außerhalb des Ladens in Kinderheimen oder Kindertagesstätten. Hier sei beispielsweise das Kinderheim "Janusz Korczak" genannt. CYRKUS im Koffer ist aber auch der Name für unsere Erwachsenenfortbildungen, Schulprojekte und alles, wofür wir extern gebucht werden können.

Gern würde ich auf „CYRKUS im Laden / w sklepie“ näher eingehen: In welcher Umgebung befindet sich dieser Laden und wie wird die Nutzung des Ladens als zirkuspädagogischer Ort im Viertel wahrgenommen? Wie lange wird CYRKUS in Laden / w sklepie voraussichtlich weitergeführt werden können?
CYRKUS im Laden / w sklepie befindet sich momentan in der Heilig Grab Str. 74, einem Viertel zwischen Innenstadt West und Königshufen. Es handelt sich um eine Location, die sich auch immer wieder ändert. So waren wir zum Beispiel schon in der Görlitzer Altstadt in verschiedenen ehemaligen Ladenlokalen und sind mittlerweile auch wegen der gesteigerten Teilnehmendenzahl und technischen Anforderungen (z.B. Luftakrobatik) in verschiedenen Turnhallen unterwegs. Der Laden als solcher ist eine Mischung aus Begegnungsort, der von Kindern aus dem Viertel frequentiert wird aber auch von Kindern aus Zgorzelec  und der ganzen Stadt genutzt wird. Im Prinzip kommen sie alle zusammen für das Medium Cyrkus. Wo sich der Ort befindet ist dabei zweitrangig. Das Projekt muss jedes Jahr künstlerisch angepasst, verändert und neu beantragt werden, es entwickelt sich permanent weiter. Wir wissen manchmal wegen der Fördermittelpraktiken im Dezember nicht, ob wir im Januar losstarten können. Aber die Leidenschaft all derer, die auch einen großen Batzen ehrenamtlicher Kraft in den Fortgang des Ladenprojekts stecken, hält es am Laufen.

De facto machen wir strukturelle Arbeit, sind aber in Projektform finanziert. Das bedeutet zum Einen, dass wir uns ständig qualitativ hinterfragen und weiter entwickeln müssen, zum Anderen haben wir aber auch keinerlei Sicherheit, dass wir unsere Arbeit aufrecht erhalten können, die wir über 11 Jahre hier in der Doppelstadt aufgebaut haben. Und es arbeiten bei uns alle auf Selbstständigen-Honorarbasis – wir haben keine fest angestellten Erwerbstätigen.

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg!

Weitere Informationen

cyrkus.eu

zirkus-macht-stark.de

CYRKUS im Laden, (c) Foto: Florian Gärtner, KulturBrücken Görlitz
CYRKUS im Laden, (c) Foto: Florian Gärtner, KulturBrücken Görlitz
Kategorie: 
Allgemeine News
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Region: Sachsen | Sparte: Soziokultur, Theater, Zirkus | Thema: Erwachsenenbildung | Textsorte: Projekt der Woche |