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Projekt der Woche #166: Festival WURZELWERK

08.05.2017
Inszenierungsfoto der Gruppe „Schleswiger Speeldeel e.V.“, Stück: „Hans Brüggemann“ (Schleswig-Holstein), Foto: Horst Seegebarth
Inszenierungsfoto der Gruppe „Schleswiger Speeldeel e.V.“, Stück: „Hans Brüggemann“ (Schleswig-Holstein), Foto: Horst Seegebarth

Welche Bedeutung hat das Volkstheater in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland und welche Rolle spielen dabei die Sprachen und Mundarten? Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung initiierte der Bund Deutscher Amateurtheater (BDAT) im Mai 2015 mit seinem Bundesarbeitskreis „Mundart und Sprachen“ erstmals ein bundesweites viertägiges Volkstheatertreffen, das in Kooperation mit dem Verband Saarländischer Amateurtheater in Sulzbach/Saar stattfand. Vom 25. bis 28.Mai 2017 findet nun in Schleswig die zweite Ausgabe des Festivals WURZELWERK statt, die sich im den Rahmen des 125-jährigen BDAT-Jubiläums „125 Jahre – 125 Tage Theater“ einreiht. Kooperationspartner sind die Schleswiger Speeldeel e.V., der Landesverband der Amateurtheater Schleswig-Holstein e.V. und weitere Partner. Die Idee des Festivals WURZELWERK ist es, den Dialog zwischen den verschiedenen kulturellen Wurzeln des Volkstheaters mit allen in Deutschland lebenden Bevölkerungsgruppen herzustellen. Ob rheinländisches Platt, Kiezdeutsch oder die Vielfalt des Niederdeutschen: Sprache ist ein lebendiges Konstrukt, das als Spiegel gesellschaftlicher Prozesse zu verstehen ist.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat Dominik Eichhorn befragt, der als Bildungsreferent beim BDAT für das Festival WURZELWERK 2017 inhaltlich verantwortlich ist.

Herr Eichhorn, was genau dürfen die Besucherinnen und Besucher des Festivals WURZELWERK erwarten?
Das Festival liefert mit sieben Inszenierungen einen aktuellen Einblick in die künstlerische Vielfalt des Volks- und Mundarttheaters auf den Amateurtheaterbühnen. Gerade aus der Vielfalt der eingeladenen Gruppen ergibt sich die Besonderheit des kulturellen Highlights: Zum 500-jährigen Reformationsjubiläum beschäftigt sich die gastgebende Gruppe Schleswiger Speeldeel e.V. mit dem nordischen Schnitzer Hans Brüggemann, der Wahrheit und Wirklichkeit gegenüber der katholischen Kirche mit seinem darstellerischen Schaffen verteidigen möchte. Die Gruppe zeigt die Tragödie von Hans Ehrke vor dem historischen „Brüggemann-Altar“ im Schleswiger Dom. Auch Peppe Mairginter von der Pustertaler Theatergemeinschaft (Südtirol) thematisiert in seinem Monolog „Herr, ich hab dich nicht verraten“ eine zentrale Figur der christlichen Passionsgeschichte: Judas. Das „Theater in der Kneipe“ (Oberfranken) greift die Dramatisierung der seit dem Beginn der Neuzeit üblichen Passionsspiele auf und inszeniert einen Schlagabtausch aus Neid und Eifersüchtelei, der die eigentlich religiös-versöhnlichen Motive dieser Tradition zu vernichten droht.   

Zudem gibt es Aufführungen von zwei Jugendgruppen aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, die exemplarisch Produktionen aus ihrer Jugendarbeit zeigen werden. Mit der Inszenierung „Spuren“ von Morgen Wird Schöner (Saarland) und „Die drei Eisbären“ vom Neuburger Volkstheater e.V. (Bayern) stellen wir zwei unterschiedliche Formate des heutigen Volkstheaters gegenüber. Das multinationale Ensemble aus dem Saarland wirft einen Blick auf das Ankommen in einer anderen Welt aus der Perspektive von Syrern und Einheimischen, wohingegen sich die Gruppe aus Neuburg a.d. Donau mit einem Schwank einer klassischen Form des Volkstheaters zuwendet und hier eine moderne Interpretation liefert. Umrandet wird das Festival mit Workshops für die teilnehmenden Gruppen, Diskussionsrunden und einer abschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Was bedeutet Volkstheater heute?“.

Wie wird eigentlich sichergestellt, dass auch alle im Publikum die einzelnen Mundarten verstehen – gibt es z.B. „Obertitel“ wie in der Oper?
Sicherlich wäre eine Obertitelung der Veranstaltungen interessant, würde allerdings gegen den von uns angestrebten Dialog der Mundarten untereinander sprechen. In Form von Nachgesprächen möchten wir nicht nur Fragen zur direkten theatralischen Form der Inszenierungen nachgehen, sondern vor allem auch die Besonderheit im Umgang mit der jeweiligen Mundart herausstellen. Hier steht ebenso zur Diskussion, ob das Bedürfnis nach einer Art Verständigungshilfe den schleichenden Verlust dieser Traditionen widerspiegelt. Wie lassen sich die künstlerisch-kreativen und die gesellschaftliche-kulturellen Positionen der jeweiligen Regionen untereinander in Verständigung bringen? Bedarf es tatsächlicher Übersetzungsprozesse oder besteht die Verbindung der Spracheigenheiten auf einer gemeinsam zu definierenden Projektionsfläche? Aber ich kann Sie beruhigen: in unserem Programmheft zum Festival wird es ein kleines – bewusst nicht vollständiges – Glossar geben, das spitzfindige und äußerst seltene Ausdrücke für alle verständlich erklärt.   

Um eine quantitative Einschätzung zu erhalten: Wie viele Mundart-Theatergruppen gibt es im Bundesgebiet?
Mit dieser Frage sprechen Sie etwas an, das mit dem Engagement des Bund Deutscher Amateurtheater e.V. im Bereich „Mundart und Sprachen“ beantwortet werden soll. Denn einen zuverlässigen Überblick über die Vielzahl an Amateurtheatergruppen, die sich mit Mundartstücken in ihrer Region hervortun, gibt es nicht abschließend. Da viele der über 2400 im BDAT engagierten Mitgliedsbühnen nicht reine Mundarttheater sind, sondern vielmehr die Mundart in vielen Inszenierungen praktizieren, aber auch andere Sprechtheaterstücke in ihrem Repertoire haben, lässt sich hier nur vorsichtig formulieren. Schätzungen zufolge kann man davon ausgehen, dass in Deutschland mehrere tausend Bühnen Mundarttheater auf dem Spielplan stehen haben, hiervon sind etwa tausend Bühnen verbandlich organisiert. Da der Begriff des Volkstheaters im Verständnis unseres Bundesarbeitskreises weit gefasst ist, muss hier zunächst auch die tradierte Definition von Mundarttheater hinterfragt werden. Im Rahmen der Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes, geben wir Gruppen die Möglichkeit, sich mit einem Verbundlogo als Bewahrerin des Mundarttheaters auszeichnen zu lassen. Hier gehen wir davon aus, dass die beantragenden Gruppen sich dem Mundarttheater als kulturellem Erbe ihrer Region verschrieben haben, sich ehrenamtlich engagieren, in Inszenierungen die kulturelle Eigenart der lokalen Mundart erlebbar machen und zudem handwerkliche Traditionen fördern und generationsübergreifend wirken. Da erst Ende 2016 damit begonnen wurde, in Form dieser Erklärung Gruppen auszuzeichnen, können hier noch keine verlässlichen Zahlen geliefert werden.

Lassen Sie uns hier gern anknüpfen: die von Ihnen angesprochene Aufnahme der „Regionalen Vielfalt der Mundarttheater in Deutschland“ in das Bundesweite Verzeichnis „Immaterielles Kulturerbe“ der Deutschen UNESCO-Kommission fand im Dezember 2016 auf Antrag des BDAT statt. Was bedeutet das für die Unterstützung des Mundarttheaters? Eröffnen sich möglicherweise neue Fördertöpfe?
Die Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis „Immaterielles Kulturerbe“ würdigt die Arbeit tausender ehrenamtlich Engagierter im gesamten Bundesgebiet. Mit durchschnittlich etwa zwei bis drei Inszenierungen pro Jahr, auch im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters, sind die Amateurbühnen maßgeblich für den kulturellen Erhalt des Mundarttheaters verantwortlich. Die Auszeichnung der Deutschen UNSESCO-Kommission stellt hier eine starke Aufwertung dar, um die Möglichkeit weiterer Projekte, Aktionen und Diskussionen unter ein breites Licht der Öffentlichkeit zu stellen. Das Festival WURZELWERK ist eines dieser Projekte. Die Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe ist aber vielmehr die Würdigung einer jeden einzelnen Bühne, die generationsübergreifend in regionalen Kontexten ein Umfeld für eine lebendige Sprachvielfalt des Deutschen aufrechterhält. Wir erhoffen uns, dass dieses starke Zeichen vor allem auf lokaler und kommunaler Ebene dazu führt, dass es den Bühnen ermöglicht wird, weitere Fördermaßnahmen für ihre Theaterarbeit zu gewinnen. Gerade das integrative Potential dieser Theaterform verspricht für die nächsten Jahre einen intensiven Diskurs, um das Mundarttheater mit neuen Impulsen als wichtigen Teil eines offenen Volkstheaterverständnisses zu reaktivieren.

Mit dem Begriff „Mundart“ assoziiere ich auch – aber nicht nur – Dialekte der Groß- und Urgroßelterngeneration, die nach und nach „einschlafen“. Was sind heutige und zeitgemäße Dimensionen von Mundart im Sinne von sich stets verändernder (Umgangs)-Sprache in einer Einwanderungsgesellschaft?
Bereits bei der Initiierung des Festivals im Jahr 2015 war es ein wichtiges Anliegen, die Diversität der Mundarten in Deutschland auf ihr aktuelles und zukunftsorientiertes Potential hin zu untersuchen. In einer Gesellschaft, die von der kulturellen Vielfalt ihrer Einwanderer mitgeprägt ist, bietet das Volks- und Mundarttheater einen Rahmen, um integrativ verschiedene Kulturen zum Dialog auf einer gemeinsamen Basis einzuladen. Sprache ist hier als lebendiges Konstrukt Teil von individueller Aneignung, der Sprechakt eingebettet zwischen Tradition und Innovation. So zeigen sich heute zum einen die Bemühungen um eine Bewahrung von Mundarten, die aufgrund einer Abwendung von individueller Sprachvielfalt und einer Hinwendung zum Hochdeutschen als allgemeinverständlichem Konsens bei der jungen Generation immer mehr in Vergessenheit geraten.

Wenn Jugendgruppenleiterinnen von der Erfahrung berichten, dass junge Menschen die jeweilige Mundart als eine Art Fremdsprache mitsamt Vokabelheft lernen, so zeigt dies nur einen Weg der Vermittlung jener Sprachtraditionen. Aber auch Jungendslang oder Kiezdeutsch sind Zeichen von heutiger Dimension des Begriffs „Mundart“. Wenn Worte wie der „Babo“ (Boss, Anführer; bosnisch, zazaisch für Vater) aus der jugendkulturellen Verwendung in der Popkultur Einzug in den Duden finden, wird deutlich, dass auch die amtlich korrekte Verwendung der deutschen Sprache kein abgeschlossenes Faktum, sondern ein ständiger Prozess ist. Besonderheiten der Sprachverwendungen der deutschen Sprache, die durch Lern- und Aneignungsprozesse von Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen begleitet werden, zeigen ein heutiges Bild der neuen Mundarten der Einwanderungsgesellschaft, das ebenso wie die in der hiesigen Tradition verankerte klassische Mundart förderungs- und bewahrungswürdig ist.

Vielen Dank!

Weitere Informationen
Festivalidee

Programm des Festivals WURZELWERK vom 25. bis 28.Mai 2017 in Schleswig

BDAT-Pressemitteilung des BDAT zur Aufnahme der „Regionalen Vielfalt der Mundarttheater in Deutschland“ ins Bundesweite Verzeichnis „Immaterielles Kulturerbe“ der Deutschen UNESCO-Kommission

Jubiläum "125 Jahre - 125 Tage Theater"

Zu den bisherigen „Projekten der Woche“ gelangen Sie hier.

Inszenierungsfoto der Gruppe „Morgen wird schöner“, Stück: „Spuren“ (Saarland), Foto: Michael Wolff
Inszenierungsfoto der Gruppe „Morgen wird schöner“, Stück: „Spuren“ (Saarland), Foto: Michael Wolff
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Bundesweit, Schleswig-Holstein | Sparte: Brauchtum, Theater | Thema: Altersübergreifend, Erwachsenenbildung | Textsorte: Projekt der Woche |