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Projekt der Woche #167: Verankert in Hamburg

15.05.2017

Der Museumsdienst Hamburg unterstützt mit dem Kooperationsprojekt "Verankert in Hamburg - Stadtgeschichten neu entdeckt" Jugendliche im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren dabei, ihren ganz persönlichen Zugang zu der breitgefächerten Museumslandschaft der Hansestadt zu finden. Im Rahmen des Projekts entstehen zum Beispiel filmische Museumsporträts. An dem großen Kooperationsprojekt sind eine ganze Bandbreite von Hamburger Museen beteiligt: das Museum der Arbeit, die Hamburger Kunsthalle, das Hafenmuseum, das Museum für Völkerkunde, das Hamburg Museum, die Sammlung Falckenberg, das Altonaer Museum, die Deichtorhallen Hamburg.

Realisiert wurde das Projekt durch Mittel vom Deutschen Museumsbund im Programm "Von uns - für uns! Die Museen unserer Stadt entdeckt" im Rahmen der bundesweiten Initiative "Kultur macht stark" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat Vera Neukirchen, die Leiterin des Museumsdiensts Hamburg zum Projekt befragt:

Frau Neukirchen, wie ist die Idee für das Projekt entstanden und was sind die Ziele?

Wir haben die Vernetzung des Museumsdienstes in Hamburg als perfekte Ausgangslage und Chance für eine häuserübergreifende Initiative durch Museen mitten in der Stadtgesellschaft begriffen: der Museumsdienst vermittelt in Hamburg für 24 angeschlossene Museen Bildungs- und Vermittlungsangebote an die Öffentlichkeit, für rund 60 Museen organisiert er außerdem die Lange Nacht der Museen. Von der Vielfalt der bestehenden Programme sollen sich möglichst alle Zielgruppen angesprochen fühlen. Aber tun sie das auch? Wir wissen, dass nicht alle Menschen in die Museen kommen – aus unterschiedlichen Gründen. Für die einen ist die räumliche Entfernung zu den Museen ein Hinderungsgrund, für andere wiederum spielen Museen für und in ihrem Leben gar keine Rolle, wiederum andere haben einen erschwerten Zugang zu kulturellen Bildungsangeboten.

Hier setzen wir gemeinsam mit Trägern der Jugendhilfe an: Kultur und Museum macht stark bietet die Möglichkeit, durch unser Projekt „Verankert in Hamburg“ Kinder und Jugendliche gedanklich durch Outreach-Aktivitäten sowie räumlich durch ProjektbegleiterInnen in ihren Stadtteilen abzuholen. Ausgehend von Erkundungen der Lebenswelt in ihrem Stadtteil besuchen sie die Museen mit ihren Objekten und Geschichten, die gemeinhin mit „Hamburg“ assoziiert werden: Dazu gehören Hafen, Schiffe, Störtebecker und Geschichten unterschiedlicher Kulturen, der Geschichte der Arbeit in der Stadt, ebenso wie die Kunst Caspar David Friedrichs oder Jenny Holzers. Dabei begleiten wir die jungen Leute dabei, ihren Blick zu schärfen, genau hinzusehen und Toleranz für unterschiedliche Sichtweisen und Lebensformen zu entwickeln. Es ist uns wichtig, dass sich die jungen Teilnehmer Museen und die Stadt auch auf ihre eigene Weise aneignen lernen, ihren eigenen Blick auf Geschichte und Kunst entwickeln, sich selber als Teil der Stadt und ihrer Geschichte entdecken lernen: Indem das Projekt in jeweils zwei Museen unterschiedlicher Sparten stattfindet, einem historischen und einem Kunstmuseum bzw. kulturhistorisches Museum, können die Kinder und Jugendliche beiläufig unterschiedliche Sichtweisen kennenlernen.

Auf der einen Seite die Fakten und Daten sammelnde Welt der historischen Museen sowie dem individuellen, künstlerischen Blick auf die Welt durch Künstler in Kunstmuseen. Die Vermittler unterstützen sie dabei Spuren zu lesen, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart und im besten Fall zu den Jugendlichen selbst und ihren Interessen führen, die sie anregen weiterzudenken und selber tätig zu werden. Das Projekt hat viele aktivierenden Elemente, die unterschiedliche Kompetenzen vermitteln, etwa Sprechen vor einer Gruppe, fotografieren, Bilder in einen Film umzusetzen. Schließlich zielen wir darauf ab, den jungen Leute ein Verständnis von sich selbst und ihres eigenen Stadtteils als Teil des Großraum Hamburgs zu vermitteln – und sich dabei selbst als „Verankert in Hamburg“ verstehen zu lernen.

Auf welche Art und Weise findet das Neuentdecken der Stadtgeschichten statt?

Das Neue ist in diesem Projekt das Eigene, die persönliche Sicht aller Teilnehmer auf die Geschichte und Geschichten ihrer Stadt. Es gibt Rahmenbedingungen, die durch die Auswahl der Museen gesetzt sind, aber die Ergebnisse sind nicht vorhersehbar. Die Teilnehmer haben Kunstwerke, Museen, Geschichte selbst weitergedacht, geleitet von ihrem eigenen Interesse. Es gab weder fertige Geschichten noch ging es um Abfrage und Abspeichern von erlernten Wissen. Es war und ist uns wichtig, Museen, Geschichte und Kunstgeschichte im Kontext der Stadt zu zeigen und wir möchten unseren Projektteilnehmer ermutigen, ihren eigenen Zugang finden. Unsere Aufgabe sehen wir darin, die Sinne zu schärfen für Historisches und Gegenwärtiges. Den vermittelnden Projektbegleitern, Museumspädagogen, Fotografen, Künstlern, Grafikern, Theaterpädagogen, Filmemachern, Körpersprachtrainern u.a. ist dies auf hervorragende Weise gelungen - mit viel Erlebnisraum für jeden Einzelnen. Unser Credo ist, schaut Euch um, schaut genau hin, sagt was ihr fühlt, fotografiert aus Eurer Perspektive, drückt in eigenen Worten und Zeichnungen aus, was ihr wahrnehmt und was das, was ihr seht, bedeuten mag, – und hört auch zu, welche Geschichten es bereits gibt. Erzählt schließlich eine eigene Geschichte, seid kritisch, habt Mut zu Fantasie, macht selbst.

Auf Ihrer Website sind die sehr schwungvollen Museumsporträts zu sehen. Könnten Sie bitte etwas zur Entstehung der Filme und der Rolle der Jugendlichen bei der Entstehung sagen.

Die filmischen Museumsporträts sind eines von verschiedenen Ausdrucksmitteln um die Sichtweise der Jugendlichen auf die Museen darzustellen. So hat eine Gruppe etwa die Inszenierung der Ausstellung des Künstlers Andreas Slominski, 200 Klohäuschen in Deichtorhallen, zur Inszenierung ihres eigenen Filmes künstlerisch eingesetzt, die gleichen Teilnehmer haben sich etwa dem Jenisch Haus unübliche Hausansichten und Perspektiven mit den Mitteln der Fotografie genähert und schließlich am dritten Ort, im Altonaer Museum, ein historisches Museumsquiz entwickelt, das dokumentarisch im Film festgehalten wurde. Eine andere, ausschließliche Mädchengruppe, die Dollen Deerns, haben wiederum in ihrem Film zur Ausstellung Raymond Pettibon in der Sammlung Falckenberg unterschiedliche Auslegungen, Weiterführungen aber auch Kritik an den Bildern des Künstlers eindrucksvoll im Film veranschaulicht – und im Historischen Museum für Hamburgische Geschichte haben auch sie die Fotografie genutzt, um sich gegenseitig in historischen Kostümen kunstvoll zu fotografieren.
Im Hafenmuseum auf der Veddel entstand mit einer anderen Gruppe ein Film als Hafenkrimi, in dem historische Werkzeuge eine Rolle spielten und mit Kindern einer Internationalen Vorbereitungsklasse entstand eine von ihnen illustrierte Broschüre nach dem Besuch von drei Museen. Wir sind stolz auf die unterschiedlichen Beiträge der Kinder und Jugendlichen, die selbstbewusst eigenständige Positionen formuliert und dargestellt haben.

Welche weiteren „Projektergebnisse“ gibt es bzw. wird es geben?

Es gab eine Fotoausstellung, eine Tanzperformance, eine Broschüre der Kinder der Internationalen Vorbereitungsklasse, selbstgestaltete Postkarten, Skizzenbücher. In Bearbeitung sind reale und digitale Fotobücher, weitere Filme, öffentliche Präsentationen und Ausstellungen.

Im Projekt arbeiten Sie mit ca. 10 Hamburger Museen, verschiedenen Hamburger Vereinen (Trägern der Jugendhilfe) und Schulen zusammen. Wie ist das Feedback der Beteiligten?

Inhaltlich haben wir von den Trägern aber auch von den Jugendlichen selbst sehr positive Resonanz erhalten! Die Jugendlichen, die an unseren Programmen teilnehmen, sind begeistert: „Verankert in Hamburg“ bietet ihnen viel Raum, sie gehen mit einem veränderten Blick auf die Welt und die Museen heraus. Manche sind überrascht, dass Museen nicht nur etwas für ältere Leute sind. Betont werden muss, dass die Teilnahme den Jugendlichen sehr viel abverlangt, vor allen Dingen ihre wenige Freizeit. Bemerkenswert ist, dass die meisten Teilnehmer nach Abschluss des Projektes gerne weitermachen möchten (ein Wunsch, der leider konträr zu den Fördergrundsätzen steht) und Familien uns fragen, ob nicht auch die jüngeren Geschwisterkinder mitmachen können. Die Träger der Jugendhilfe leisten fantastische Arbeit in der Begleitung ihrer Schützlinge und in Zusammenarbeit und -spiel mit den Museen!

Kritisch merken wir alle zusammen an, dass die Koordination alle Projektpartner vor größte Herausforderungen stellt: Wenn es nicht gerade Ferienprojekte sind, ist vor allem die schwierige Zeiteinteilung der Kinder und Jugendlichen zu nennen, da hier ja ausschließlich die freiwillige, außerschulische Teilnahme von Jugendlichen mit erschwerten Bildungszugang gefördert wird. Dabei könnten schulische Projektwochen (hier wählen die Schüler freiwillig einen Projektschwerpunkt) eigentlich den perfekten Rahmen bieten.

Können sich Interessierte noch für die Projektetappen im Jahr 2017 anmelden?

Eine Anmeldung in dem Sinne gibt es leider nicht. Gleichwohl: Es gibt noch an verschiedenen Terminen Chancen mitzumachen. Interessierte bitten wir, sich unbedingt mit dem Museumsdienst in Verbindung zu setzen.  Oft finden wir noch eine Möglichkeit zum Mitmachen.

Vielen Dank!

Weitere Informationen

Projektwebsite “Verankert in Hamburg – Stadtgeschichten neu entdeckt.”

Museumsdienst Hamburg

Initiative "Kultur macht stark" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) 

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Hier finden Sie eine Übersicht aller bisherigen Projekte der Woche.

Verankert in Hamburg - Filmdreh der Jugendlichen im Hafenmuseum Hamburg; Foto: Museumsdienst Hamburg, Dorle Koch
Verankert in Hamburg - Filmdreh der Jugendlichen im Hafenmuseum Hamburg; Foto: Museumsdienst Hamburg, Dorle Koch
Kategorie: 
Allgemeine News
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Region: Hamburg | Sparte: Interdisziplinär, Medien, Museum | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |