Kultur bildet.

Das Portal für kulturelle Bildung.

Projekt der Woche #164: LUTHER - Das Kantatenprojekt

24.04.2017

„Ein Flughafen, eine Kirche, Nonnen, ein Chor aus über hundert Hallensern, Luthers sprachschöpferisches Genie, die gottgegebene Liebe zur Obrigkeit, Luthers dunkle Seiten, 1989, Thomas Mann, Heine, Goethe, Gauck, der Deutsche Bundestag, Luther-Kekse und Teufel, Teufel, Teufel...“, so beschreibt die Oper Halle auf ihrer Website die szenische Collage mit Musik von Johann Sebastian Bach mit dem Titel "LUTHER – Das Kantatenprojekt". Vom Publikum und der Presse wurde dieser Beitrag der Oper Halle zum großen Luther-Gedenkjahr bei den bisherigen Aufführungen (Premiere war am 1. April) wohlwollend aufgenommen. Weitere Aufführungstermine sind der 11. Mai und 11. Juni 2017.

Die unter Regie von Veit Güssow entstandene Inszenierung setzt sich nicht nur kritisch mit Martin Luther und seiner Gedankenwelt, sondern auch mit dem Luther-Gedenken auseinander. Das Besondere an diesem Streifzug durch 500 Jahre Reformations(jubiläums)geschichte ist: ein 100stimmiger Chor aus Hallenser Bürgerinnen und Bürgern steht gemeinsam mit einem Quartett von Solisten der Oper Halle sowie dem Kinder- und Jugendchor auf der Bühne, begleitet von der Staatskapelle Halle. Der Schauspieler Martin Reik verkörpert den längst zum Monument geronnenen Reformator.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat Regisseur Veit Güssow zum Kantatenprojekt befragt:

Ulrike Plüschke: Herr Güssow, wie ist die Idee für diese Art der musikalisch-szenischen Auseinandersetzung mit Luther und vor allem mit 500 Jahren sehr bewegter Luther-Rezeption entstanden? Wie findet man für ein so komplexes Thema eine geeignete szenisch-musikalische Form?
Veit Güssow: Das Reformationsjubiläum ist gerade in Sachsen-Anhalt so omnipräsent, dass wir es über seine religiösen Wurzeln hinaus als gesellschaftspolitisches und auch ambivalent diskutiertes Phänomen wahrnehmen. In diesem Kontext hat es uns - als größter Kulturträger im „Lutherland“ - gereizt, eine künstlerische Auseinandersetzung auf die Beine zu stellen, die eine Brücke von Luther bis in die heutige Zeit schlägt. Uns hat also weniger eine rein biographische Annäherung an die historische Person interessiert als eine Beschäftigung mit Luthers politischem Wirken und vor allem Nachwirken bis heute. Themen wie Luthers sprachschöpferisches Genie, sein Wirken als „Erzieher seines Volkes zur Untertänigkeit vor gottgewollter Obrigkeit“ (Thomas Mann), die Befreiung von institutionalisierter Gottesfurcht und auch sein aggressiver Antisemitismus standen am Anfang dieser Auseinandersetzung. Tatsächlich ist an diesem Abend sehr viel Martin Luther im Original zu hören und auch so gut wie alle anderen Texte basieren direkt auf historischen Quellen oder auf biografischem Material unserer Bürgerchormitglieder.

Bachs Kantatenwerk erschien uns hierzu als musikalische Grundlage interessant. Immer wieder gibt es in den weltlichen und geistlichen Kantaten faszinierende gedankliche Schnittmengen zu Luther. Teilweise basieren sie selbst auf Luther-Texten oder – wie im Falle der protestantischen Selbstvergewisserungshymne „Ein feste Burg ist unser Gott“ – geht der Bach’sche Choral direkt auf Martin Luthers Kirchenlied zurück. Um alle Bausteine zusammenzuhalten, haben wir dann einen dramaturgischen Bogen von Heute zur Luther-Zeit und dann durch die Reformationsjubiläumsgeschichte zurück ins Heute gebaut. Wobei die Figur Martin Luther in allen Zeiten auftaucht, irritiert, fasziniert und erschreckt.

Warum haben Sie einen Flughafen als Setting gewählt?
Dafür gibt es mehrere ästhetische und inhaltliche Gründe. Wir haben nach einem Ort gesucht, der etwas Alltägliches hat und an dem sich Menschen aus allen Bevölkerungsschichten begegnen: Vom Servicepersonal bis zum Businessclass-Geschäftsmann, vom Schnäppchenjäger bis zum Sicherheitsdienst. Die Menschen, die hier aus ganz weltlichen Gründen zusammenkommen, werden plötzlich mit dem Thema Reformation der Christlichen Kirche vor 500 Jahren konfrontiert.

Daraus ergibt sich der ästhetische Reiz, der erhabenen Bachmusik und den aufgeladenen Texten ganz alltägliche Situationen gegenüber stellen zu können.

Gleichzeitig sind Flughäfen heute die teuersten und größten Gebäude der Welt: Kathedralen der Moderne, Repräsentationsbauten wie zu Luthers Zeiten der Petersdom. Dabei gibt es auch eine sinnbildliche Schnittmenge: Arrival und Departure und dazwischen Zeitvertreib.

Welche konzeptionell-inhaltliche Rolle spielt für Sie die Mitwirkung des Bürgerchors, in dem 100 Hallenserinnen und Hallenser Bach-Kantaten singen und teilweise auch szenische Parts auf der Bühne haben?
Für mich gibt es hier zwei inhaltliche Hauptpunkte. Luther hat in religiöser Hinsicht die strikte Trennung von Laien und Profis hinterfragt. Er hat sich für die Mündigmachung der Bevölkerung stark gemacht. An diesem Aspekt von Luthers Wirken setzt die Konzeption des Projektes an.

Daneben spielt der Bürgerchor auch als Volk auf der Bühne immer wieder eine gewichtige Rolle. Wenn man sich die Reformationsjubiläumsgeschichte ansieht, wird schnell klar, dass es immer politische Gründe waren, zu deren Zweck die Jubiläen gefeiert wurden und das dabei die Interessen der Bevölkerung nicht gerade im Vordergrund standen. Das 1617-Jubiläum wurde bspw. genutzt, um in den protestantischen Herrschaftsbereichen die Gegnerschaft zum Papsttum zu beschwören. Im Folgejahr brach der 30-jährige Krieg aus. Beim 1917-Jubiläum wurde Luther – am Ende des ersten Weltkriegs – zu einem deutschen Nationalhelden stilisiert, mit der Betonung auf dessen Durchhaltevermögen und  Standhaftigkeit.

Am Ende kommen wir im hier und heute an und der Bürgerchor repräsentiert sich als Volk quasi selbst. Er wird direkt mit Aussagen aus der Politik zum heutigen Zweck des Jubiläums konfrontiert sowie mit Luther-Quietscheentchen und Playmobilfiguren.

Bach-Kantaten gehören nicht gerade zum Einsteiger-Repertoire. Wie und auf welchen Wegen haben Sie die Amateursängerinnen und -sänger für dieses Projekt angesprochen und schließlich gefunden? Welche Altersgruppen sind vertreten?
Die jüngsten Teilnehmer*innen sind acht, die ältesten über 75. Weit über die Hälfte ist berufstätig und es sind zahlreiche Rentner*innen und Studierende sowie unser hauseigener Kinderchor dabei. Ein ziemlicher Querschnitt durch die Bevölkerung. Das Projekt war auch für Menschen ohne musikalische Vorerfahrung offen und wurde über die Zeitung und unsere eigenen Kanäle beworben. Daneben haben wir gezielt Chöre aus Halle und Umgebung angesprochen. Der Akquiseprozess hat ca. ein Jahr vor Probenbeginn begonnen. Es gab zahlreiche Informationsabende für Interessierte und so hat sich das Projekt immer weiter rumgesprochen. Ich schätze, dass gut die zweit Drittel der Teilnehmer*innen Chorerfahrung hat und Leute aus über verschiedenen Chören bei uns mitsingen.

Die Bachkantaten haben den Vorteil, dass es zahlreiche Chorstellen gibt, die auch für Anfänger*innen singbar sind. Sie sind ja als Wechselspiel zwischen Chor- und Soloteilen geschrieben, so dass in ihrer Struktur eine gute Grundlage für die Zusammenarbeit von musikalischen Profis und Laien schon angelegt ist.

Allein die Arbeit mit einem großen Profi-Ensemble stellt einen Regisseur sicherlich vor Herausforderungen. Wie lange hat der Probenprozess gedauert? Wie verliefen die Proben in diesem Projekt, bei dem ja Amateure und Profis eng zusammenarbeiten und „-funktionieren“ müssen?
Der Probenprozess war ein sehr spezieller. Wir haben unterschiedliche Mosaiksteine zu den thematischen Setzungen geprobt, die erst in den letzten Wochen zusammengekommen sind. Damit das Ganze sowohl organisatorisch wie auch dramaturgisch funktioniert, wurde mit Martin Reik ein professioneller Schauspieler als Luther engagiert. Dies ermöglichte es uns inhaltlich, den Abend zusammenzuhalten und immer wieder die Mosaiksteine sinnvoll zu einem Gesamtbild zu fügen.

Der Probenprozess lässt sich grob in vier Phasen teilen. Sechs Monate vor Premiere hat unser Chordirektor Rustam Samedov mit der Unterstützung unseres Projektassistenten Konrad Liebscher begonnen, einmal pro Woche an der musikalischen Einstudierung zu arbeiten. Peu à peu haben wir uns dann auch an schwierigere Stücke gewagt und ausgelotet, was musikalisch mit dem Projektchor möglich ist.

Vier Monate vor der Premiere hat sich dann die Gruppe der „szenisch Interessierten“ gebildet. Diese hat in drei Untergruppen, jeweils an einem zusätzlichen Tag der Woche zu spezifischen Themen - teils biografisch, teils dokumentarisch - szenisch gearbeitet. Arbeitstitel der Gruppen waren: „Die dunkle und die helle Seite Martin Luthers“, „Revolution 89“ und „Historische Redner“.

Als dann die Solist*innen sechs Wochen vor der Premiere dazu kamen, gab es schon eine ganze Reihe fertiger szenischer und musikalischer Bausteine, an denen an drei Abendproben in der Woche alle Beteiligten weiterarbeiten konnten. Vormittags wurden mit den Profis weitere Bausteine erarbeitet. Zuweilen konnten wir mit den Solist*innen auch außerhalb der festen Abendproben an Massenszenen arbeiten: Etliche Mitglieder des Projektchores nutzten die Chance, tiefe Einblicke in den Probenprozess mit den Profis zu erhalten, indem sie als „Probenenthusiasten“ an weiteren Proben als Anspielpartner*innen zur Verfügung standen.

Die vierte Phase stellten die Bühnenproben ab zwei Wochen vor der Premiere dar. Hier haben wir an fast allen Abenden und die kompletten Samstage mit allen geprobt. Dies war eine sehr intensive Zeit, bei der eine  sehr produktive Gruppendynamik entstanden ist. Für die Solist*innen war es sicherlich ungewohnt, dass sie nicht ganz so im Fokus standen wie bei „normalen“ Opernproduktionen.

Wie war das Feedback des Ensembles – sowohl der Profis als auch der Amateure? Wird der Bürgerchor nach der letzten Aufführung im Juni möglicherweise weiterbestehen?
Das Feedback war tatsächlich von allen Seiten sehr positiv, da die Probenarbeit für alle etwas Außergewöhnliches war. Dazu kommt, dass dieses Projekt durch seine breite Verankerung in der Stadt ein sehr gemischtes Publikum anzieht, das sich beim Schlussapplaus überwiegend begeistert zeigt. Diese Resonanz wirkt natürlich auf alle Beteiligten zusätzlich motivierend. Die Stimmung hinter der Bühne ist auch speziell, da das Opernhaus plötzlich von über 130 im positiven Sinne aufgeregten Laien erobert wird – das tut dem Haus sehr gut und überträgt sich auch auf die Solist*innen.

Natürlich werden wir auch zukünftig die Öffnung unseres Hauses in die Stadt weiterverfolgen und denken sehr konkret über mögliche Folgeprojekte mit dem Bürgerchor nach - auch die Nachfragen in diese Richtung aus den Reihen der Teilnehmer*innen nehmen zu. Die Logistik für eine Inszenierung dieser Größe ist aber nicht ohne weiteres jede Spielzeit zu bewältigen.

Vielen Dank!

Weitere Informationen

Eine Übersicht der bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Ein 100stimmiger Chor aus Hallenser Bürgerinnen und Bürgern steht gemeinsam mit einem Quartett von Solisten der Oper Halle sowie dem Kinder- und Jugendchor auf der Bühne, begleitet von der Staatskapelle Halle, Foto: Anna Kolata
Ein 100stimmiger Chor aus Hallenser Bürgerinnen und Bürgern steht gemeinsam mit einem Quartett von Solisten der Oper Halle sowie dem Kinder- und Jugendchor auf der Bühne, begleitet von der Staatskapelle Halle, Foto: Anna Kolata
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Sachsen-Anhalt | Sparte: Musik, Theater | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |