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Projekt der Woche #171: Theaterwelten

12.06.2017
 Szene aus „a warm place“© Theatergruppe collectief verloren (Belgien)
Szene aus „a warm place“© Theatergruppe collectief verloren (Belgien)

Vom 22. bis 25. Juni 2017 findet unter dem Titel „Theater global: Erleben, agieren, reflektieren!“ zum zweiten Mal das Welttheaterfest Theaterwelten im thüringischen Rudolstadt statt. Das Festival zeigt Aufführungen aus sechs Weltregionen, die stellvertretend für den Dialog der Kulturen stehen. Bei Workshops geben internationale Theaterexperten praktische Einblicke in theatrale Erzählformen und Spieltechniken ihrer Regionen. Eine Fachtagung zum Thema „Fremde spielen - (Amateur-)Theater transkulturell“ findet in Zusammenarbeit mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig und stellt grundlegende Fragen der internationalen Theaterarbeit ins Zentrum: das Theater als soziale Kraft, das Theater der kulturellen Vielfalt, die transkulturelle Perspektive globaler Theaterarbeit.

Das Festival findet seit 2015 alle zwei Jahre statt. Veranstalter ist der Bund Deutscher Amateurtheater e.V. (BDAT) in Kooperation mit dem Thüringer Theaterverband e.V. „Theaterwelten“ findet im Rahmen des 125-jährigen BDAT-Jubiläums „125 Jahre – 125 Tage Theater“ statt.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat den künstlerischen Leiter Stephan Schnell vom BDAT zu Theaterwelten befragt.

Herr Schnell, wie ist die Idee für „Theaterwelten“ entstanden und was ist das Besondere an diesem Welttheaterfest im Vergleich zu anderen internationalen Theaterfestivals? Wie war die Resonanz auf die erste Ausgabe im Jahr 2015?
Bei der Vielzahl internationaler, weltweit ausgerichteter Festivals in Europa ist mir aufgefallen, dass es bei den Einladungen eine Dominanz europäischer Gastspiele gibt. Manchmal gibt es auch eine außereuropäische Schwerpunktregion, aber meist erscheint die globale Perspektive als schmückendes Beiwerk und so verfestigt sich der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit und/oder einer ökonomisch begründeten Marginalisierung einer außereuropäischen Sicht. Im Ergebnis perpetuiert sich damit der Eurozentrismus. Aber gerade für das außerberufliche Theater ist das eine Sackgasse; es manifestiert die Engführung auf ein reduziertes Theaterverständnis, einen engen  Begriff von Schauspielen und dem damit verknüpften Menschenbild. Diesen Festivaldiskurs möchten wir mit dem Konzept von „Theaterwelten“ ergänzen. Das tun wir zunächst ganz formalistisch, indem wir sechs Ensembles und Inszenierungen aus sechs verschiedenen Weltregionen einladen. Je eines/eine aus Afrika, Asien, Australien und Ozeanien, Europa, Lateinamerika und Nordamerika. Wenn, wie leider dieses Jahr, ein Partner kurzfristig ausfällt, bleibt der Platz eben leer. Diese Lücke ist auch wichtig, denn sie wirft Fragen auf, wie etwa: Warum bekommen junge Theatermenschen aus bestimmten Ländern keine Visa, um auf dem Festival spielen zu können?

„Theaterwelten“ ist der Versuch mit und durch Theaterarbeit in einen globalen Dialog auf Augenhöhe einzutreten. Wenn dieser Dialog, aus welchen Gründen, nicht zu zustande kommt, decken wir dieses Scheitern nicht in der Logik des Events mit einer kurzfristigen z.B. europäischen Alternativeinladung zu. Theaterwelten liegt ein erweiterter, transkultureller Begriff von Theaterarbeit zu Grunde. Es geht darum, wie wir gesellschaftliche und kulturelle Prozesse in ihrer Unterschiedlichkeit verstehen und darauf eingehen. Das Verständnis von Theater kann sich nicht auf ästhetische Kategorien beschränken, sondern muss politische und soziale Kriterien hinzuziehen. Theater ist eine soziale Kraft. Im Zentrum steht also nicht primär das theatrale Spektakel (dennoch ist uns die Gefahr des Exotismus bei unserer Konzeption durchaus bewusst). Wir begreifen Theater als eine lokale und soziale künstlerische Haltung in einer globalen Welt. Uns interessieren die Bedingungen und gesellschaftlichen Dringlichkeiten, die Theatermacher weltweit antreiben. Deswegen bitten wir die Ensembles in Workshops konkrete Einblicke in ihre praktische Arbeit, ihre künstlerischen Prozesse und Motive zu geben.

Als dritter Aspekt ist uns die Reflexion, das Nachdenken über Theater besonders wichtig. Leider gibt es nach wie vor eine Trennung zwischen Theorie und Praxis und mancher hat geradezu eine Aversion gegenüber „zu viel intellektueller Grübelei“ entwickelt. Diese Angst und/oder Unlust wollen wir durch eine enge und sinnliche Verschränkung von Aktion und Reflexion abbauen. In unserer ersten Durchführung von „Theaterwelten“ ist das zum Teil schon gut gelungen und die Teilnehmer und Teilnehmerinnen gingen sehr inspiriert zurück in den Alltag. Einige künstlerische Verbindungen, die während Theaterwelten geknüpft wurden, haben bis heute gehalten und wurden sogar ausgebaut. Das ist es was wir perspektivisch auch initieren wollen. Im besten Fall gelingt es in allen Regionen ähnliche Festvalformate zu etablieren und so ein enges Netzwerk aufzubauen. Deshalb freuen wir uns mit der belgischen Theatervereinigung Opendoek und dem Festival spots op west sowie dem Centre of Competence des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig bereits für 2017 als Partner gewonnen zu haben.

Was erwartet die Besucherinnen und Besucher vom 22. – 25. Juni? Wo können Eintrittskarten für die internationalen Gastspiele erworben werden? Können sich Interessierte auch noch kurzfristig z.B. für die Workshops und die Fachtagung anmelden?
Die Besucherinnen und Besucher erwartet ein Festival der kurzen Wege mit fünf spannenden Inszenierungen und begleitenden Workshops sowie die vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig gestaltete Fachtagung mit dem Thema „Fremde spielen“. Die Aufführungen Skin Tight von Gary Henderson aus Neuseeland, die Performance „A warm place“ des Belgischen collectif verloren, die Adaption des Stückes Malini (The Princess of Garden) des Theatre Village aus Nepal sowie der ägyptische Beitrag „1980 and upwards“ des Studio El Brova sowie die Produktion Fire Tongs des chilenischen Colectivo Racun beschäftigen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit Formen von Grenzüberschreitungen. Die Grenze ist als Mittel der Kontrolle und die Möglichkeit der Überschreitung ist offensichtlich weltweit ein zentrales gesellschaftliches Thema, das Künstler zu ihren Arbeiten motiviert. Nähere Information finden sich zu den einzelnen Stücken auf der Homepage des BDAT und dem Blog zu Theaterwelten. Karten zu den Veranstaltungen gibt es vor Ort im Festivalbüro im Theater im Stadthaus, Rudolstadt oder bis 22. Juni auch über den BDAT direkt. Auch für kurzfristig Entschlossene finden wir sicherlich in einem der Workshops oder der Fachtagung noch einen Platz.

In Kooperation mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig veranstalten Sie während des Welttheaterfests die Fachtagung zum Thema „Fremde spielen - (Amateur-)Theater transkulturell“. Welche Impulse erwarten Sie hieraus für die Theaterpraxis und -pädagogik?
Das Centre of Competence (CCT) des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig führt seit Beginn des Jahres das große vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte dreijährigen Forschungsprojekt "Fremde spielen. Amateurtheater als Medium informeller und non-formaler transkultureller Bildung“ als grundlegende Forschung zu Geschichte und Gegenwart des Amateurtheaters in Deutschland durch. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei der Forschungsschwerpunkt zu transkulturellen Aspekten der Amateurtheaterarbeit. Das Institut hat zu diesem Thema eine theoretische Expertise erarbeitet, die für die Theaterpraxis fruchtbar gemacht werden kann. In der praktischen Arbeit taucht Transkulturalität derzeit begrenzt auf den Kontext „Flucht“ auf. Aber auch diese Engführung halten wir für problematisch. Vielmehr gilt es Transkulturalität als grundlegenden Perspektive für jede theatrale Praxis zu entwickeln. In der Gegenwart der fünf Aufführungen und Workshops lässt hoffentlich ganz anschaulich an diesem Theorie-Praxis-Transfer arbeiten. Denn das selbstkritische Hinterfragen der eigenen Position ist für die praktische  Thetaerarbeit und die Theaterpädagogik in einem globalen Kontext dringend geboten und längst keine Selbstverständlichkeit.

Zu "Theaterwelten" gehört auch ein Blog – wer beteiligt sich bereits daran und können auch Autorinnen und Autoren hinzukommen?
Das langfristige Ziel von „Theaterwelten“ ist eine kontinuierliche Vernetzung über das Festival hinaus. Ein erster Schritt dazu soll der Blog sein. Wir bitten die Akteure des Festivals über diesen Blog miteinander in Kontakt zu bleiben, Gedanken und Ideen auszutauschen und auf neue Projekte, Entwicklungen und Akteure aufmerksam zu machen. Entsprechend ist jeder eingeladen an diesem Netz weiter zu stricken.

Vielen Dank!

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Weitere Informationen

Welttheaterfest Theaterwelten

Bund Deutscher Amateurtheater e.V. (BDAT)

125-jähriges BDAT-Jubiläum „125 Jahre – 125 Tage Theater“

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Einen Überblick über alle bisherigen Projekt der Woche finden Sie hier.

Theatergruppe “Quartett theatre company” (Neuseeland), Szene aus: “skin tight“, © Tabitha Arthur, LightShade Creative (NZ)
Theatergruppe “Quartett theatre company” (Neuseeland), Szene aus: “skin tight“, © Tabitha Arthur, LightShade Creative (NZ)
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: International, Bundesweit, Thüringen | Sparte: Interdisziplinär, Theater | Thema: Altersübergreifend, Aus- und Weiterbildung | Textsorte: Projekt der Woche |