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Musikvermittlung in Chemnitz: Gespräch mit dem Generalintendanten Christoph Dittrich

23.10.2013
Christoph Dittrich. Foto: Dieter Wuschanski

Der gebürtige Dresdner Christoph Dittrich studierte Tuba, Gesang, Pädagogik und Musikwissenschaften. Als Musiker und dramaturgischer Mitarbeiter bei der Elbland Philharmonie Sachsen arbeitete er dort zugleich an innovativen Projekten zur kulturellen Bildung. Im Jahr 2002 wurde er zum Intendanten und Geschäftsführer der Neuen Elbland Philharmonie berufen, seit dieser Spielzeit ist er Generalintendant der Theater Chemnitz. Dittrich ist auch Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen des Deutschen Bühnenvereins und Mitglied des Sächsischen Kultursenats. Im Gespräch erklärte Dittrich Projekte und Pläne der Kulturvermittlung an seinem Haus. 

Wie sind Ihre künstlerischen Pläne für die mittelfristige Zukunft der Theater Chemnitz?

Christoph Dittrich: Wir versuchen natürlich frühzeitig zu planen. Genaues kann ich noch nicht verraten. Aber dass wir Stücke mit Exklusivitätscharakter bringen, wird inzwischen nahezu vom Haus erwartet. Selbstverständlich müssen und sollen die Klassiker aber auch bedient werden. Bei aller Vielfalt wollen wir keine Gewöhnlichkeit oder pure Kulinarik. Das würde nicht funktionieren. Ich bin überzeugt, dass die direkte Erfüllung einer Publikumserwartung in Wahrheit eine Enttäuschung hervorruft. Man muss immer ein Stück weitergehen oder die Erwartungen variieren.

Wenn man Ihre Biographie anschaut, stellt man fest, dass Sie viel im pädagogischen Bereich tätig waren. Ist das für Sie eine Herzensangelegenheit?

Dittrich: Ja. Ich benutze gerne den Begriff Musikvermittlung – auch für Erwachsene. Das eigene begeisterte Erleben mit Kunst anderen zu ermöglichen halte ich für sehr wichtig. Wenn das gelingt, wenn man bei jemandem Emotionen für ein Stück wecken kann, das ihm vielleicht vorher verschlossen war, dann bewegt mich das sehr.

Gibt es denn bei Ihnen neben dem Kinder- und Jugendtheaterprogramm auch Ideen, ein neues Publikum unter Erwachsenen zu generieren?

Dittrich: Ja, das ist eine Erkenntnis, die ich aus den demografischen Beobachtungen ableite. Wenn wir weniger Kinder haben, aber ein größeres älteres Publikum, müssen wir natürlich auch die Vermittlungsfragen dort stellen. Es gibt ja ein Bedürfnis. Mein Beispiel sind immer die Erwachsenen, die wahnsinnig gerne „Peter und der Wolf“ sehen, aber ihre Kinder als Ausrede brauchen, weil sie sich schämen, alleine hinzugehen. Es gibt ein Bedürfnis, Dinge kennenzulernen, aber oft stellt man sich dem nicht mehr, weil man scheinbar aus dem Alter des Lernenden hinaus ist.

Und wie gelingt es, den Schalter umzulegen?

Dittrich: Am Haus haben wir vor allem Aktivitäten, bei denen wir die etablierten Bühnen verlassen. Wir haben zum Beispiel ein Schubert-Projekt außerhalb unserer Häuser, im Straßenbahndepot, in der Uni oder anderswo. Dieses gemeinsame Erforschen unbekannter Orte lockt wiederum ein Publikum, das per se gar nicht wegen Schubert kommt, sondern wegen der neuen Entdeckung. Da schwindet die Schwellenangst. Im Opernhaus würde man sich schon wieder Fragen stellen: Was ziehe ich an? Wann darf ich klatschen? Ist das ein geschlossener Zirkel?

Das Erreichen junger Leute, eines neuen Publikums ist ein ganz aktuelles Anliegen. Im Schauspiel gibt es schon gute Erfahrungen. Es ist eine wichtige Aufgabe, dies auf die anderen Sparten auszudehnen. Das Musiktheater ist einfach noch komplexer. Das Schauspiel hat eine starke Anknüpfung in die Literatur. Dem nähert man sich von einer erlernten Form, dem Lesen. Das Musiktheater ist wesentlich komplexer, was ja gerade so begeisternd ist: Musik, Text, Bewegungsästhetik beim Tanz usw. Sich dem zu stellen, ist in unserer Zeit, die ja doch stark intellektuell kulinarisch geprägt ist, eine Herausforderung.

Wo liegen Ihre persönlichen Schwerpunkte?

Dittrich: Ich bin natürlich besonders mit dem Musiktheater befasst, einfach auch durch meine persönliche künstlerische Herkunft. Wenn die Zeit es in Zukunft zulassen wird, werde ich mich auch mehr noch in die Musikvermittlungsarbeit hinein begeben. Da kann man auch durch das Spartenübergreifende Neugier auslösen. Im Mai haben wir ein Projekt im Chemnitzer Industriemuseum. Wir haben es „Spektakel“ getauft mit dem Titel „Moderne“. Chemnitz bezeichnet sich ja selbst als „Stadt der Moderne“, was sich durchaus auf das künstlerische Profil bezieht. Das Industriemuseum ist dafür ein interessanter Standort. Dort spiegelt sich die Industriestadttradition von Chemnitz wider. Dort können wir neue Publikumsschichten erreichen.

 

Enthalten in

Region: Bundesweit, Sachsen | Sparte: Musik, Theater | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Erwachsenenbildung, Seniorenbildung | Textsorte: Interview |