Kultur bildet.

Das Portal für kulturelle Bildung.

Netzwerk für gleichberechtigten Austausch - Interview mit Sabine Ruchlinski zur neuen Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe

25.01.2017

In unserer Rubrik „Dialogforum“ finden Sie seit Kurzem auch Interviews, die über die Beiträge zu unserer Reihe von Podiumsdiskussionen mit dem Titel „Dialogforum Kultur bildet.“ hinausgehen. Diese Interviews bieten uns die Möglichkeit, die Themen der Veranstaltungsreihe zu erweitern, zu vertiefen oder erneut aufzugreifen. Wir öffnen damit den Formatbegriff des Dialogforums über den naturgemäß begrenzten Rahmen der Podiumsdiskussion hinaus.

Im nachfolgenden Interview spricht Sabine Ruchlinski über die im Herbst 2016 neu gegründete Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe, deren Vorsitzende sie ist. Das Interview führte Theresa Brüheim, Chefin vom Dienst von Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrats, in deren Ausgabe 1/2017 das Interview erstmals abgedruckt wurde.

Theresa Brüheim: Frau Ruchlinski, am 8. Oktober in Köln gründeten Vertreter zahlreicher Initiativen wie KulturLeben, Kulturtafel oder auch KulturRaum aus ganz Deutschland die Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe e.V. Sie waren für den KulturRaum München vor Ort. Wie kam es zu dieser Neugründung? Wurde sie bereits von langer Hand geplant oder war es ein eher spontaner Entschluss?
Sabine Ruchlinski: Nein, das war kein spontaner Entschluss, sondern wurde intensiv vorbereitet. Bereits nach der Gründung der ersten Ini­tiativen für kulturelle Teilhabe in Marburg, Berlin, Hamburg, München und Köln wurde im Frühjahr 2011 eine Bundesarbeitsgemeinschaft gegründet. Ein loser Zusammenschluss, der in erster Linie dem gemeinsamen Austausch diente. In den darauffolgenden Jahren hat sich die Arbeitsgemeinschaft jährlich getroffen und zu einer sehr gewinnbringenden Einrichtung für die über 20 beteiligten Vereine entwickelt. Nach vier Jahren entstand der Wunsch, die Arbeitsgemeinschaft zu institutionalisieren, damit die gemeinsamen Ziele und Wünsche auch offiziell besser nach außen getragen werden können. Auf dem Treffen im Herbst 2015 in Berlin wurde deshalb eine Arbeitsgruppe mit den Vorbereitungen für eine Vereinsgründung beauftragt.

Was verstehen Sie unter kultureller Teilhabe? Wie würden Sie die Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe kurz beschreiben?
Unter kultureller Teilhabe verstehen wir in erster Linie die Möglichkeit, am kulturellen und gesellschaftlichen Leben einer Stadt teilnehmen zu können. Hierzu zählen Theater- und Konzertbesuche, Lesungen, Vorträge, Museumsbesuche – aber auch Workshops und Sportveranstaltungen. Da vielen Menschen dies aus finanziellen Gründen verwehrt ist, vermitteln wir ihnen Karten, die von den Veranstaltern kostenfrei zur Verfügung gestellt werden: Karten, die nicht verkauft werden können, gehen an Menschen, die sie sich nicht leisten können. Eine Win-win-Situation für alle Seiten. Das wichtigste Element hierbei ist die ehrenamtliche persönliche Vermittlung der Karten am Telefon. Die Mitarbeiter laden die Gäste ein und beantworten alle offenen Fragen zum Kulturbesuch. Das führt zum Abbau von Schwellenängsten und zur breiten Akzeptanz des Angebots. Die Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe sieht sich als Netzwerk aller Initiativen für einen kollegialen und gleichberechtigten Austausch. Sie soll in Zukunft den Anliegen und Bedürfnissen der sehr unterschiedlichen Vereine bundesweit eine Stimme verleihen.

Was ist die Idee des Vereins? Welche Zielsetzung verfolgt er?
Erstens soll der Verein die Arbeit der Initiativen für kulturelle Teilhabe bundesweit bekannt machen und sich in die kultur- und sozialpolitischen Debatten einbringen. Zweitens soll der Verein versuchen, finanzielle Mittel zu akquirieren, um z. B. Mitglieder, die wenig bis gar keine öffentliche Förderung erhalten, unterstützen zu können. Drittens können wir an große Kulturveranstalter, die bundesweit tätig sind, herantreten, um diese als Partner für alle Mitglieder zu gewinnen. Darüber hinaus wird die Bundesvereinigung weiterhin für alle Fragen zur Verfügung stehen und Bürger und Vereine beraten, die eine neue Initiative für kulturelle Teilhabe in ihrer Stadt oder ihrem Ort gründen möchten.

Wie viele Mitglieder zählt die Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe zu diesem Zeitpunkt? Wer war an der Gründung beteiligt? Wie planen Sie in Zukunft die Interessen Ihrer Mitglieder zu vertreten?
In Köln waren zwölf Gründungsmitglieder vor Ort. Die Bundesarbeitsgemeinschaft hatte ca. 20 Mitglieder und wir gehen davon aus, dass die meisten auch Mitglieder der Bundesvereinigung werden. Natürlich werden wir versuchen, weitere Initiativen für den Verband zu begeistern. Die Interessen der Mitglieder sollen in bundesweiten Gremien durch die zweite Vorsitzende Evelin Schulze in Berlin vertreten werden und darüber hinaus durch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Geschäftsstelle, die von München aus betreut wird, unterstützt werden.

Welche politischen Ziele hat sich die Bundesvereinigung kurz- und langfristig gesteckt?
Kurzfristig soll das sehr erfolgreiche und nachhaltige Engagement für kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe der Initiativen bundesweite Anerkennung finden und einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Mittelfristig sollten alle Vereine Zugang zu öffentlichen Fördermitteln erhalten. Alle Initiativen arbeiten mit vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern – in den großen Städten engagieren sich teilweise über 100 Freiwillige. Das Ehrenamtsmanagement benötigt feste und zukunftssichere Strukturen in Form von hauptamtlichem Personal. Außerdem müssen ausreichend Mittel für die Verwaltungsarbeit zur Verfügung stehen. Langfristig fordern wir in­stitutionelle Förderungen für unsere Mitglieder, da sie maßgeblich zur Integration benachteiligter Bevölkerungsgruppen in die Gesellschaft beitragen. Das geringe Einkommen ist die Klammer – und das trifft überproportional viele Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung, Senioren, Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung und Familien.
Ein weiteres langfristiges Ziel ist, unsere Idee in andere europäische Länder zu tragen, damit auch dort kulturelle Teilhabe für alle Menschen – unabhängig von ihrer finanziellen Situation – möglich wird.

Sabine Ruchlinski ist erste Vorsitzende der Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe. Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur

Weitere Informationen

Hinweis: Die Bundesvereinigung Kulturelle Teilhabe wird in Kürze eine eigene Website erstellen, bis dahin finden Sie weitere Informationen auf der Website der Bundesarbeitsgemeinschaft Kulturelle Teilhabe, aus der die Bundesvereinigung hervorgegangen ist: kulturelleteilhabe.de

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Interview |