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Projekt der Woche #169: Homestorys

29.05.2017
Wühlen, suchen, finden, erfinden: Scheinbar authentische Räume regen die Fantasie und die Auseinandersetzung mit den fiktiven Bewohnern an, Foto: Stefan Hoyer
Wühlen, suchen, finden, erfinden: Scheinbar authentische Räume regen die Fantasie und die Auseinandersetzung mit den fiktiven Bewohnern an, Foto: Stefan Hoyer

Das Projekt "Homestorys" ist eine theatrale Demokratieschule und zugleich ein soziales Erkundungsgebiet. Seit Ende April 2017 lädt die Junge Wildnis, die Theaterpädagogik am Theater der Jungen Welt interessierte Gruppen in eine Fünf-Raum-Wohnung in einem Leipziger Plattenbau, um dort Schülerinnen und Schüler ab 14 Jahren in vierstündige Erlebnis-Workshops für Toleranz und Empathie einzubinden. In extra arrangierten Zimmern einer Wohngemeinschaft können die Jugendlichen stöbern und das Leben der abwesenden Bewohner oder Bewohnerinnen erkunden: Passt die CD-Sammlung zur Schrankwand? Was bedeutet der Gebetsteppich? Wer trainiert am Boxsack? Wieso gibt es so viele Deutschlandfahnen? Messie oder Ordnungsfanatiker? Die Neugierde der teilnehmenden Jugendlichen bringt die Geschichten der Bewohnerinnen der drei gestalteten Zimmer ins Rollen – und ihre mitgebrachten Vorurteile. Anschließend können die jungen Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer ihre ganz eigenen Vorstellungen von Wohngemeinschaft umsetzen und ausprobieren. „Wir proben hier den Ernstfall, das gemeinsame Leben von unterschiedlichen Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen. Theater als Schule des Lebens“, so Jürgen Zielinski, Intendant des Theater der Jungen Welt  über „Homestorys“. Projektpartner sind der Verein Forum B – Prozesse in Begleitung e.V. und die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB).

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat den Theaterpädagogen und Projektleiter Roland Bedrich vom Theater der Jungen Welt zum Projekt befragt:

Ulrike Plüschke: Herr Bedrich, wie ist die Idee für „Homestorys“ entstanden und welche Ziele verfolgen Sie damit?
Roland Bedrich: Die Junge Wildnis, die Theaterpädagogik im Theater der Jungen Welt, hat ihre Arbeit in dieser Spielzeit unter das Motto “Storys of Zuhause” gestellt. Dabei haben wir uns in verschieden Projekten mit Zuschreibungen, Formen und der Transformation von Zuhause beschäftigt. So kam auch die Idee, eine echte Wohnung theatral einzurichten. Wir wollten untersuchen, wie vielfältig die Lebensformen und Wertvorstellungen heute sind und zu fragen, wie wir dennoch friedlich zusammen leben können? Und wir wollten zeigen, wie Schubladendenken unser Urteil über die Menschen um uns herum beeinflusst. Unsere These war: Je tiefer wir in ihre Welt bzw. Wohnung eintauchen, desto differenzierter wird unser Blick auf sie, kann Toleranz, Empathie, vielleicht sogar Identifikation entstehen. Bei unserer Suche nach einem geeigneten Mietobjekt stießen wir auf diese Einheit in einem 16-geschossigen Hochhaus aus DDR-Zeiten im Plattenbaugebiet Leipzig-Grünau.

Welche Etappen durchlaufen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer während des Projekttages? Sicherlich ist dabei vieles nicht vorhersehbar – gab es schon besondere „Überraschungen“?
Wir starten mit dem sprichwörtlichen Wühlen in den Schubladen und suchen dabei nach den Geschichten, die uns Andenken, Alltagsgegenstände und Möbel über ihre Besitzer erzählen können. Hier kommen die Gruppen zu ganz unterschiedlichen Schlüssen und das dürfen sie auch. Beispielsweise wird ein Wohnzimmer mit dunkler Schrankwand, Sofagruppe und Strickdeckchen von deutschen Jugendlichen oft als bieder und altmodisch eher abgelehnt. Dagegen bewerteten einige Teilnehmende mit Migrationshintergrund die Einrichtung als solide und erstrebenswert. In einem anderen, fast leeren, Zimmer sehen unsere Gäste mal einen Brummifahrer, der selten da ist, mal eine Studentin, einen alleinstehenden älteren Herrn oder auch einen jungen Menschen mit Fluchthintergrund – um mal die ganze Bandbreite aufzumachen.

Eine richtige Lösung gibt es dabei nicht. Uns interessieren vielmehr die Storys, die die Teilnehmenden, getriggert durch den Raum, assoziieren und die sie dann auch szenisch ausspielen können. Im Anschluss tauschen wir uns intensiv über das Thema Vorurteile aus und wie wir mit ihnen umgehen können.

Im weiteren Verlauf wechseln wir die Räume und fragen, wie das Zusammenleben in dieser Wohngemeinschaft aussehen könnte. Wir stellen zum Beispiel Regeln und Wünsche an die Gemeinschaft auf und diskutieren, wie Entscheidungen gemeinsam getroffen werden sollen. In der letzten Phase nutzen wir die Zimmer ein bisschen wie eine Puppenstube, ein Modell im Maßstab 1:1. Die Teilnehmenden rücken Tische und Schränke, räumen alles um und überlegen, wie diese Regeln und Wünsche nun räumlich und praktisch umgesetzt werden können. Wir müssen das zwar jedes Mal hinterher wieder in den Ursprungszustand zurückbauen, aber die kreativen Ideen und Lösungen, zu denen die jungen Leute kommen und wie lustvoll und sensibel zugleich sie diese Aufgabe bearbeiten, lohnt die Mühe.

Wie werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefunden? Sprechen Sie ganze Klassenverbände an?
Ja. Das Theater kann auf viele gute Kontakte in Schulen und Einrichtungen zurückgreifen. Aber wir bieten den Projekttag nicht allein für Jugendliche an, sondern zunehmend auch für Erwachsenengruppen, wie Freiwilligendienstleistende, Deutschkurse für Migrantinnen, Lehramtsanwärterinnen oder ganze Teams von Fachkräften und Multiplikatorinnen in der Bildungsarbeit.

Wie ist das Feedback der Teilnehmenden und auch seitens der Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses?
Wir haben durchweg positives Feedback. Besonders gut kommt an, wie aktiv und attraktiv wir die Themen im Vergleich zum “klassischen” Schulunterricht bearbeiten. Ein Zuhause ist schließlich ein Ort, mit dem jede und jeder etwas anfangen kann. Dabei geben wir diesen persönlichen Geschichten und Erfahrungen der Teilnehmenden Raum, der in der Schule meistens fehlt.

Vor Beginn des Projektes haben wir die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses zu Kaffee und Kuchen eingeladen und ihren Geschichten zugehört. Viele haben uns geschildert, was ihnen für ein gutes Zusammenleben im Haus fehlt. Wir haben vereinbart, dass wir die Ergebnisse der Projekttage sammeln und sie am Ende nochmal einladen, um ihnen die Ideen der Klassen dazu vorzustellen.

Wie finanzieren Sie das Projekt? Entstehen für die genutzte Fünf-Raum-Wohnung auch Kosten?
Die Leipziger Wohnungsbaugesellschaft sponsert die Wohnung. Dafür sind wir dankbar. Alles Weitere, wie die Ersteinrichtung und die laufenden Kosten, finanzieren wir über das Theater der Jungen Welt. Der Hauptposten ist das Personal. Wir arbeiten je Projekttag mit drei Fachkräften für eine Klasse von ca. 25 Teilnehmenden. Ein guter Schlüssel, der sichert, dass wir unsere Teilnehmenden auch wirklich erreichen. Tatsächlich war es schwer Drittmittel einzuwerben, weil wir uns zwischen zwei Förderbereichen bewegen: politische Bildung und kulturelle Bildung. Unser Vorhaben ließ sich dadurch schwer mit den vorhandenen Kategorien beschreiben, um seine Zielsetzungen und Methoden einzuordnen.

Wieviele Projekttage haben Sie seit Ende April durchgeführt und wie lange soll das Projekt noch fortgeführt werden?
Knapp 15 Mal haben wir die Wohnungstür bislang geöffnet und hoffen, das Projekt noch bis in den Herbst anbieten zu können. Es gibt auch viele Ideen für Weiterentwicklungen in 2018, aber das wird vor allem von der Finanzierbarkeit und der Verfügbarkeit der Räume abhängen.

Vielen Dank!

Weitere Informationen

Projekt "Homestorys"

Junge Wildnis - Theaterpädagogik am Theater der Jungen Welt

Theater der Jungen Welt 

Verein Forum B – Prozesse in Begleitung e.V.

Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB)

Einen Überblick aller bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Biedermeier und Shisha-Pfeife: Mit bewusst inszenierten Störungen unterlaufen die Räume simple Zuschreibungen und befragen Vorurteile, Foto: Stefan Hoyer
Biedermeier und Shisha-Pfeife: Mit bewusst inszenierten Störungen unterlaufen die Räume simple Zuschreibungen und befragen Vorurteile, Foto: Stefan Hoyer
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Sachsen | Sparte: Interdisziplinär, Theater | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Erwachsenenbildung | Textsorte: Projekt der Woche |