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Projekt der Woche #159 Fotoprojekt "Armut und Reichtum"

20.03.2017
Im Projekt entstandenes Foto "Depressionen. Wenn man nichts mehr hat“, Foto: Tim Kuffner
Im Projekt entstandenes Foto "Depressionen. Wenn man nichts mehr hat“, Foto: Tim Kuffner

Der Insolvenzhilfe Prignitz e.V. mit Sitz im brandenburgischen Perleberg unterstützt und berät Menschen, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen können. Darüber hinaus leistet der Verein, der eine anerkannte Insolvenzberatungsstelle des Landes Brandenburg ist, auch wichtige Präventionsarbeit. Neben Schulungsangeboten für Kinder und Jugendliche, die ein grundlegendes Allgemeinwissen zum Umgang mit Geld vermitteln, realisiert der Verein seit 2014 Jahren auch das Fotoprojekt mit dem Titel "Armut und Reichtum in unserer Heimat".

Im Rahmen des Projekts setzen sich Kinder, Jugendliche und auch Erwachsenen intensiv mit der Frage von Armut und Reichtum auseinander. Dabei spielen die jeweils eigenen Erfahrungen und Sichtweisen, eine wichtige Rolle. Die entstandenen Fotos wurden in einer Wanderausstellung einer breiten Öffentlichkeit präsentiert.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat Marlies Schmidt, Leiterin der Geschäftsstelle und Initiatorin des Projekts, befragt.

Ulrike Plüschke: Frau Schmidt, wie ist die Idee für das Fotoprojekt entstanden und seit wann findet es statt?

Marlies Schmidt: Während unserer täglichen Arbeit wurde uns bewusst, dass das Wissen über die Funktions- und Wirkungsweise von Finanzen und Finanzprodukten nicht nur bei Kindern, sondern in weiten Bevölkerungskreisen sehr gering ist. Wir merkten, dass nur die Vermittlung von Wissen über den Umgang mit Geld nicht ausreicht. Deshalb starteten wir ein Foto- und Filmprojekt unter der Thematik „Armut und Reichtum in unserer Heimat“, bei dem nicht nur Kinder, Jugendliche und Erwachsene sondern auch alleinerziehende Eltern, ältere Menschen, Menschen mit Behinderung und Familien mit einbezogen wurden. Dabei werden alle sozialen Schichten mit vertreten.

Wer nimmt am Projekt teil und wie werden die Teilnehmer gefunden? Gibt es einen festen Teilnehmerkreis oder ist es ein fortlaufendes Projekt, das für neue Mitstreiter offen ist?

An diesem Projekt können alle teilnehmen, die es möchten. Bis zum heutigen Tage haben Schulen, Bildungsgesellschaften, Rentner, einzelne Familien, Muttis und Vatis mit Kind und viele mehr teilgenommen. Es ist für alle offen.

Im Projekt steht die fotografische Auseinandersetzung mit Armut und Reichtum im Mittelpunkt – Wie gehen Sie methodisch vor? Welche pädagogischen Ziele verfolgen Sie dabei?

Bereits kurz nach Beginn des Projektes ist uns aufgefallen, dass sich die Wertigkeit von Begriffen wie Freundschaft, Verantwortung, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Gerechtigkeit sich nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Altersgruppen extrem verschoben hat. Genau diese Problematik und Thematik möchten wir mit unserem Projekt aufgreifen. Das Besondere daran ist, dass wir allen Teilnehmern die Möglichkeit geben, eine allzu bekannte Thematik anders zu bearbeiten und darzustellen. Zunächst wurden die Veranstaltungen so ausgerichtet, dass in Gesprächen mit allen Teilnehmern verschiedene Begriffe wie Armut und Reichtum definiert worden sind. Durch die Hilfe eines Clusters und einer Mind Map sind kleine Geschichten, Ereignisse, Vorurteile und eigene Sichtweisen sehr lebendig geworden, wobei die Ansichten der Personen sehr unterschiedlich und weit gefächert waren. Um das Gespräch über die verschiedenen Thematiken etwas aufzulockern, bedienten wir uns didaktischer Spiele, in denen sich die Teilnehmer von einer anderen Seite zeigten (z.B. gesprächig, kontaktfreudig, engagiert). Dabei war es uns sehr wichtig, die persönlichen Erfahrungen und Meinungen der Teilnehmer in diesen Gesprächen mit einfließen zu lassen. Dadurch konnten wir seit 2014 viele Meinungen sammeln. Außerdem förderten solche Gespräche den Mut zu Meinungsäußerungen und bauten Vorteile ab. Weiterhin regten sie an, über andere Meinungen und Standpunkte („Bin ich reich, weil ich keine materielle Not leide?“ oder „Bin ich arm, weil ich keine Freunde habe?“) nachzudenken und zu diskutieren. So wurde herausgearbeitet, was für jeden Einzelnen im Leben wichtig ist.

Im Anschluss an diese Gesprächsrunde schloss sich eine Gruppenarbeit an. Danach begaben sich unsere Teilnehmer in ihre Heimatstadt und nach Hause, um sich dort, bezogen auf die Thematik, genauer umzusehen. Nach ihrer Rückkehr einigten sich die einzelnen Gruppen, bestehend aus je 3-5 Teilnehmern, über die Darstellung der ausgearbeiteten Thematik (Schwerpunkte, Medieneinsatz). Dabei gaben wir Anreize in die Gruppe, welche dann eigenverantwortlich ihre Ideen umsetzte. Danach sollten die Teilnehmer ihre Bilder und Filme betiteln sowie Kurzbeschreibungen vornehmen. Es stellte sich heraus, dass es für einige Teilnehmer eine Herausforderung war, die richtigen Formulierungen zu finden und diese schriftlich fest zu halten. Das Ziel war es, zukünftige Betrachter zum Nachdenken anzuregen. Am Ende wurden in einer gemeinsamen Veranstaltung die Bilder und Filme im Plenum ausgewertet. Jeder hatte die Möglichkeit über seine Arbeit zu sprechen, aber auch sich über die anderen Arbeiten zu informieren und zu diskutieren. Dieses passierte ohne jegliche Stigmatisierung oder Diskriminierung.

Nehmen auch Menschen teil, die selbst akut von Armut bedroht oder betroffen sind und wie sind deren Reaktionen auf das Projekt?

Ja! Auch solche Menschen nehmen teil und zeigen uns per Bild, wie es ihren Familien und ihnen selbst geht. Sie gehen ehrlich damit um, welche Sehnsüchte und Wünsche sie haben und stellen dies dar. Wobei diese auch nicht immer von materieller Art sind.

Als Ergebnis des Projekts ist eine Wanderausstellung entstanden. Wo wurde diese bisher gezeigt und wo wird sie künftig zu sehen sein? Wie waren die bisherigen Reaktionen der Besucherinnen und Besucher und der Öffentlichkeit?

Die Wanderausstellung war seit Sommer 2015 z.B. beim Landesamt für Soziales in Cottbus und an verschiedenen Orten in Brandenburg zu sehen, darunter Perleberg, Kyritz, Wittstock, Wittenberge, Neuruppin. Als nächstes wird die Ausstellung voraussichtlich ab April 2017 beim Paritätischen Landesverband Brandenburg e.V. in Potsdam zu sehen sein.

Abschließend bleibt natürlich die wichtige Frage, wie Sie dieses Projekt finanzieren.

Das Projekt finanziert sich durch Fördermittel des Landkreises Prignitz und durch eine Projektförderung des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Landes Brandenburg. Diesbezüglich möchten wir uns auch nochmals recht herzlich für die Unterstützung bedanken. Wobei das Geld trotzdem nicht reicht!

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg!

Weitere Informationen

weitere Fotos und Film aus dem Projekt Armut und Reichtum in unserer Heimat

Website des Insolvenzhilfe Prignitz e. V.

Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Im Projekt entstandenes Foto "Luxus...macht vieles leichter, aber nicht glücklich", Foto: Jasmin Wittrock
Im Projekt entstandenes Foto "Luxus...macht vieles leichter, aber nicht glücklich", Foto: Jasmin Wittrock
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Brandenburg | Sparte: Fotografie, Soziokultur | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |