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Projekt der Woche #162: CABUWAZI Tempelhof

10.04.2017
Aufbau des neuen Zirkusplatzes auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof,  Foto: Matthias Steinbach
Aufbau des neuen Zirkusplatzes auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof, Foto: Matthias Steinbach

Eine Initiative, die 1992 in einem Berliner Hinterhof als "Kreuzberger Einradchaos" begann und sich 1994 zum Kinder- und Jugendzirkus mit einem Zelt im ehemaligen Grenzstreifen in Berlin-Treptow unter dem Namen CABUWAZI entwickelte, ist mittlerweile unter der Trägerschaft der GrenzKultur gemeinnützige GmbH zu einem Verbund mit fünf Zirkus-Standorten im gesamten Berliner Stadtgebiet gewachsen. CABUWAZI - abgeleitet von „ChAotisch BUnter WAnderZIrkus“ - ist seit April 2017 nun auch mit einem eigenen Zirkuszelt auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof zu finden.

Ulrike Plüschke von der "Kultur bildet."-Redaktion hat Christian Wehmeier, verantwortlich für die pädagogische Standortleitung und die Koordination der Schulprojekte, zum neuen Standort und zum Projekt "Beyond Borders" befragt.

Ulrike Plüschke: Seit Anfang April 2017 hat der Kinder- und Jugendzirkus CABUWAZI einen neuen festen Standort auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens in Berlin Tempelhof? Wie kam es dazu?
Christian Wehmeier: Seit 2015 arbeitet CABUWAZI mit dem mobilen Team "CABUWAZI Beyond Borders" in mehreren Berliner Einrichtungen für Geflüchtete. Auch in der Notunterkunft des ehemaligen Flughafens Tempelhof bietet CABUWAZI seitdem tägliches Zirkustraining für die Kinder und Jugendlichen sowie auch für junge Erwachsene an. Im Juli 2017 werden auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens so genannte Tempohomes, also temporäre Unterbringungseinrichtungen für Geflüchtete, errichtet und bezogen.
Durch die enge Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft und dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten entstand die Idee, eine Begegnungsstätte zu schaffen, wo die in den Tempohomes lebenden Menschen durch zirkuspädagogische Angebote mit schon länger in Berlin lebenden Menschen zusammenkommen.

Das Ziel des neuen Zirkusstandortes "CABUWAZI Tempelhof - Der Kulturflughafen" ist es somit, gemeinsam mit Neu- und Alt-Berliner*innen einen neuen Ort des interkulturellen Austauschs und der Begegnung zu gestalten.
Durch die Tatsache, dass der Standort CABUWAZI Friedrichshain wegen der prekären Baulage in Friedrichshain schon seit Längerem auf der Suche nach einem neuen Grundstück war, konnten wir die Zelte und Bauwägen aus Friedrichshain verwenden, um den neuen Standort am Columbiadamm schnell zu errichten.

CABUWAZI führt neben "klassischen" zirkuspädagogischen Formaten auch verschiedene Projekte wie z.B. das von Ihnen erwähnte "CABUWAZI Beyond Borders" durch, das nach 2 Jahren als mobiles Projekt nun in Tempelhof einen festen Ort findet. Könnten Sie bitte noch etwas zur Idee und der konkreten Umsetzung von Beyond Borders sagen?
Schon länger engagiert sich der Berliner Kinder- und Jugendzirkus CABUWAZI für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Mit dem Projekt "CABUWAZI Beyond Borders" wurde 2015 die Arbeit intensiviert und ein eigenständiges Team zusammengestellt. Die Zirkuspädagog*innen - die selbst aus unterschiedlichen Kultur- und Sprachkreisen kommen - sind mit ihrem Jongliermaterial, mit Akrobatikmatten und Hula-Hoop-Reifen in Not- und Erstunterkünften, Übergangswohnheimen und Tempohomes für Geflüchtete unterwegs. Dort trainieren sie mit Kindern aus Syrien, Afghanistan oder Albanien. Im Rahmen des Konzeptes zur Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen führt CABUWAZI Zirkuswochen und fortlaufende Zirkuskurse durch.

Die Angebote geben den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, einen Einblick in die Zirkusartistik zu gewinnen, persönliche Stärken zu entdecken, ein soziales Miteinander in Gemeinschaft zu erleben und positive Verbindungen zur neuen Umgebung zu gestalten.
In einer Gruppe von ungefähr 15 Kindern und Jugendlichen trainieren die Teilnehmenden die unterschiedlichen zirzensischen Disziplinen Trapez, Trampolin, Breakdance, Clownerie, Jonglage oder diverse Balance-Disziplinen. In einem zweiten Schritt wird immer angestrebt, die Gruppen gemischt zu gestalten: Kinder und Jugendliche aus der jeweiligen Einrichtung und Kinder und Jugendliche aus der sozialräumlichen Umgebung. Um inklusive Projekte zu ermöglichen, kooperieren wir mit Schulen, Jugendclubs, Mehrgenerationenhäusern und weitere Einrichtungen im Sozialraum. Zurzeit ist das Projekt in den Bezirken Treptow-Köpenick, Charlottenburg-Wilmersdorf, Spandau, Moabit, Tempelhof-Schöneberg, Lichtenberg und Steglitz-Zehlendorf aktiv.
 
Seit seiner Gründung in den 1990er Jahren spielt für CABUWAZI die Kooperation mit Schulen und Kitas eine wichtige Rolle – könnten Sie bitte auf die Geschichte Ihrer zirzensischen Vermittlungsarbeit eingehen. Was hat sich seit den Anfängen verändert, was blieb gleich?
Die Kooperation mit Schulen und Kitas ist neben der Arbeit mit außerschulischen Bildungsträgern wie Stadtteilzentren, Vereinen, Initiativen und Wohnheimen ein festes Standbein der zirkuspädagogischen Arbeit von CABUWAZI. Dabei ist festzuhalten, dass gute und sinnvolle Zusammenarbeit mit Schulen und Kitas als verlässlicher Partner für die zirkuspädagogische Arbeit noch wichtiger geworden ist – was vor allem am Ausbau des Ganztags im Berliner Schulsystem festzumachen ist. Viele Kinder sind mittlerweile bis mindestens 16 Uhr in der Schule – sie dann im Nachmittagsbereich für neue Angebote zu begeistern, ist schwieriger geworden als noch in den 1990er Jahren.

Daher ist es für uns wichtig, mit unseren Kooperationspartnern langfristig und intensiv zusammenzuarbeiten, um möglichst vielen Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, einen Zugang zur bereichernden Welt des Zirkus zu bekommen.
Das Interesse der Schulen und Kitas ist jedoch ungebrochen hoch – die Effekte, die zirkuspädagogische Arbeit auf Kinder und Jugendliche haben kann, werden von vielen Lehrer*innen und Erzieher*innen gesehen und sehr geschätzt.

Neben der Zusammenarbeit zwischen Schulen bzw. Kitas und CABUWAZI hat sich auch das fachliche Niveau der Zirkuspädagogik seit den 1990er Jahren erhöht – Zirkuspädagogik ist mittlerweile zurecht als ernstzunehmende pädagogische Fachrichtung anerkannt. Der fachlichen Ausbildung trägt CABUWAZI mit der angegliederten "Circus Akademie Berlin“ Rechnung, in der die bundesweit einzige Vollzeit-Ausbildung zur/zum Zirkuspädagogin/en angeboten wird.
 
Das ist sicherlich für unsere Leserinnen und Leser ein interessanter Hinweis! Abschließend bleibt die wichtige Frage: Wie finanziert sich eine so aufwendige Stuktur wie ein Kinderzirkus mit mehreren Standorten?
 
GrenzKultur als Träger des Kinder- und Jugendzirkus CABUWAZI betreibt fünf Zirkusplätze in Berlin. Diese befinden sich in sozialen Brennpunkten und damit alle Kinder und Jugendliche teilnehmen können, ist das Zirkustraining für Kinder und Jugendliche ab neun Jahren kostenlos.  Jeder Zirkusplatz von CABUWAZI muss sich selbst finanzieren. Einige haben eine Grundfinanzierung nach §11 SGB VIII vom Bezirk. Dazu werden Projektmittel für einzelne Angebote und Projekte beantragt. Vor allem dank des Verbandes "Zirkus macht stark - Zirkus für alle" im Rahmen des Förderprogramms "Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung konnten wir einige Projekte für bildungsbenachteiligte und geflüchtete Kinder und Jugendliche realisieren. Das Programm fördert außerschulische Angebote der kulturellen Bildung mit dem Ziel, Chancengleichheit für alle zu ermöglichen

Schulkooperationen, Auftritte, Vermietungen und Verkauf von Workshops bringen weitere Einnahmen. Ohne die Bereitschaft vieler Eltern, Firmen oder uns verbundenen Förderern, uns mit Spenden zu unterstützen, könnte sich CABUWAZI trotz der verschiedenen Einnahmequellen nicht tragen.
Der neue Standort "CABUWAZI Tempelhof - Der Kulturflughafen" wird zudem von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft und dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten gefördert.

Vielen Dank!

Weitere Informationen

CABUWAZI

CABUWAZI Beyond Borders

CABUWAZI Circus Akademie

"Zirkus macht stark - Zirkus für alle"

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Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Bewohner der Flüchtlingsunterkunft mit einem CABUWAZI-Trainer beim Zirkustraining im Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof, Foto: Matthias Steinbach
Bewohner der Flüchtlingsunterkunft mit einem CABUWAZI-Trainer beim Zirkustraining im Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof, Foto: Matthias Steinbach
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Berlin | Sparte: Zirkus | Thema: Altersübergreifend, Aus- und Weiterbildung, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Erwachsenenbildung | Textsorte: Projekt der Woche |