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Projekt der Woche #174: Eine Opernreise. Auf den Spuren der Gastarbeiterroute

03.07.2017

Im Rahmen des Projekts „Eine Opernreise. Auf den Spuren der Gastarbeiterroute“ fuhr im Sommer 2016 ein Bus voller Musikerinnen und Musiker der Komischen Oper Berlin entlang der sogenannten „Gastarbeiterroute“ von Berlin über München, Wien, Belgrad bis nach Istanbul. Die eigens entwickelte 45-minütige Musiktheaterrevue wie auch das Reiseprojekt selbst beleuchten ein wichtiges Kapitel deutscher (Kultur-)Geschichte und sensibilisieren für das hochaktuelle Thema von Flucht  und Migration. Das insgesamt 16-köpfige Opernteam präsentierte ein vielseitiges Programm, das den äußeren Beweggründen und seelischen Bewegungen nachspürt, die die Menschen zu allen Zeiten dazu antrieb, ihr Glück in der Ferne zu suchen. Das Projekt wurde mit dem BKM-Preis Kulturelle Bildung 2017 ausgezeichnet.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat Mustafa Akca, Projektleiter von „Selam Opera!“ an der Komischen Oper Berlin befragt:

Ulrike Plüschke: Herr Akca, wie ist die Idee für die Opernreise entlang der Gastarbeiterroute entstanden? Seit 2012 trägt die Komische Oper Berlin im Rahmen des interkulturellen Projekts „Selam Opera!“ mit ihrem „Operndolmuş“ Musiktheater in die Kieze der Hauptstadt. Ist die Opernreise eine Art Erweiterung bzw. Perspektivwechsel von „Selam Opera!“
Mustafa Akca: Wenn man seit 2012 in den verschiedenen Stadtteilen, Kiezen, Milieus der Stadt unterwegs ist und mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch kommt, bleiben Ideen und Impulse für neue Inhalte nicht aus… Insofern ist die Gastarbeiterroute eine Erweiterung über die lokalen Grenzen hinaus. Es betrifft gleichzeitig die Erlebniswelt vieler Stadtbewohner*innen hier in Berlin und erweitert sich sozusagen rückschauend in ihre Vergangenheit. Ein Perspektivwechsel ist es auch, weil wir mit unserem Operndolmuş-Team den umgekehrten Weg gegangen sind und außerdem Teile unseres Kulturgutes nach Südosten getragen haben.

Was ist der „Plot“ der 45-minütigen Musiktheaterrevue und was wollen Sie dem Publikum vermitteln?
Es ging uns darum eine Geschichte zu erzählen, die vor noch einer Reihe von Jahren für uns Gastarbeiterkinder und unsere Eltern allgegenwärtig war. Wir haben uns auf die Spur der Gastarbeiterroute gemacht, auf der sich die deutschen Arbeitsmigrant*innen alljährlich in den Ferien auf die Reise in ihre Heimatländer begaben. Wir wollten diese Geschichte mit unseren Mitteln, dem Musiktheater wiedergeben. Die Zuschauer*innen sollten sich darin wiederfinden, egal ob jemand die Route schon mal gefahren war oder nur davon gehört hat. Jeder kann etwas dazu erzählen, auch diejenigen die sich nicht auf den Weg in ihre „Heimaten“ gemacht haben und wenn sie uns nur beim Packen zugesehen haben. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich einst selbst mit meiner Familie die Strecke in die Türkei fuhr. Die Reise war stets lang und anstrengend, doch verbinde ich sie auch mit zahlreichen neuen Erlebnissen. Die 45-minütige Musiktheaterrevue, mit der sich die Komische Oper auf den Weg nach Istanbul machte, ist gleichzeitig eine universelle Geschichte von Aufbruch, von Heimat, von Fernweh, Sehnsucht  und der Hoffnung, Arbeit und Glück an einem neuen Ort zu finden. Diese Themen und Emotionen, die auch die Reisenden auf der Gastarbeiterroute bewegten, wurden in einer Musikrevue u.a. mit Stücken aus bekannten Opern aufgegriffen. So sang z.B. Bizets Carmen ihre „Habanera“ im Kreise von FabrikarbeiterInnen und im „Der Barbier von Sevilla“ spielten Arbeit und Sehnsucht eine große Rolle. Das Programm wurde moderiert und war gleichzeitig ein Streifzug durch die europäische Operngeschichte, bei der die kulturelle Vielfalt gewahrt blieb, denn insgesamt wurde in der Revue in sechs Sprachen gesungen. Uns ging es darum zu zeigen, dass Oper nicht nur verstaubte sondern auch aktuelle Geschichten erzählen kann.

Gleichzeitig stellen wir  mit unserem Projekt das neuartige Format der aufsuchenden Kulturarbeit einem breiten Fachpublikum sowie anderen vergleichbaren Kulturinstitutionen im europäischen In- und Ausland vor. Wir gingen auf unserer Reise  vor allem in lokale Nachbarschaftsheime oder Gemeinschaftsstätten, um das Ensemble und die Musik ganz nah an die Menschen dort heranzubringen, ohne dass sie durch einen breiten Orchestergraben getrennt waren. Unser 16-köpfiges Team aus Sängern, Musikern, Technikern, Moderatoren und Maskenbildnern machte auf der 3000 Kilometer langen Busreise den ersten Stopp in München, dann ging es weiter nach Wien, Budapest, Belgrad und Sofia, bevor das kleine Ensemble am 7. Juli 2016 Istanbul erreichte. Das waren in der Geschichte der Gastarbeiter*innen die wichtigen Stationen auf ihrer Reiseroute zwischen Deutschland und der Türkei.In jeder Stadt gab es zwei Aufführungen auf lokalen Bühnen. und danach einen Austausch mit der Bevölkerung. Deswegen reiste auch eine Moderatorin/Dramaturgin mit, die vor und nach der Vorstellung Ensemble mit Zeitzeugen und Zuschauern zusammenbrachte. Doch auch die Berliner Opernfans können sich ein wenig in die Ferne sehnen, denn ein Kamerateam begleitet die Reise für einen Videoblog.

Gab es dabei Unterschiede beim Feedback der Zuschauerinnen und Zuschauer an den verschiedenen Orten und in den verschiedenen Ländern?
Wir gingen auf lokale Bühnen zumeist in Stadtteilen, wo nicht gerade das Bildungsbürgertum wohnte. Das waren Orte mit ärmerer Bevölkerung und oft mit hohem Migrantenanteil, wo zuvor noch kein Opernhaus je gespielt hatte. Ja, natürlich gab es Unterschiede, denn jeder Ort und jedes Publikum ist anders. Die grundlegenden Themen und Emotionen wurden jedoch von allen verstanden.

Im Video (siehe oben) klingt an, dass diese Opernreise auch für das Ensemble eine bewegende Erfahrung war und viele neue Sichten auf das Eigene und das Fremde eröffnet hat. Was hat dieses Projekt auch in Bezug auf die Institution Oper bewirkt?
Dieses Projekt hat das ganze Haus erreicht und die Geschichte der Gastarbeitergeneration, die ja gerade in der bunten Berliner Stadtbevölkerung wichtig ist, in den Blick  gebracht.

„Eine Opernreise“ ist eines der drei Preisträgerprojekte des BKM-Preises Kulturelle Bildung 2017, wozu wir Ihnen herzlich gratulieren! Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie und die Projektbeteiligten? Wird es ein Folgeprojekt geben?
Es ist eine große Ehre, dass ein so großer Tanker der Hochkultur diesen Preis kriegt, denn es ist nicht selbstverständlich, dass die etablierten Institutionen derartige Projekte machen. So hoffe ich auch, dass davon ein positiver Impuls für andere Einrichtungen ausgeht, sich auf den Weg zu den Menschen vor Ort zu machen und nicht nur auf Publikum in den eigenen Mauern zu warten. Selbstverständlich wird an wie auch immer gearteten Folgeprojekten gearbeitet, aber das liegt noch in der Zukunft. Schon jetzt tourt der Operndolmuş jeden Monat durch Berliner Stadtteile. Das aktuelle Programm „In zwei Heimaten zuhause“ wurde maßgeblich von den Begegnungen auf der Gastarbeiterroute geprägt.

Vielen Dank!

Weitere Informationen

Komische Oper Berlin

Projektseite "Selam Opera!"

Gewinner des BKM-Preises Kulturelle Bildung 2017

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Hier finden Sie eine Übersicht aller bisherigen Projekte der Woche.

 

Sopranistin Julia Domke bei dem Auftritt in einem Nachbarschaftszentrum am Stadtrand von Sofia, (c) Komische Oper Berlin, Foto: Aneliya Kremenska
Sopranistin Julia Domke bei dem Auftritt in einem Nachbarschaftszentrum am Stadtrand von Sofia, (c) Komische Oper Berlin, Foto: Aneliya Kremenska
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: International, Berlin | Sparte: Interdisziplinär, Musik, Soziokultur | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |