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Projekt der Woche #186: ALL OUR FUTURES

25.09.2017
Projektmotiv von "ALL OUR FUTURES", (c) Shutterstock
Projektmotiv von "ALL OUR FUTURES"; (c) Shutterstock

Wo wir leben und was wir dort tun, ist ein Teil davon, wer wir sind. Wie wollen wir leben? Mit dem Projekt "All Our Futures" hat das Schauspiel Frankfurt Anfang September 2017 eine große künstlerische Reise in verschiedene Lebenswelten der Main-Metropole gestartet: Das Projekt wird ca. 200 Jugendlichen in drei Frankfurter Stadtteilen über drei Jahre hinweg Gelegenheit bieten, über die künstlerische Erforschung ihrer Lebensräume ihre eigenen Stimmen zu finden und gemeinsam Regeln und Ziele für die Zukunft zu entwerfen. Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Bildende Kunst, Performance Musik und Tanz begleiten die Jugendlichen zusammen mit Pädagoginnen und Pädagogen von acht Schulen und einer Jugendeinrichtung, die bereits über eine Ausschreibung für das Projekt gewonnen wurden. Projekträume und regelmäßige Präsentationen vor Ort wie auch im Schauspiel Frankfurt schaffen den Austausch zwischen den verschiedenen "Wirs", den Gruppen in den Stadtteilen und dem Theater, den Pädagogen und Künstlern und münden im dritten Jahr in einem großen Projekt im Schauspielhaus.

Martina Droste, Theaterpädagogin und Leiterin des Jungen Schauspiel am Schauspiel Frankfurt und der Dramaturg Alexander Leiffheidt leiten gemeinsam das Projekt und wurden von Ulrike Plüschke von der "Kultur bildet." -Redaktion zum Projekt befragt.

Ulrike Plüschke: Frau Droste, Herr Leiffheidt, "All Our Futures" (Alle unsere Zukünfte) ist ein sehr weitreichender Projekttitel. Was ist die inhaltliche Zielsetzung des Projekts?

Alexander Leiffheidt: Der Grundgedanke des Projekts drückt sich tatsächlich bereits in diesem Titel aus. Wir stellen uns Zukunft meist im Singular vor; der Plural klingt im Deutschen etwas sonderbar. Aber genau um diese Pluralität geht es: Also darum, in einem künstlerischem Mosaik den vielen subjektiven „Zukünften“ und „Welten“ der jungen Menschen in der Metropole Frankfurt eine Stimme zu geben.

Martina Droste: Manche Jugendliche fragen uns zum Projektbeginn: Was geht mich das Thema an? Was habe ich davon? Diese wichtigen Fragen zeigen möglicherweise vorhandene Haltungen zur eigenen Lebenswelt wie Gewinnorientierung und die mangelnde Erfahrung von Selbstwirksamkeit/Effizienz bei der Gestaltung der Lebenswelt. Meine Antwort ist: Weil es darum geht, wie ihr in Zukunft zusammen leben wollt. Und zwar nicht als Teil einer einheitlichen Leitkultur, sondern in der Vielfalt eures unterschiedlichen kulturellen Wissens und diverser Lebenserfahrungen. Eure Generation muss den Austausch über verbindliche Werte so gestalten, dass sich Unterschiedlichkeiten zu einem Miteinander formen können. Nach welchen Regeln, in welcher Welt wollen wir zusammen leben? Das ist die zentrale inhaltliche Frage des Projekts.

Alexander Leiffheidt:  Das hat für uns auch viel mit der Stadt Frankfurt und ihrer Geschichte zu tun. Hier hat das erste Parlament in Deutschland getagt, hier ist die erste parlamentarische Verfassung für einen geeinten deutschen Bundesstaat verabschiedet worden. Zugleich ist Frankfurt heute eine der vielfältigsten Metropolen Deutschlands. In der Arbeit mit den Jugendlichen und Künstlerteams verwenden wir den Begriff ‚Verfassung‘ in einem Doppelsinn:  Zum einen als Frage nach dem Regelwerk, zum anderen als Frage nach der emotionalen Verfassung, der "Verfasstheit". Wie geht es mir hier, wo ich lebe – und wie soll es mir gehen? Aus diesen Fragen entstehen kreative Auseinandersetzungen mit der eigenen Umwelt, aber auch Forderungen an die Zukunft, an die eigene und die der anderen.

Welche Projektetappen haben Sie während der drei Jahre vorgesehen und welche künstlerisch-kreativen Zugänge und Methoden sollen dabei zum Einsatz kommen?

Alexander Leiffheidt: Jedes der drei Jahre des Projekts trägt einen eigenen Titel: "Die Welten", "Die Reisen" und "Die Gründung". Darin deuten sich die jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkte an: Das erste Jahr dient der Erforschung der zahlreichen, sich überlagernden "Welten", die sich in den jeweiligen Stadtteilen, d.h. in ihrer spezifischen Historizität, Demographie, in den Kulturen der Bewohner oder auch einfach im Alltag entdecken lassen. Im zweiten Jahr setzen wir die Arbeiten der Gruppen und Stadtteile stärker zueinander in Beziehung; damit wird z.B. der Ort der gemeinsamen Treffen, das Eigene und das Andere, zum Politikum. Und im dritten Jahr mündet dann alles in "Die Gründung": ein großes Theaterprojekt auf der Bühne des Schauspielhauses, das die gemeinsame Vision, die gemeinsame "Verfassung" der TeilnehmerInnen ausdrücken wird. Zwischen diesen großen Etappen liegen zahlreiche kleine Schritte: Werkschauen vor Ort und in der kleinsten Spielstätte des Schauspiels, der BOX, Interventionen im Stadtteil, intergenerative Erzählcafés etc. Das hat auch mit der Nachhaltigkeit des Projekts zu tun: Uns ist wichtig, dass die Jugendlichen nicht auf ein oder zwei große Events hinarbeiten, sondern immer wieder zwischen Forschen, Erfinden und Zeigen "umschalten" und dabei zu immer selbstbewussteren und versierteren Ko-Schöpfern und Schöpferinnen werden.

Am Projekt nehmen acht Schulen und eine Jugendeinrichtung aus verschiedenen Frankfurter Stadtteilen teil, darunter auch eine berufliche Schule. Wie vielfältig sind die Gruppen und Hintergründe, kurz die „Wirs“ – um den Begriff aus der Projektbeschreibung wieder aufzugreifen?

Martina Droste: Bei der Gestaltung der Projektpartnerschaften war es uns wichtig, ein breites Spektrum der schulischen Bildung  am Projekt zu beteiligen. Es sind neben der genannten Berufsschule ein Gymnasium, eine kooperative Gesamtschule (Hauptschule-Realschule-Gymnasium), eine Haupt- und Realschule, eine Förderschule, eine Hauptschule, zwei Realschulen  und eine schulübergreifende Gruppe des Deutschen Kinderschutzbundes eingebunden. Das Altersspektrum der SchülerInnen reicht von der 5. bis zur 10. Klasse, die kulturellen, sozialen und Bildungs-Hintergründe bilden die Vielfalt der Stadt ab. Es werden also Jugendliche miteinander arbeiten, die ohne dieses Projekt möglicherweise nie miteinander in Kontakt gekommen wären. Gemeinsamer Bezugspunkt für jeweils drei der Gruppen ist ein „Schauplatz“  für ihr schulisches Lernen in der Peripherie Frankfurts, oder besser gesagt, im Westen, Norden oder Osten des Stadtraumes. Zum zweiten können wir so die Erfahrungen der künstlerischen Projektarbeit durch ganz unterschiedliche schulische Strukturen bereichern. Wir haben in diesem Zusammenhang auch darauf geachtet, dass die Schulen in der Implementierung von kultureller Bildung sehr unterschiedliche Vorerfahrungen haben.

Auf welche Art und Weise soll der von Ihnen angestrebte Austausch zwischen den unterschiedlichen „Wirs“ erreicht werden?

Martina Droste: Die Basis für den Austausch und die Entwicklung von Zukunftsperspektiven der beteiligten Jugendlichen ist die gemeinsame künstlerische Forschungsreise. Wenn künstlerische Mittel durchdacht verfügbar gemacht werden, können die SchülerInnen erfahren, welche Wirkungen es hat, sich für ein Material, eine Fragestellung und andere Menschen zur Verfügung zu stellen, sich in kommunikativen Prozessen berühren und verändern zu lassen, ohne die Angst sich zu verlieren. In direkter Erfahrung von Selbstwirksamkeit entstehen neue Perspektiven von Identität. Die Bereitschaft zu Kontakt und Kollaboration ermöglichen produktive Auseinandersetzungen zu Differenzen wie auch die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven. Dazu werden Methoden aus Theater, Tanz, bildender Kunst und Musik gleichzeitig zur Verfügung gestellt, das heißt, auch die Künstler der verschiedenen Sparten arbeiten von Anfang an in Teams. Entscheidend ist, dass es in Bezug auf die inhaltlichen Ergebnisse keine bereits festgelegte Vorgabe gibt. Die beteiligten Künstler sorgen für die Sicherung einer professionellen Umsetzung, es gibt aber keinen „heimlichen Lehrplan“, keine bereits vorgedachtes Endprodukt. Deshalb sind für die Projektjahre 1 und 2 jeweils sechs Tryouts in unterschiedlichen Gruppenkombinationen geplant. Hier können die Gruppen ihre Arbeit mit anderen teilen, Wirkungen selbst überprüfen und den weiteren Weg diskutieren.

Ein solches Großprojekt ist inhaltlich, organisatorisch, personell und logistisch sehr aufwendig – wie finanzieren Sie es?

Alexander Leiffheidt: Da haben wir lange dran gearbeitet – aber auch das große Glück gehabt, in Frankfurt und der Region auf eine sehr offene, aufgeschlossene Stadtgesellschaft und eine gut entwickelte Stiftungslandschaft zu stoßen. Das Projekt wird nun durch ein Konsortium von Stiftungen auf städtischer, regionaler und bundesweiter Ebene unterstützt: Dabei sind die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die Stiftung der Frankfurter Sparkasse 1822, die PwC-Stiftung, die Commerzbank-Stiftung, die Robert-Bosch-Stiftung, der Kulturfonds Frankurt RheinMain und die Kulturstiftung des Bundes. Natürlich investiert das Schauspiel Frankfurt auch Eigenmittel, aber ohne die Hilfe dieser Unterstützer hätten wir ein Projekt dieser Größenordnung und mit dieser langen, auf Nachhaltigkeit ausgelegten Perspektive nicht entwickeln können.

Vielen Dank und viel Erfolg!

Weitere Informationen
Schauspiel Frankfurt
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Kategorie: 
Allgemeine News
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Region: Hessen | Sparte: Theater | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |