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Projekt der Woche #155: Neu-Seh-Land

20.02.2017
"Neu-Seh-Land"-Teilnehmerinnen beim Workshop im Deutschen Zeitungsmuseum in Waldgassen, Foto: Ursula Bauer
"Neu-Seh-Land"-Teilnehmerinnen beim Workshop im Deutschen Zeitungsmuseum in Waldgassen, Foto: Ursula Bauer

In den saarländischen Orten Mettlach und Perl bietet die freischaffende Künstlerin Ursula Bauer seit Herbst 2016 Projekte zur kulturellen Bildung für junge Geflüchtete an. Unter ihrer Anleitung lernen im Projekt „Neu-Seh-Land“ 14 Teilnehmerinnen im Alter von 12 bis 15 Jahren grundlegende Zeichentechniken kennen. Die Schülerinnen der Gesamtschule Mettlach/Orscholz, die aus Flüchtlingsfamilien stammen, treffen sich seit September 2016 und noch bis April 2017 einmal wöchentlich nach dem Unterrichtsende für zwei Stunden in den Schulräumen mit Ursula Bauer zum Zeichnen und nehmen zusätzlich an Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten und Museen teil. Das Projekt Neu-Seh-Land ermöglicht es den Mädchen, ihren Raum, ihre Umgebung, ihre Eindrücke und Erfahrungen künstlerisch darzustellen und eröffnet während der Exkursionen erste Zugangsmöglichkeiten zum neuen kulturellen Lebensraum.  

Ulrike Plüschke von der Kultur bildet.-Redaktion hat Ursula Bauer zu "Neu-Seh-Land" und dem weiteren Projekt "4 Jahreszeiten - Ein Skizzenbuch" befragt:

Ulrike Plüschke: Frau Bauer, wieso wählten Sie gerade das Zeichnen als künstlerische Technik? Was ist das Besondere am Zeichnen und was ist die Zielsetzung Ihrer Projektarbeit?
Ursula Bauer: Beim Zeichnen kann ein fast meditativer Bewusstseinszustand entstehen, er erfasst den Menschen als Ganzes und hilft, durch den künstlerischen Ausdruck Heilung zu erfahren. Gesunde Kräfte und Fähigkeiten werden beim Zeichnen aktiviert, während krankmachende Prozesse durch ausgleichende Übungen überwunden werden. Zeichnen ist gleichzeitig eine erlebnis- und handlungsorientierte Therapie.
Wenn wir unsere Umwelt mit den Augen eines Künstlers betrachten, lernen wir völlig neue Perspektiven kennen. Zeichnen heißt genau hinschauen. Zeichnen lernen heißt sehen lernen.

Wie gehen Sie methodisch-inhaltlich vor?
Wir betrachten einen alltäglichen Gegenstand: „Wie ist seine Form – wie seine Oberfläche – wie ist seine Größe im Verhältnis zu anderen Dingen? Was macht ihn einzigartig? Wie ist die Stellung unseres Gegenstandes zu anderen Objekten im Raum? Was macht der Raum mit ihm, was machen die anderen Dinge mit ihm? Wie reagiert er auf Licht und Schatten? Wie kann ich seine dreidimensionale Form auf mein Zeichenblatt übertragen?“
In Anlehnung an diese künstlerische Tätigkeit kann auch die die eigene Identität neu gesehen werden: „Wie sehe ich mich selbst? Was bin ich, wie bin ich, was macht mich einzigartig? Was bedeutet es ein Mädchen/eine junge Frau zu sein? Wie sehe ich meine Position in meiner Familie? Wie sehe ich meine neue Heimat – wie meine Zukunft?

Wie kommunizieren Sie mit den Teilnehmerinnen?
Bei den ersten Terminen war eine Sprachmittlerin im Projekt tätig. Mittlerweile sind die Teilnehmerinnen in der Lage, den Unterweisungen in deutscher Sprache ohne Hilfen zu folgen. Die Besseren helfen den Schwächeren.

Wie erleben die Teilnehmerinnen den kreativen Prozess des Zeichnens und wie sind die Rückmeldungen?  
Die Kinder sind natürlich sehr neugierig und wissbegierig und wie fast alle Kinder machen sie gerne Kunst. Sie genießen sichtlich ihre „Vorrangstellung“ insofern dass in diesem Projekt ausschließlich Mädchen teilnehmen dürfen. So etwas ist wohl in ihrem kulturellen Herkunftsland ) nicht üblich. Und sie erleben die Situationen bei Ausflügen und Exkursionen, das ungezwungene Zusammensein in dieser geschützten und „privilegierten“ Gruppe sehr positiv und motivierend. Ihr Selbstbewusstsein wird gestärkt. Sie erfahren, dass ihre (künstlerische) Arbeit und sie selbst wertig sind.

Sie führen seit Oktober 2016 unter dem Titel „4 Jahreszeiten – ein Skizzentagebuch“ ein weiteres Projekt für Geflüchtete durch, an dem zwölf junge Frauen und Männer aus Eritrea und Syrien teilnehmen. Könnten Sie bitte abschließend auch kurz über dieses Projekt berichten.  
In dieser Gruppe finden die jungen Flüchtlinge, die zurzeit in den Gemeinden Mettlach und Perl leben, einen geschützten Raum, in dem sie ihren inneren Bildern zeichnen Raum geben, einen Bezug zur neuen Heimat und neue Sicht- und Verhaltensweisen entwickeln können. Die Durchführung erfolgt in 12 ganztägigen Workshops, jeweils an einem Samstag im Monat von Oktober 2016 bis Oktober 2017. Aus den gleichen Gründen wie bei „Neu-Seh-Land“ wurde das Medium Zeichnen gewählt. Im Wechsel mit Zeichenübungen gehen die Teilnehmer in der neuen Heimat auf Motivsuche und üben die erlernten Zeichenkenntnisse in persönlichen Skizzentagebüchern. Per Bahn, Bus, oder fußläufig werden Kunstorte, wie Museen, Baudenkmale, sowie landestypische Produktionsstätten und Naturdenkmale besucht.

In ihren persönlichen Skizzentagebüchern halten die Teilnehmer ihre Eindrücke und Erfahrungen in Form von Zeichnungen, Skizzen, Notizen, Collagen o. ä. fest. Einige hatten nach einigen Angaben schon mal hobbymäßig gezeichnet, die meisten gaben jedoch keinerlei Vorkenntnisse an. Aber alle waren erstmal neugierig. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind sehr sichtlich motiviert und sehr neugierig, was sich in sehr guten Arbeitsergebnissen und einer hervorragenden Arbeitsdisziplin zeigt. Es ist spürbar, wieviel Freude sie an diesen Veranstaltungen haben, die und mit welcher Neugierde und Begeisterung sie an den Exkursionen teilnehmen. Die Kommunikationsfähigkeit innerhalb der Gruppe verbessert sich deutlich von Mal zu mal. Durch die Einbindung von örtlichen Vereinen und Institutionen können die jungen Frauen und Männern neue Kontakte knüpfen und ihr persönliches Netzwerk im Sinne einer gelungenen Integration erweitern.

Vielen Dank!

Die Projekte „Neu-Seh-Land“ und „4 Jahreszeiten – Ein Skizzenbuch“ werden im Rahmen des BMBF-Programms "Kultur macht stark" gefördert, durch den Bundesverband Bildender Künstler (BBK) betreut und und durch lokale Bündnisse unterschiedlicher Partner umgesetzt. Die fachliche und organisatorische Leitung verantwortet Ursula Bauer, freischaffende Künstlerin und Vorstandsmitglied im BBK-Landesverband Saar. Unterstützt wird sie dabei durch die ehrenamtliche Helferin Bertina Nollmeyer.

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Einen Überblick über die bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Projekt "4 Jahreszeiten - Ein Skizzenbuch" - Auf Exkursion, Foto: Ursula Bauer
Projekt "4 Jahreszeiten - Ein Skizzenbuch" - Auf Exkursion, Foto: Ursula Bauer
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Saarland | Sparte: Bildende Kunst | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Projekt der Woche |