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Projekt der Woche #122: Montagscafé im Kleinen Haus – Refugees are welcome here

06.06.2016
Foto: Daniel Koch

Offener Treffpunkt für Geflüchtete und Einheimische, immer montags im Kleinen Haus

Suche: Jemanden zum Deutsch lernen. Einen Freund. Ein Fahrrad. Einen Computer. Eine Wohnung. Möbel… Die Stellwand im Treppenhaus ist über und über mit kleinen weiß-gelben Zetteln bespickt. Darunter ab und an auch ein Biete-Zettel. Aber die Suche-Zettel sind in der Mehrzahl und unter ihnen machen die Deutschlehrer*innen- und Freund*innen-Gesuche das Rennen.

Im Café gegenüber brummt es. Etwa 150 Menschen sitzen an den kleinen runden Tischen und stehen in Gruppen im Raum. Sie spielen „Mensch ärgere dich nicht“, lernen gemeinsam Deutsch und dabei sich gegenseitig kennen; zeigen sich Fotos und Videos von ihren Familien, die Geflüchteten auch solche von ihrer Flucht und ihrer derzeitigen Unterbringung. Sie berichten von Problemen und bitten um Unterstützung: Mustafa hat sein Portemonnaie verloren, es war sein gesamtes Geld darin; Leyla hat endlich eine Wohnung gefunden, aber das Jobcenter findet, sie sei zu teuer. Ahmed hat sein Heimatland mit einem Realschulabschluss verlassen, er möchte wissen, wie er hier das Abitur machen kann. Nasser wartet seit sechs Monaten auf den Aufenthaltstitel. Am Nebentisch wird eifrig darüber diskutiert, wie die Frau sein muss, die Khalil heiraten will. Auf jeden Fall will er sie sich selbst suchen. „Meine schönste Erinnerung aus der Heimat?“ fragt Rashid. Diana reicht Kekse herum. Reste von ihrer Hochzeit. Abed nimmt sich den ersten. Grinst. „Jetzt bin ich der nächste, der heiratet. Das sagt man so bei uns.“ Carlotta erzählt von der hiesigen Tradition mit dem Blumenstrauß. - Man versucht sich zu verständigen - in den Muttersprachen, radebrechend in der fremden Sprache. Deutsche, syrische, afghanische, kurdische, englische Wortfetzen, Hände und Füße, kleine gelbe Wörterbücher - alles wird zur Verständigung herangezogen und irgendwie klappt’s. Bei Getränken, Snacks, Brettspielen und Tischtennis werden Unbekannte zu Bekannten.

Am Info-Tisch drängeln sich die Leute um Therese und Ashraf, die geduldig umzugehen versuchen mit der Ungeduld der vor ihnen Stehenden, die auf sie einreden mit ihren dringenden Fragen, z.B. nach Deutschunterricht oder einem Sportverein. Ali, Benno und Wolfgang stehen hinter der provisorischen Bar - wie immer seit September 2015 -, reichen Becher mit Tee, Wasser, Apfelsaft oder Cola über den Tresen, füllen Schüsseln mit Suppe - und organisieren gleichzeitig mit Mohammad seinen Umzug. Im unteren Foyer hat die Kontaktgruppe Asyl einen Tisch belegt und führt Einzelberatungen durch. Norman ist inzwischen unterwegs und organisiert die technische Vorbereitung des Abendprogramms, derweil Rouni mit der Kamera auf der Suche nach dem heutigen „Menschen aus dem Montagscafé“ ist, den er interviewen und später auf der Facebookseite des Montagscafés vorstellen will.

Jeden Montag ist das Montagscafé geöffnet. Um 15 Uhr geht es los mit einem Theaterworkshop. Es sind keine Theater- und Sprachkenntnisse erforderlich. Auch das Kinderprogramm und das Frauencafé starten um 15 Uhr. Von 17 bis 19 Uhr ist das Café dann für alle geöffnet. Ab 19 Uhr finden die wöchentlich wechselnden Abendveranstaltungen statt.

Das „Montagscafé“ ist ein Ort der Begegnung für Dresdner Bürger*innen und Geflüchtete. Es ist Mitglied in der Initiative „Weltoffenes Dresden“ und funktioniert im Grunde wie ein Gefäß, das die Geflüchteten-Initiativen und Ehrenamtlichen der Stadt mit ihren Angeboten füllen. Theaterworkshops und Fotowerkstätten, Fahrradverteilung, Frisöraktionen, Chor und Demokratrie-Workshops, Kinderprogramm und Frauencafé sowie die Abendveranstaltungen mit Konzerten und Filmvorführungen, Vorträgen und Diskussionen sind nicht denkbar ohne diese Kollaborationen.

Ein wichtiger Bestandteil des Programms sind die vom Förderverein Staatsschauspiel Dresden e.V. unterstützten Theaterbesuche der Cafébesucher*innen. Für die bessere Zugänglichkeit hat das Theater für einige seiner Produktionen arabischen und englische Untertitel erstellt. Außerdem entstanden und entstehen in der Bürgerbühne Produktionen, in denen Geflüchtete – unter ihnen auch Menschen, die in ihren Heimatländern als Künstler*innen tätig waren – auf der Bühne stehen und von sich erzählen. Die aktuelle Produktion ist „Morgenland“, eine „Romeo und Julia“-Version wird gerade geprobt.

Insgesamt also schauen wir mit Stolz auf unser jüngstes Theaterkind, das „Montagscafé“. Gleichzeitig aber wächst die Erkenntnis: Die eigentliche Arbeit geht jetzt erst los. Nach der Nothilfe für die frisch Eingetroffenen kommt die eigentliche Integration mit all ihren Facetten … Wir fragen uns, was wir als Kulturinstitution dazu beitragen können und nutzen die Chancen, die sich uns bieten. Immer häufiger übernehmen die Geflüchteten selbst die Initiative, machen Vorschläge für Veranstaltungen, die sie selbst organisieren. So gibt es seit einiger Zeit den Bauchtanzkurs von Gharam. Diaa hat einen Filmabend organisiert, der Autor und Regisseur Mudar Alhaggi als Pilotprojekt eine Schreibwerkstatt durchgeführt. Eine neues Format steht seit April auf dem Programm: Arte Migrante. Eine offene Bühne, auf die alle, die singen oder ein Instrument spielen, Songs schreiben oder Tagebuch oder Gedichte, tanzen, rappen, jonglieren, Kochrezepte präsentieren oder Zeitungsausschnitte, herzlich geladen sind. Kamal und Sayed wollen eine Veranstaltung mit Break Dance und arabischem Folkloretanz gestalten, andere eine Fotoausstellung im Foyer mit dem Titel „Ich und Dresden“.

Jeder Mensch ist ein Künstler! Kultur aber ist kein Integrationskurs. Menschen, die Kultur schaffen, sind keine Sozialarbeiter*innen. Was können Kultureinrichtungen nachhaltig machen, um nicht nur Lückenfüller zu sein? Kultur bedeutet Teilhabe am Gesamtgesellschaftlichen. Wie wollen wir diese Gesellschaft gestalten? Welche Kulturtechniken müssen wir dafür sektorenübergreifend entwickeln? Wie schaffen wir es, nicht nur Gleichgesinnte zu erreichen? Wie geht ein Diskurs, der die Geflüchteten nicht idealisiert, sondern auch die Debatte über problematische Aspekte zulässt – ohne das Rechtspopulist*innen ihn hijacken?

Mit dem Montagcafé wollen wir einen Raum schaffen, in dem diese notwendigen Debatten geführt werden – und zwar gemeinsam mit Menschen aus der Wissenschaft, Kultur und Politik. Es geht um Haltung, nicht um Herkunft. Um diese Haltung zu schaffen, braucht es eine Atmosphäre, einen Raum, der die Grenzen des Kognitiven überwindet und die Herzen der Menschen erreicht. Einen Raum, in dem Geschichten erzählt werden und der Frage nachgegangen wird, welche Geschichten von wem erzählt werden. Und auch wenn es zynisch klingen mag: Geflüchtete Künstler*innen und Kulturschaffende sind auch in ihren Heimatländern bereits Künstler*innen und Kulturschaffende gewesen. Früher musste man aufwendige Austauschprogramme auflegen, nun können wir uns direkt vor Ort austauschen. Im Montagscafé! Wir begreifen das als Chance!

Von Barbara Kantel

Das Montagscafé ist nominiert für den Sonderpreis für kulturelle Projekte mit geflüchteten Menschen der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Weitere Informationen zum Montagscafé erhalten Sie hier.

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Foto: Daniel Koch
Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Sachsen | Sparte: Interdisziplinär, Literatur/ Lesen, Musik, Soziokultur, Theater | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |