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Projekt der Woche #152: Performance Parcours

30.01.2017
Grundschulkinder re-performen Allan Kaprows Möbelskulptur „Push and Pull“, Foto: Patricia Hoeppe
Grundschulkinder re-performen Allan Kaprows Möbelskulptur „Push and Pull“, Foto: Patricia Hoeppe

Mit ihrem „Performance Parcours“ vermittelt Prof. Patricia Hoeppe von der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) kulturelle Fähigkeiten an Grundschulkinder. Seit 2013 führt Hoeppe mit Studierenden des Bachelor-Studiengangs Soziale Arbeit und Gesundheit/Schwerpunkt Kultur und Medien diesen Übungsparcours mit Frankfurter Grundschulklassen durch und baut ihn seitdem kontinuierlich aus. Ziel ist es dabei, individuelle und soziale Schwierigkeiten und Hindernisse mit kulturellen Skills zu überwinden und kulturell-demokratische Handlungsfähigkeiten zu vermitteln.

Die Performance- und Intermedia-Künstlerin Patricia Hoeppe hat seit 2012 eine künstlerische Professur im Studiengang Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt UAS inne. Sie lehrt und erforscht hier u.a. künstlerische Praktiken zur Erlangung sozialer und kultureller Fähigkeiten. Derzeit gilt ihr Augenmerk insbesondere der kulturellen Integration von Vielfalt durch die handlungsbefähigende und verortende Kunstform der Performance.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redaktion hat Patricia Hoeppe zum Performance Parcours befragt:

Ulrike Plüschke: Frau Hoeppe, wie ist die Idee für den „Performance Parcours“ entstanden und welche Ziele verfolgen Sie damit?
Patricia Hoeppe: Von 2012-2014 habe ich mit einer ganzen Stadt hier im Rhein-Main-Gebiet (mit insgesamt 15 000 Einwohnern) performativ-künstlerisch gearbeitet. In dieser Stadt gab es große Auseinandersetzungen zum Themenfeld Integration. Ich wurde von der Stadt angefragt, künstlerisch den Status Quo der Integration festzustellen und über künstlerische Methoden zu verbessern. Daraus entstand mein künstlerisches Forschungsprojekt „Performed City“ . Ich entwickelte Methoden des „performativen positionings“ sowie performative Setzungs- und Aushandlungsmethoden, um das Miteinander in dieser Stadt zu verbessern. Im Projekt „Performed City“ waren sämtliche Bürgergruppen beteiligt und die Schule dieser Stadt, die Kinder aus über 30 Nationen beschult und in der es tagtäglich zu emotionalen Dramen kam, lieferte ein besonderes eindrückliches Beispiel, wie schnell Kinder durch performativ-künstlerische Methoden kulturelle Teilhabe lernen können.

Da ich derartige Schwierigkeiten in Schulen schon über eine geraume Zeit beobachtete, entwickelte ich den Performance-Parcours und führte ihn erstmals 2013 in Kooperation mit dem Frankfurter Kinderschutzbund mit mehreren „schwierigen“ Schulen durch - jedes Mal mit überschwänglichem Feedback sowohl der SchülerInnen als auch der LehrerInnen. Im Performance-Parcours schien es möglich innerhalb nur zweier Schulstunden viel über einzelne Kinder und über das gesamte Klassengefüge zu erfahren – und gleichzeitig positiv auf beides einzuwirken.

Wie sehen die zu durchlaufenden Stationen des Parcours aus – könnten Sie bitte konkrete Beispiele beschreiben? Wie oft und mit insgesamt wie vielen Teilnehmenden haben Sie den Parcours seit 2013 bereits durchgeführt?
Zum einen gibt es mimetische (nachbildende) Stationen. Hier können die Kinder Performances bekannter Performance-Künstlers re-performen, z.B. von Stantiago Sierra, Marina Abramovic oder von Allan Kaprow, etc.. „Push and Pull“, die Möbelskulptur des Happening-Erfinders Allan Kaprow lieben die Kinder! Zum anderen gibt es poetische (neubildende) Stationen, wie die von mir entwickelte Station „performative positionings“. Hier erschaffen die Kinder gemeinsam eine physisch-zeichnerische emotionale Karte ihrer Klasse – und positionieren sich bereits nach einem Durchlauf neu....

Ein Performance-Parcours besteht in der Regel aus 4-6 Stationen. Die Klasse teilt sich zu jeweils 4-6 Kindern auf die einzelnen Stationen auf. Nach 15-20 min. ertönt ein Gong und alle Kinder wechseln die Stationen im Rotationsverfahren. In ca. 2 Schulstunden haben alle Kinder alle Stationen erfahren. Es nehmen immer ganze Klassen teil, inzwischen sind es 17 Klassen, also insgesamt etwa 400 SchülerInnen. Die Nachfrage ist sehr groß und wir müssen leider immer vielen Schulen absagen. Ich habe aber an der Frankfurt University noch mehr zu tun, besonders gerne entwickle ich neue Formate, aktuell haben wir im Team einen neuen Masterstudiengang entwickelt (s.u.). Und derzeit arbeite ich auch an einem recht großen Flüchtlings-Bürger-Projekt: „The Big Arrival/The Big Trial“.

Wie sind die Rückmeldungen der teilnehmenden Grundschulkinder und Lehrerinnen/Lehrer? Nehmen Kinder wiederholt oder einmalig teil? Was können Sie und Ihre Studierenden im Rahmen des „Performance Parcours“ bei den Teilnehmenden beobachten?
Die Rückmeldungen sind in der Regel überschwänglich, sowohl von den SchülerInnen als auch von den LehrerInnen. LehrerInnen berichten, dass sie in dieser kurzen Zeit so manches an den Kindern wahrnehmen konnten, was z.T. jahrelang nie aufgefallen war – und auch, dass so manches Kind „zum ersten Mal über sich hinaus gewachsen ist“. Kinder mit der Diagnose ADHS konnten sich z.B. scheinbar mühelos hier z.T. eine Stunde konzentrieren, oder die Motorik klappte von Station zur Station besser. Und fast beiläufig haben manchmal Kinder miteinander zu tun, die sich eigentlich doof fanden, aber auch das ist ja nicht in Stein gemeißelt... Den Kindern macht es einfach nur Spaß – so schön kann Lernen sein!
Die Klassen nehmen nur einmal am Performance Parcours Teil, obwohl es so einige Nachfragen nach „nochmal“ gibt. Ich entscheide mich aber immer für neue Klassen, manche Schulen schicken mehrere Klassen. Mit einigen Klassen arbeiten wir anschließend in Form von Projekten oder auch Halbjahresprogrammen performativ weiter, das ist auch recht beliebt.

Fließen Ihre (Langzeit-) Beobachtungen in Ihre Forschung und Lehre ein und wenn ja wie?
Ja, die Studierenden lernen sowohl die Methoden von mir und werden eng von mir gecoached, wenn sie nach dem Performance Parcours mit einer Klasse performativ weiterarbeiten. Über die Jahre habe ich den Performance Parcours fortlaufend verbessert, auch anhand von unseren Beobachtungen und den Feedbacks.

Findet der Performance Parcours bisher nur im Frankfurt/Main im Rahmen Ihrer Arbeit Anwendung oder macht dieses „Format“ bereits andernorts Schule?
Bisher habe ich den Performance Parcours nur in Frankfurt durchgeführt – aus organisatorischen Gründen. Aber ich bin offen für alles...

An der Frankfurt UAS startet zum Sommersemester 2017 der neue Master-Studiengang „Performative Künste in sozialen Feldern“, bei dem auch Sie lehren werden. Könnten Sie uns bitte hierzu schon Einiges verraten?
Ich habe diesen deutschlandweit einzigartigen und auch weltweit ungewöhnlichen Masterstudiengang über die letzten 4 Jahre federführend mitentwickelt. Ziel dieses Masters ist es, die Studierenden zu befähigen, allein durch performativ-künstlerische Verfahren das soziale Feld zu „lesen“ und durch Performance Projekte soziale Lösungsansätze zu initiieren. Das Masterprogramm ist sehr praxisnah. Wir werden im engen Kontakt zu Sozialräumen Projekte entwickeln, durchführen und beforschen.  Ja, wir freuen uns sehr, dass wir den doch großen gesellschaftlichen Herausforderungen mit der wunderbaren Performance Kunst begegnen und Möglichkeitsräume öffnen können, und dass wir diesen gesellschaftlichen Input auf diese Art und Weise multiplizieren können...

Vielen Dank!

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Alle bisherigen Projekte der Woche finden Sie hier.

Abschlussrunde der Grundschulkinder Patricia Hoeppe, Foto: Rea Roggenbruck
Abschlussrunde der Grundschulkinder Patricia Hoeppe, Foto: Rea Roggenbruck
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Hessen | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend, Aus- und Weiterbildung, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Schulische Bildung | Textsorte: Projekt der Woche |