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Projekt der Woche #175: KulturTagJahr

10.07.2017

Das KulturTagJahr ist ein interdisziplinäres Format Kultureller Bildung mit dem Ziel, ästhetische Bildung in den Schulalltag zu implementieren. Gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern erkunden Schülerinnen und Schüler ein Schuljahr lang die Natur. Nach einem Konzept der ALTANA Kulturstiftung und der Stiftung Nantesbuch erhalten Modell-Schulen über ein Jahr hinweg die Möglichkeit, ein KulturTagJahr durchzuführen, in dem sie mit Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Disziplinen (Kunst, Musik, Tanz, kreatives Schreiben/Schauspiel, Filmkunst) zusammenarbeiten. An einem festen Tag pro Woche geht es für einen gesamten Jahrgang um künstlerisches Erforschen als verbindlichen Teil des Unterrichts.Das KulturTagJahr wird bereits seit dem Schuljahr 2007/08 von der ALTANA Kulturstiftung gemeinsam mit lokalen Partnern im Rhein-Main-Gebiet durchgeführt und seit dem Schuljahr 2014/15 durch die Stiftung Nantesbuch auch in Bayern.

Eva Schmitt, Referentin für das KulturTagJahr bei der ALTANA Kulturstiftung wurde von „Kultur bildet.“-Redakteurin Ulrike Plüschke zum KulturTagJahr befragt.

Ulrike Plüschke: Frau Schmitt, wie ist die Idee für das KulturTagJahr entstanden und welche Ziele verfolgen Sie? Worin besteht die Förderung bzw. Leistung der Stiftung?
Eva Schmitt: Ausgangspunkt für die ALTANA Kulturstiftung und die Stiftung Nantesbuch ist die Sammlung zeitgenössischer Kunst zum Thema Natur. Im stiftungseigenen Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg, in dem neben der Sammlung auch Einzel- und Gruppenausstellungen zeitgenössischer Kunst rund um die Themen „Natur, Kreatur und Schöpfung“ zu sehen sind, entwickelte die ALTANA Kulturstiftung bereits 2007 ein intensives interdisziplinäres museumspädagogisches Programm für Kinder und Jugendliche – sowohl als freies Kursprogramm als auch unterrichtsbegleitend. Schnell stand jedoch fest, dass die Kulturelle Bildungsarbeit der ALTANA Kulturstiftung tiefer in den Schulalltag eingreifen sollte, um möglichst zahlreiche junge Menschen nachhaltig zu erreichen. Mit dem KulturTagJahr wurde daraufhin ein völlig neues Format Kultureller Bildung entwickelt, das Kinder und Jugendliche im Schulalltag erreicht. Die Idee war, möglichst viele Schüler_innen an einem gesamten Schultag pro Woche über ein Schuljahr hinweg mit der ganzen Bandbreite künstlerischer Techniken in Berührung zu bringen mit dem Ziel, ihre Neugier und Lust an der zeitgenössischen Kunst zu wecken. Im Mittelpunkt des KulturTagJahrs steht die Begegnung der Kinder mit Künstlerinnen und Künstlern, die über einen längeren Zeitraum hinweg intensiv mit ihnen zusammenarbeiten. Ziel ist es, dass durch die Beschäftigung mit Kunst und Natur die Kreativität und Verantwortungsbereitschaft junger Menschen gestärkt und so ein Beitrag zur Entwicklung ihrer Persönlichkeiten geleistet wird.
Die ALTANA Kulturstiftung und die Stiftung Nantesbuch sind Ideengeber, Initiator und Partner im Format – gemeinsam mit den Schulen, Kulturinstitutionen und den beteiligten Künstlerinnen und Künstler führen wir operativ das Format derzeit an fünf Schulen durch.

Wie sieht ein beispielhafter Tag im KulturTagJahr aus?
Bei den teilnehmenden Schulen handelt es sich um spezielle Modellschulen der unterschiedlichen Schultypen Grundschule, Integrierte Gesamtschule, Gymnasium und Förderschule mit Schwerpunkt Lernen. Jede Schule hat über die Jahre ihre individuelle Ausgestaltung eines KulturTags definiert. An einem KulturTag arbeiten Künstlerinnen und Künstler gemeinsam mit den Lehrkräften und den Schülerinnen und Schülern – und das an einem ganzen Schultag von z.B. 9 bis 14 Uhr. In einigen KulturTagJahren sind Künstlerinnen und Künstler einer künstlerischen Sparte über einige Wochen in der Schule. In diesen sogenannten Disziplinenphasen arbeiten Klassen oder Schülergruppen mit beispielsweise einem Musiker oder einer Autorin. Im Anschluss folgen die anderen Disziplinen, damit die Schülerinnen und Schüler in viele Künste einen Einblick erlangen. In anderen Schulen sind Künstlerinnen und Künstler verschiedener Disziplinen an einem Tag vertreten. Die Jugendlichen rotieren von einer Kunststation zu nächsten. So ist in allen Schulen ein interdisziplinäres Arbeiten in den Künsten gewährleistet.

Allen KulturTagen gemeinsam ist, dass die gewohnte schulische Zeitstruktur aufgebrochen wird. Die Beteiligten teilen Arbeitsphasen und Pausen entsprechend dem Bedarf und unabhängig vom vorgegebenen Stundensystem der Schule ein. Nur so sind für die Kinder vertiefende, individuelle kreative Prozesse möglich, die Gelegenheit geben, die Künste zu entdecken, zu erproben und zu hinterfragen, bei der Umsetzung eigener Ideen zu scheitern, sich dadurch weiterzuentwickeln und zu spezialisieren. Das Arbeiten in und mit der Natur ist ein im KulturTagJahr immer grundlegender Bestandteil. Die Jugendlichen erkunden Natur, erproben Naturmaterialien und verlassen dazu regelmäßig das Schulgebäude.

Wie lässt sich dies ein ganzes Schuljahr lang in den Stundenplan eintakten? Sicherlich entsteht hier für alle Beteiligten ein hoher Koordinationsaufwand.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für künstlerische Prozesse ist der Faktor Zeit. Diese Zeit aufzubringen ist daher in jedem Fall ein hoher Organisationsakt für alle Beteiligten – allen voran für die Schulen. Die KulturTagJahr-Schulen erklären sich bereit, einen gesamten Vormittag pro Woche mit bis zu fünf Zeitstunden zur Verfügung zu stellen. Dafür bilden sie meist eine Einheit aus den Fächern Deutsch, Musik, Sport und Kunst, die die Künste Literatur/Schauspiel, Bildende Kunst, Filmkunst, Musik und Tanz abdecken. Das KulturTagJahr bleibt damit Bestandteil der zu benotenden Fächer. Im engen Austausch mit den Künstlerinnen und Künstlern finden die unterrichtenden Lehrkräfte Bewertungsmaßstäbe, die den Blick auf die Schülerinnen und Schüler und ihre Fähigkeiten oftmals ganz neu öffnen. Zudem findet das KulturTagJahr jahrgangs- und klassenübergreifend statt. Dies bedeutet natürlich eine zusätzliche Neuerung für den Schulalltag während eines KulturTags. Der Aufwand lohnt aber in jedem Fall. Das zeigen uns die seit Jahren gut laufenden Kooperationen, die Spuren eines jeden KulturTagJahrs in den Schulgebäuden sowie die gewonnenen Erfahrungen bei den Schülern. Die Durchmischung der Jahrgänge bedingt, dass die Schülerschaft sich in einem neuen sozialen Gefüge zurechtfindet. Rivalitäten zwischen Parallelklassen werden ab- und Freundschaften aufgebaut. Neu entdeckte Talente können sich entfalten. Die Jugendlichen „wachsen“ in einem KulturTagJahr enorm. Das zeigt sich vor allem an der Ernsthaftigkeit, mit der sie am Ende eines Schuljahres ihre Ergebnisse vor Publikum präsentieren.

Welches Resümé ziehen Sie nach zehn Jahren Erfahrungen in Hessen und 3 Jahren im Raum München?
Das KulturTagJahr hat sich in den zehn Jahren in Hessen und Bayern etabliert. Es ist gelungen, verlässliche Partnerschaften mit Schulen, Kulturinstitutionen und künstlerischen Ausbildungsstätten zu schließen. Die Implementierung des KulturTags im Stundenplan der Schulen zeigt, dass Schulen bereit sind, den Künsten im Schulalltag einen höheren Stellenwert beizumessen. Jahrgänge von Schülerinnen und Schülern, Lehrerkollegien und Schulgemeinden wurden so erreicht – unabhängig von Vorerfahrungen, Interessen und sozialen Hintergründen. Genauso konnten über die Jahre Kulturinstitutionen für Kulturelle Bildung begeistert werden: mit den Kooperationspartnern wie zum Beispiel dem Ensemble Modern in Frankfurt oder der Pinakothek der Moderne in München haben die Jugendlichen die Möglichkeit an außergewöhnlichen Orten zu arbeiten, z.T. auch in den Probenräumen der Künstlerinnen und Künstler selbst. Die Jugendlichen kommen demnach auch in die Kulturinstitutionen und bereichern den Probenalltag dort. So haben sich in den letzten Jahren Bildungspotentiale für alle Beteiligten eröffnet. Nun nach zehn Jahren intensiver Erfahrung erarbeiten wir Konzepte, mit denen wir unser Wissen streuen können, um möglichst viele Schulen und Kunstschaffende für die Kulturelle Bildung zu begeistern. Die ALTANA Kulturstiftung und die Stiftung Nantesbuch verstehen es als ihre Aufgabe, ihre Kompetenz und Erfahrung – gewonnen aus langjähriger praktischer Arbeit in Kindergärten und Schulen – weiterzugeben.

Ist das Modell bundesweit übertragbar? Planen auch andere Bundesländer das KulturTagJahr zu erproben?
Das Format KulturTagJahr ist als Modellprojekt auf einen begrenzten Zeitraum und auf eine begrenzte Anzahl an Schulen ausgelegt. Interessierte Schulen haben die Möglichkeit, sich über Hospitationen fortzubilden. Darüber hinaus kooperiert die ALTANA Kulturstiftung mit dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Philipps-Universität Marburg. Gemeinsam wurde 2014 der berufsbegleitende Weiterbildungsmaster „Kulturelle Bildung an Schulen" eingeführt. Der Weiterbildungsstudiengang qualifiziert Lehrerinnen und Lehrer, Künstlerinnen und Künstler und Kulturschaffende, kulturelle Bildungs- und Forschungsprozesse an Schulen anzuregen und nachhaltig aufzubauen. In den nächsten Jahren werden die ALTANA Kulturstiftung und die Stiftung Nantesbuch weitere Fortbildungsformate entwickeln, um deutschlandweit Schulen zu befähigen, kulturelle Projekte durchzuführen und kulturelle Schulentwicklungspotenziale zu nutzen. Bildungsangebote im Kontext von Kunst und Natur spielen dabei eine zentrale Rolle in den Aktivitäten. Maßgebend sind die Interdisziplinarität zeitgenössischer Künste, der Austausch zwischen Lehrenden und Künstlern und das unmittelbare kreative Tun mit und in der Natur. Die Fortbildungsveranstaltungen richten sich an Kunstschaffende, Lehrende, Erzieherinnen und Erzieher und Kunstvermittlerinnen und -vermittler als Multiplikatoren Kultureller Bildung. Dafür hat die Stiftung Nantesbuch einen Ort geschaffen: das „Lange Haus“ inmitten der bayerischen Landschaft von Nantesbuch bei München bietet den äußeren Rahmen für Netzwerkveranstaltungen, Weiterbildungen und Workshops für ein interessiertes Fachpublikum.

Vielen Dank!

   
Weitere Informationen

altana-kulturstiftung.de/bildung-kunst-natur/kulturtagjahr/

stiftung-nantesbuch.de/programm/kulturtagjahr

Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

 Im KulturTagJahr nähern sich die Jugendlichen durch künstlerisches Forschen in der Natur den verschiedenen Kunstsparten, hier dem zeitgenössischen Tanz, Foto: ©Michael Habes, Frankfurt 2013
Im KulturTagJahr nähern sich die Jugendlichen durch künstlerisches Forschen in der Natur den verschiedenen Kunstsparten, hier dem zeitgenössischen Tanz, Foto: ©Michael Habes, Frankfurt 2013
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Bayern, Hessen | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Aus- und Weiterbildung, Schulische Bildung | Textsorte: Projekt der Woche |