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Projekt der Woche #188: Kunst & Kabel

09.10.2017

Mit der Entwicklung eines mobilen Fablabs für Kinder und Jugendliche baut das jfc Medienzentrum Köln seit 2014 ein neues Arbeitsfeld unter dem Titel "Kunst & Kabel" auf, in dem der kreative, konstruierende Zugang zu Medien im Mittelpunkt steht. In einem sogenannten Fabrication Laboratory (kurz Fablab) bekommen üblicherweise Erwachsene die Möglichkeit, mit Hilfe von traditionellen Werkzeugen und innovativen, digitalen Tools, fantasievolle Produkte zu erstellen. 3D-Drucken, Physical Computing mit Arduino, Makey Makey oder Upcycling mit Elektromüll sind Tätigkeiten, die aber auch Kinder und Jugendliche zum Tüfteln, Ausprobieren und Selbermachen anregen. Unter dem Begriff „pädagogisches Making“ hat das Team von „Kunst & Kabel“  dazu pädagogische Methoden entwickelt und bietet sie sowohl als Workshops, Ferienwochen und offene Angebote für Kinder und Jugendliche, als auch als Fortbildungen, Beratungen und Vorträge zur Übertragung von Making in Bildungszusammenhänge für pädagogische Fachkräfte an.

Henrike Boy, Fachbereichsleitung "Kunst & Kabel" beim jfc Medienzentrum wurde von Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion zu „Kunst & Kabel“ befragt.

Ulrike Plüschke: Frau Boy, wie ist die Idee für „Kunst & Kabel“ entstanden und welche Ziele streben Sie damit an?
Henrike Boy: Bei uns im jfc-Team ist es üblich, dass wir uns regelmäßig über technischen Entwicklungen und kulturelle Trends austauschen. Wir beraten uns dann darüber, was wir gerne in der medienpädagogische Arbeit aufgreifen wollen würden, was uns fasziniert und begeistert.
Wir hatten die sogenannte Hacker-Kultur schon länger im Auge. Mit dem Aufkommen der DIY- bzw. Maker-Kultur und der Eröffnung des ersten Fablabs am MIT in Boston war für uns schnell klar, dass diese sich weiterentwickelt hat und dass die Technologien mittlerweile nicht mehr nur was für „Nerds“ waren, sondern nun Möglichkeit boten, mit erschwinglichen Ressourcen und wenig Vorwissen selbstständig mit Technik tätig zu werden. Hinter dieser „digital revolution“ (Begriff von Neil Gershenfeld) sahen wir schnell ein großes Potenzial für die medienpädagogische Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen, die sich den kreativ-konstruierenden Umgang mit Technik bisher nicht zutrauten, und entwickelten die Projekte „Fablab mobil“, eine Making-Werkstatt auf Rädern, und „Young Fablab“, eine stationäre Werkstatt in Köln, welche aus dem Fachbereich des jfc „Kunst & Kabel“ unter dem Motto Konstruieren. Programmieren. Selbermachen. herausgebildet wurden.

Seitdem prägt Vielfalt die Kunst & Kabel-Angebote, die wir auf unterschiedliche Schwierigkeitslevels und Zielgruppen zuschneiden: von Rauminstallationen, Performances und interaktiven Computerspielen, vom Bewegungsalarm, der bellend ungebetene Gäste vertreibt, über selbst-programmierte Games und Apps bis hin zu 3D-gedruckten Skulpturen, smarter Kleidung, 360°-Lightpainting-Welten, die mit VR-Brillen erkundet werden können, digital-analogen Musikinstrumenten sowie Pflanzen, die nach Wasser rufen, wenn sie gegossen werden wollen.

Wie lassen sich Kunst und Kabel im konkreten FabLab-Alltag verbinden?
Wie der Name schon sagt, spielt bei allen Kunst & Kabel-Projekten nicht nur die Technik, sondern ebenso der kreativ-künstlerische Zugang eine elementare Rolle. Bei dem neuen Projekt "Die Kreativhelden − Deine Ideen für eine bessere Welt." entwickeln Jugendliche zwischen 15-25 Jahren beispielsweise eigene kreative Projektideen für ein sozialeres Miteinander und setzen diese um. Hier werden Making-Ansätze mit ethischen Fragen und sozialem Engagement verknüpft.Alle Making-Workshops möchten Interesse und Begeisterung für Selbermachen hervorrufen. Denn wir glauben, dass jeder Mensch das Potenzial besitzt, ein Maker zu sein. Making bedeutet dabei für uns, selbstbestimmt mit analogen und digitalen Möglichkeiten produzierend tätig zu sein und ein für sich bedeutsames Produkt zu erstellen. Durch den Lernprozess im Making wird sichtbar, was der/die Lernende kann, denn die Potenziale des Individuums repräsentieren sich durch das geschaffene Produkt. Arbeits- und Umgangsweisen im pädagogischen Making sollen, so unsere Vision, Kindern und Jugendlichen dabei helfen, autonom und experimentell eigene Ideen zu verwirklichen. In unserer Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen merken wir häufig, dass diese sich nur sehr wenig zutrauen, oftmals zurückhaltend und schüchtern agieren. Durch die Fokussierung auf Selbstwirksamkeitserfahrungen, die die TeilnehmeInnen in unseren Making-Workshops durchlaufen, möchten wir ihnen mehr Mut und Vertrauen zur Erreichung ihrer persönlichen Ziele mit auf den Weg geben. Making-Technologien bieten vielfältige Möglichkeiten, um mit Spaß, Kreativität und Erfindergeist Dinge zu erschaffen und für die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu nutzen.

Für die Entwicklung unserer didaktischen Konzepte und Making-Methoden konnten wir von 2015 bis 2017 glücklicherweise ein Praxisforschungsprojekt umsetzen, welches in Kooperation mit der TH Köln das Potenzial von pädagogischem Making erforschte. Auf dieser Basis konnten wir unsere Arbeit mit großen Schritten weiterentwickeln. Durch die qualitative Evaluation unserer Making-Workshops fanden wir heraus, welche ganz individuellen (Bildungs-)Erfahrungen Kinder und Jugendliche, aber auch Fachkräfte und TeameInnen dabei machten. Unter http://jfc.info/publikationen-id32 (oder direkt beim kopaed-Verlag) kann die Publikation, in der alle wichtigen Forschungsergebnisse zu pädagogischem Making mit vielen Hinweisen zur praktischen Umsetzung und theoretischen Einbindung von Making zusammengefasst sind, bestellt werden. Inzwischen übertragen wir die Making-Methoden und -Konzepte, die wir entwickelt, praktisch erprobt und erforscht haben, mittlerweile in pädagogische Starterkits. Das sind Pakete mit ausgearbeiteten Bildungsmaterialien, Anleitungen und niederschwelligen Making-Technologien, die wir deutschlandweit verschicken. Diese können von Einrichtungen geliehen werden. Die Bildungsmaterialien und Video-Tutorials, die ebenso online abgerufen werden können, laufen unter einer OER-Lizenz (Open Educational Resources, freie Lern- und Lehrmaterialien) und können so von Einrichtungen kostenlos abgerufen und angepasst werden. Die Materialien bieten auch Jugendlichen selbst eine ansprechende Möglichkeit, um technische Einführungen und praktische Tipps zur Nutzung von Making-Technologien wie 3D-Druck, Physical Computing & Co zu erhalten.

Sie bieten ein breites Spektrum an Fablab-Formaten an, teils als mehrstündige Workshops, teils als mehrtägige Ferienangebote, teils auch als Fablab mobil. Würden Sie bitte diese Bandbreite kurz vorstellen und einen Einblick geben, von wem und mit welchem Feedback diese bisher angenommen werden?
Wir setzen unsere Angebote vom Nachmittagsworkshop in der Jugendeinrichtung über Ferienkurse bis hin zu Aktionen, Fortbildungen und Mitmachangeboten auf Maker Faires, Festivals, Tagungen und Camps um. Diese Making-Angebote sind geprägt von einer kreativ-künstlerischen Ausrichtung und unserem didaktischen Modell „Fablab mobil“ zur Entstehung von Selbstwirksamkeitserfahrungen seitens der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Allgemein richten sich die Angebote an Jugendliche zwischen 12 und 20 Jahren. Dabei inkludieren wir flexibel Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, mit Technikerfahrungen und ohne.

Wir unterscheiden prinzipiell zwischen drei unterschiedlichen Formaten:
1) Making-Camp: Das Camp ist ein 3-5-tägiges Ferienangebot, welches die Vielfalt der Making-Technologien in den Vordergrund stellt. Die TeilnehmerInnen können innerhalb verschiedener Möglichkeiten auswählen und interessengeleitet Erfahrungen sammeln.

2) Making-Workshop: Dieses Angebot ist 0,5-3 Tage lang und etwas geschlossener, weil es konkrete Technologien auswählt und in ein kreativ-künstlerisches Gesamtkonzept bringt. Die TeilnehmerInnen haben hier die Möglichkeit, ein Interesse für bestimmte Making-Tätigkeiten aufzubauen. 

3) Making international: Das sogenannte Creative Space International ist unser Fablab in Köln, welches einmal wöchentlich öffnet, um gemischte Gruppen einheimischer und geflüchteter Jugendliche dazu einzuladen, anhand verschiedener Making-Konzepte making-bezogene Technologien und Arbeitsweisen kennenzulernen und auszuprobieren. Außerdem gibt es selbst-gestaltete DIY-Tutorials und Beratung.

4) Feste Maker-Teams: Die Maker-Teams treffen sich regelmäßig (bisher nur in Köln), um gemeinsam zu tinkern und sich auszutauschen. Die TeilnehmerInnen dieser Gruppen haben bereits ein eigenes Interesse für Making-Tätigkeit aufgebaut und setzen dieses (größtenteils eigenständig) um. Hier setzen wir den Schwerpunkt auf die Entwicklung eigener Interessen und Ideen sowie auf die Einbindung in einen gesellschaftsrelevanten Kontext (so wie bei den „Kreativhelden“). Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass Making-Angebote viel Begeisterung, sowohl bei pädagogischen Fachkräften, als auch bei Kindern und Jugendlichen, wecken. Wichtig sind uns dabei allerdings die entsprechenden Rahmenbedingungen. Wir haben gemerkt, dass Aspekte wie Betreuungsschlüssel, räumliche Begebenheiten und Zeit ausschlaggebende Kriterien dafür sind, ob ein Making-Angebot gelingt oder nicht.

Welche Vorerfahrungen und welches Vorwissen bringen die Teilnehmenden in der Regel mit?
Das ist ganz unterschiedlich: Prinzipiell fokussieren wir uns bei der Umsetzung der Angebote auf die Offenheit und Neugierde der TeilnehmerInnen, aber es kommt auch vor, dass sich Gruppen für spezielle Aspekte der Making-Kultur interessieren, bspw. für 3D-Druck oder Upcycling. Dann richten wir unsere Angebote entsprechend daraufhin aus. Um den TeilnehmerInnen Möglichkeiten zu geben, über das Angebot hinaus auch noch selbständig tätig zu bleiben, integrieren wir Open Source-Software, sowie kostengünstige oder kostenlose Geräte, Plattformen und Materialien. Die Making-Kultur ist davon geprägt, dass Aktive eine Sharing- und Caring-Kultur befürworten, sich somit mit Rat und Tat, kreativen Ideen und einer Vielzahl an Tutorials, Anleitungen und DIYs im Prozess des Makings online und offline (z.B. in Fablabs, bei Repair Cafés oder Maker Faires) unterstützen.  

Kommen wir abschließend zur Finanzierung: Allein die technische Ausrüstung, wie z.B. 3D-Drucker, und auch die intensive Betreuung der Teilnehmenden sind sicherlich sehr kostenintensiv. Wie finanzieren Sie das Projekt?
Das jfc Medienzentrum ist ein gemeinnütziger Verein und als freier Träger der Jugendhilfe anerkannt. Es erhält eine Grundförderung durch den Kinder- und Jugendförderplan des Landes Nordrhein-Westfalen sowie durch die Jugendförderung der Stadt Köln. Das ist die Basis, auf der wir neue Vorhaben über Projektmittel entwickeln können. Ergänzt wird dies durch Projektförderung verschiedener öffentlicher und privater Unterstützer. 2014 entstand "Fablab mobil", welches seitdem vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKFFI NRW) und der Stadt Köln finanziert wurde. 2015 und 2016 wurde „Kunst & Kabel“ außerdem durch die Stiftung Deutsche Jugendmarke und die HIT-Stiftung unterstützt. Seit 2017 bekommen wir zudem die Möglichkeit, ein Projekt durch die Unterstützung von Aktion Mensch umzusetzen. Nicht zu missachten sind des Weiteren die vielen ehrenamtlichen Helfer und die Spenden, durch die "Kunst & Kabel" unterstützt wird.

Vielen Dank!

Weitere Informationen
http://fablab.jfc.info/

http://jfc.info/

http://diekreativhelden.jfc.info/

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Hier finden Sie einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche.

Mit Lötkolben im FabLab, Foto: (c) jfc Köln
Mit Lötkolben im FabLab, Foto: (c) jfc Köln
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Nordrhein-Westfalen | Sparte: Bildende Kunst, Design, Interdisziplinär, Medien | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |