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Projekt der Woche #173: BIG EARTH (Hotel California)

26.06.2017

Junge Menschen aus aller Welt – mit und ohne Fluchtgeschichte – haben insgesamt vier Jahre lang gemeinsam mit professionellen Filmemachenden, Theaterschaffenden, Pädagoginnen und Pädagogen den abendfüllenden Langspielfilm „BIG EARTH (Hotel California)“ gedreht, der im April 2017 seine Premiere in Hamburg feierte. Als Grundlage für das Drehbuch dienten Geschichten, Episoden und Erlebnisse der Jugendlichen, die sie im Rahmen von Workshops des ABC Bildungs- und Tagungszentrums im niedersächsischen Drochtersen-Hüll erzählten und in Medien-, Musik- und Theaterprojekten umsetzten. Regisseur Patrick Merz fügte diese Geschichten zusammen mit allen Beteiligten im Drehbuch von BIG EARTH zusammen. Henning Wötzel-Herber hat als pädagogischer Geschäftsführer des ABC Bildungs- und Tagungszentrums das Projekt inhaltlich und organisatorisch koordiniert und stand uns für ein Interview zu Verfügung.

Ulrike Plüschke: Herr Wötzel-Herber, worum geht es im Film „BIG EARTH (Hotel California)“ ?
Henning Wötzel-Herber: Im Film geht es um das Zusammenleben von Menschen verschiedener kultureller Hintergründe und unterschiedlicher Herkunft in der norddeutschen Pampa. Um Ängste, Hoffnungen, Konkurrenz und Solidarität, gemeinsame Ziele und Perspektiven. Es ist die Geschichte eines zur Geflüchtetenunterkunft umfunktionierten Landhotels, der Lebensgeschichte seiner Bewohnerinnen und Bewoher -und wie diese Konflikte mit der Dorfbevölkerung gemeinsam lösen, bevor durch einen Fernsehsender und eine geplante Castingshow für Geflüchtete erneut Chaos vor Ort entsteht.

Wo kann man sich den Film ansehen?
Wir beginnen gerade eine Tour durch Kinos, Festivals, Bildungseinrichtungen, Geflüchtetenunterkünfte, Kongresse und Schulaulas, um den Film zu zeigen, und die Chance zu geben, mit Beteiligten Jugendlichen und Profis über den Film, aber auch dort angerissene Themen (Rassismus, Flucht, Populismus, politische Meinungsbildung, Vorurteile etc.) zu diskutieren.

Wie ist die Idee für das Projekt entstanden und welche Ziele verfolgen Sie?
Das Projekt ist Resultat nachhaltiger Kooperationsprojekte des ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. mit seinen Partnern. BIG EARTH schließt an Erfahrungen aus einem guten Jahrzehnt mit Kultur-, Bildungs- und Integrationsprojekten an, die das ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. mit jungen Geflüchteten und in Deutschland aufgewachsene Jugendlichen durchgeführt hat. Aus der Idee von achttägigen SommerMedienSprachCamps, die seit 2011 angeboten werden und bei denen beim Erlernen des Filmemachens scheinbar „ganz nebenbei“ auch politische Bildung und Spracherwerb vermittelt werden, entstanden in Zusammenarbeit mit den Jugendlichen und institutionellen Kooperationspartnern größere Ideen und Projekte. Insbesondere das Kurzspielfilmprojekt Hotel California „1“ (hotelcaliforniafilm.de) und das Musiktheatervorhaben MyMusic (mymusic.abc-huell.de) standen für das Projekt BIG EARTH Pate.

Welche Rolle hatten Jugendliche und junge Erwachsene bei der Entstehung des Films und welche Projektphasen durchlief der Film von der ersten Idee bis zur Premiere im April 2017? Gab es „unterwegs“ Überraschungen?
Durch die interdisziplinäre Arbeit war das Projekt für eine breite Zielgruppe attraktiv. Einige brachten sich etwa aktiv in die Komposition und Aufnahmen der Filmmusik ein, andere beteiligten sich an der Maske oder arbeiteten hinter der Kamera mit. Fast alle waren in die Tanz-Choreografie der Abschlussszene integriert und viele der Jugendlichen beteiligten sich in Bereichen, die ein Filmprojekt zu bieten hat. Durch den modularen Aufbau des Projektes in einzelnen Teilphasen und zahlreiche Workshops während Wochenenden und Schulferien gab es einige Teilnehmende, die seit vielen Jahren immer wieder in Vorgängerprojekten der Projektträger eingebunden waren und andere, die später dazu stießen und frische Ideen mitbrachten. Ideen und Ergebnisse aus vorherigen Workshops wurden in die Entstehung von „BIG EARTH (Hotel California)“ eingebunden, so dass diese nachhaltig genutzt wurden.
Neben den „großen Zielen“ Partizipation und Selbstwirksamkeit durch kreative Artikulationsmöglichkeiten, war eine Idee, die Sprachkenntnisse junger Geflüchteter zu verbessern und durch gemeinsame Arbeit mit in Deutschland aufgewachsene Jugendlichen inklusives Lernen zu ermöglichen. Durch positive Alltagserfahrungen im Projekt rückten die Teilnehmenden eng zusammen. Der direkte Kontakt mit Menschen anderer Herkunft, Religion, Geschlecht oder Nationalität steigerte die Motivation, sich mit deren Lebenswelt auseinanderzusetzen, Wissen über fremde Milieus zu erwerben und einseitige Informationen kritisch zu hinterfragen. Das Projekt hat in diesem Sinn erfolgreich funktioniert. Mein persönliches Erfolgserlebnis war, als einer der „deutschen“ Jugendlichen zugab, nur mitgemacht zu haben, weil er gern Schauspieler werden wollte, aber vorher die Einstellung hatte, die „Flüchtlinge sollten eigentlich lieber alle zuhause bleiben“ und dann bei einer Veranstaltung nach dem Projekt sagte: „Jetzt sehe ich das anders.“

Einen abendfüllenden Spielfilm zu produzieren ist zeit-, kosten- und arbeitsintensiv – könnten Sie bitte kurz erläutern, wer mit welchen Aufgaben dieses ambitionierte Projekt gestemmt hat und wie es finanziert wurde.
Die Akquise der Mittel und das Koordinieren der verschiedenen Akteure ist tatsächlich eine der vielen riesigen Aufgaben gewesen, die meistens unsichtbar blieben. Wir haben mit der Filmproduktion DirectorsCut.ch und der Soziokultureinrichtung Hüller Medienwerkstatt e.V. zwei Kooperationspartner gehabt, ohne die das Projekt nie realisierbar gewesen wäre. Aber das ist nur die Spitze des hübschen Reetdachs unseres Projektes. Gestemmt wurde das Ganze von über 150 Menschen, die allein in den beiden letzten Projektphasen (Hotel California und BIG EARTH) beteiligt waren. Die komplette Liste ist auf der Projektwebseite http://bigearth.de zu finden. Ermöglicht wurde dies nicht zuletzt öffentliche und private Fördermittel. Eine riesige Mischfinanzierung von Mitteln der Bundeszentrale für politische Bildung, der NDR-Spendenaktion Hand in Hand, des Paritätischen, der Niedersächsischen Lotto Sport Stiftung, der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, und vieler weiterer hat „BIG EARTH (Hotel California)“ als Endergebnis mehrerer aufeinander aufbauender Projektphasen ermöglicht. Insgesamt hat die Produktion des Films über 300.000 Euro gekostet (inkl. Bildungsprogramm, pädagogische Betreuung, Technikmiete, Honorar- und Fahrtkosten, Konzeptbearbeitung, Übernachtung und Verpflegung für viele Wochen). Und auf einigen zehntausend Euro an Kosten sind wir leider sitzen geblieben. Derzeit bemühen wir uns gerade um Geld für Untertitel, um den Film auch bei internationalen Festivals einreichen zu können, einem mehrsprachigen Publikum und barrierefreier (Untertitel für Gehörlose) anbieten zu können: http://untertitel.bigearth.de

Vielen Dank!

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Weitere Informationen

Projektwebseite bigearth.de 

Projekträger ABC Bildungs- und Tagungszentrum

Kurzspielfilmprojekt Hotel California „1“ hotelcaliforniafilm.de - Vorgängerprojekt, in dem der hier kostenlos schaubare Film entstanden ist, der die ersten 35 Minuten von BIG EARTH (Hotel California) bildet

Einen Überlick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

 

Patrick Merz (Regie) und Jeremy Boschung (Director of Photography) mit Teilnehmenden beim Einrichten des Sets für eine Szene in der Zeltstadt (c) cc-by-4.0 abc-huell.de
Patrick Merz (Regie) und Jeremy Boschung (Director of Photography) mit Teilnehmenden beim Einrichten des Sets für eine Szene in der Zeltstadt (c) cc-by-4.0 abc-huell.de
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Niedersachsen | Sparte: Film, Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Erwachsenenbildung | Textsorte: Projekt der Woche |