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Projekt der Woche #170: StadtLesen

06.06.2017
Lachen befreit - Lustvolles Lesen in der Hängematte, (c) Innovationswerkstatt Salzburg
Lachen befreit - Lustvolles Lesen in der Hängematte, (c) Innovationswerkstatt Salzburg

In diesem Jahr begibt sich das mobile Lesewohnzimmer des Leseförderungsprojektes StadtLesen nun schon zum neuten Mal von Ende April bis Mitte Oktober auf die Reise in 25 Städte Deutschlands, Österreichs, Italiens und der Schweiz, darunter Berlin, Dessau, Freiburg, Köln oder auch Bozen, Bregenz und Linz. Eine Übersicht aller Lesestädte und Termine finden Sie hier.
Die mobilen Lese-Oasen ermöglichen jeweils von 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit das Lesen unter freiem Himmel bei freiem Zu- und Eintritt. Gemütliche Lesemöbel – Sessel, Hängematten etc. – laden ein, sich in einer Welt von über 3000 Büchern unterschiedlichster Genres, aus dem aktuellen Verlagsprogramm von über 100 Verlagen zu verlieren.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat Sebastian Mettler, den Initiator von StadtLesen von der Innovationswerkstatt Salzburg befragt.

Ulrike Plüschke: Herr Mettler, wie ist die Idee für das tourende Lesewohnzimmer unter freiem Himmel entstanden und welche Ziele verfolgt das Projekt?
Sebastian Mettler: Die Innovationswerkstatt erdenkt Kommunikationsprodukte mit gesellschaftspolitischer Relevanz, kennt keinen Konjunktiv, handelt. Wir beschweren uns nicht über eine buchentfremdete Gesellschaft, wir nehmen uns der Sache an. So haben wir die Bibliotels, Unterkünfte mit erlesenen Details für den belesenen Gast, entwickelt. Die Details ersehen Interessierte unter www.bibliotels.com. Vor neun Jahren haben wir StadtLesen ins Leben gerufen. Mit StadtLesen behandeln wir die Entphantasierung der Gesellschaft. Viele haben ihre Phantasie verloren, im Computerbildschirm, im Fernsehbildschirm, in der Hektik des Alltags. So haben wir eine Therapie gegen die Entphantasierung geschaffen: Lesend eine neue Welt im Kopf erleben. StadtLesen bringt verlorene Phantasie zurück in Menschens Köpfe. Es bereitet dem Buchlesen eine Bühne, zeigt, wie genussreich, werthaltig Lesen ist, welch Glück Lesen bringt.

Bei freiem Zu- und Eintritt werden in 25 Städten Mitteleuropas Einheimische und Gäste eingeladen. Sie lassen sich nieder, spüren Zeit und Wort, sind einfach nur da. Neben dem Leser steht aber auch die Kooperation mit Unternehmen, Autoren und Verlagen im Mittelpunkt unseres Tuns. Ohne Autoren gibt es die Welt im Kopf nicht, die uns jedes einzelnen Buch entstehen lässt, ohne Verlage werden die Worte der Autoren nicht verbreitet und ohne die Kooperation mit vielen Unternehmen gibt es StadtLesen nicht. Schön zu sehen und zu spüren ist aber, dass immer mehr, auch sehr große, Unternehmen sich über die Wichtigkeit des Buchlesens im Klaren sind und erkennen, dass ohne das Beherrschen der Kulturtechnik des Lesens und des Schreibens Wirtschaft und wirtschaften nur schwer möglich sind: lesende Menschen sind glückliche Menschen, kritische und erfolgreiche Menschen. Das nützt der Gesellschaft und dem Erfolg von Unternehmen. Und das erkennen nicht nur Medienunternehmen, nein auch Autokonzerne wie z.B. Ford, oder Genussmarken wie Markant wissen um der Priorität des Themas und begleiten StadtLesen in wunderbarer Art und Weise. So können wir mit dem Projekt Leseförderung und gesellschaftspolitische Wertigkeiten ebenso bedienen wie die Verbindung zur Wirtschaft schaffen. Schön ist das Interesse der Städte und Kommunen. Für das Jahr 2017 wurden auf der Webseite www.stadtlesen.com bereits 225 unterschiedliche Städte nominiert, für 2018 werden es noch mehr sein. Aus diesen Nominierungen werden nach unterschiedlichen Kriterien 25 Städte ausgewählt. Wer also StadtLesen in seiner Heimatstadt sehen möchte, geht auf die Webseite und nominiert. Ich verspreche jeder Stadt und jedem einzelnen Besucher: „Lesen bringt keine Welt in den Kopf, Lesen IST eine Welt im Kopf“. Lesen gibt Ihnen Ihre Phantasie zurück.

Apropos Welt im Kopf: Wie treffen Sie die Auswahl der angebotenen Buchtitel und welche Zielgruppen erreichen Sie bisher mit Stadtlesen?
In den Büchertürmen findet das Leserherz das Richtige: Leichte Lektüren, schwere Kost, klassische Bestseller und Sachbücher. Junge Bücherwürmer lesen Kinder- und Jugendliteratur. Insgesamt begleiten uns über 120 deutschsprachige Verlage mit dem aktuellen Verlagsprogramm. Dieses bildet in etwa 13.000 Medien ab, von denen für jede einzelnen StadtLesen-Stadt etwa 3000 bis 5000 ausgewählt werden. Uns ist wichtig, dass in jeder Stadt auch jeder einzelne Verlagspartner mit in den Büchertürmen aufscheint. Wir wissen: ohne Verlagskooperationen gibt es kein StadtLesen, deshalb gehen wir mit dem Wert des Buches besonders sorgsam um. StadtLesen lebt vom niederschwelligen Zugang zum Thema des Buchlesens. Der freie Zu- und Eintritt bringt die Zufälligkeit der Berührung mit dem Thema in sich, die offene und geöffnete Atmosphäre begeistert Lesende und Vielleser ebenso wie durch StadtLesen „JetztwiederLeser“. Die breite Auswahl der Medien bringt zusätzliches Interesse unterschiedlichster Besuchergruppen. So erreicht StadtLesen keine Zielgruppen, Menschen unterschiedlichster soziodemografischer Attribute erreichen und entdecken StadtLesen.

Wie viele Menschen nutzen das Angebot bisher und wie ist das Feedback?
In nunmehr neun Jahren konnte StadtLesen in 56 unterschiedlichen Städten 175 Tourstopps absolvieren. Das heißt es gab bis heute etwa 700 StadtLesentage in Mitteleuropa. Um einen Überblick über Besucher zu erhalten, wurde in unterschiedlichen Städten hochgerechnet und eine Durchschnittszahl von circa 60.000 Kontakten pro Stadt erhoben. Ob als Leser oder im Vorbeigehen, StadtLesen erreicht also pro Tour insgesamt etwa 1,5 Millionen Menschen. Leselustige lieben StadtLesen, alle anderen lernen es zu lieben. Das erzählen uns viele Besucher. Kürzlich erreichte uns der Brief aus Offenburg in dem die Wirkung von StadtLesen eindrucksvoll beschrieben wird: „Ich habe dank StadtLesen nach 20 Jahren meine Leselust neu entdeckt“, schreibt eine Besucherin. StadtLesen ist spektakulär, da das Spektakel ausbleibt. Es bleibt Zeit zum Lesen, für die gesunde Langeweile, Phantasie.

Gibt es eigentlich auch Schlechtwettervarianten z.B. für das Begleitprogramm mit Lesungen?
StadtLesen ist für den freien und offenen Himmel konzipiert und erdacht. Durch die besondere Art des „Mobiliars“ und die Wasserdichten Büchertürme stehen wir dem Wetter nicht ohnmächtig gegenüber. Wir beobachten, dass sich Besucher bereits kurz nach einem erfrischenden Regenguss wieder in den Leselunzas (Wasserfeste Sitzsäcke von Q-Sack) lümmeln oder in der mitgeführten Lesegondel aus Bad Kleinkirchheim in die Bücherwelt eintauchen. Lesegondeln und Bergerlesen ist übrigens ein weiteres Projekt, das die Innovationswerkstatt, in diesem Fall mit den Bergbahnen Bad Kleinkirchheim umsetzt, um die Leselust zu fördern. In jeder Stadt bringen wir an einem Abend diejenigen auf die Bühne die uns die Phantasiewelt im Kopf entstehen lassen: Autorinnen und Autoren. Einzig für diesen Abend gibt es wasserfeste Ausweichmöglichkeiten. Wir verlangen also dem Wetter nichts ab. Wir passen uns an.

Vielen Dank!

Weitere Informationen

StadtLesen

www.bibliotels.com

Innovationswerkstatt Salzburg

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Hier finden Sie eine Übersicht über alle bisherigen Projekte der Woche.

StadtLesen verwandelt den Bebelplatz in Berlin in ein gemütliches Lesewohnzimmer, (c) Innovationswerkstatt Salzburg
StadtLesen verwandelt den Bebelplatz in Berlin in ein gemütliches Lesewohnzimmer, (c) Innovationswerkstatt Salzburg
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Allgemeine News
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Region: International, Bundesweit | Sparte: Literatur/ Lesen | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |