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Mit den Abrafaxen auf Zeitreise - Interview mit Klaus D. Schleiter

05.09.2017
Das 500. Mosaik schmückt ein Gemälde der Abrafaxe aus der Werkstatt von Lucas Cranach (li.). Da staunt selbst Luther (re.).
Das 500. Mosaik schmückt ein Gemälde der Abrafaxe aus der Werkstatt von Lucas Cranach (li.). Da staunt selbst Luther (re.).

Klaus D. Schleiter ist Herausgeber des Kult-Comics Mosaik, das seit 1955 erscheint und mit seinen drei Hauptfiguren Abrax, Brabax und Califax – kurz die Abrafaxe – schon Generationen von Leserinnen und Lesern auf lehrreiche und vor allem abenteuerliche Reisen in ferne Zeiten und Länder mitgenommen hat - aktuell an die Seite von Martin Luther und Lucas Cranach in die Reformationszeit. Im nachfolgenden Interview, das zuerst in der Ausgabe 5/2017 von Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrates, erschienen ist, spricht er über die Geschichte und die Besonderheiten des Mosaik. Die Fragen stellte Ulrike Plüschke, Referentin für Kultur und Bildung beim Deutschen Kulturrat.

Ulrike Plüschke: Herr Schleiter, im Sommer ist das 500. Heft des Mosaik-Comic erschienen, zum dem wir Ihnen und allen Mitstreitern herzlich gratulieren. Könnten Sie bitte kurz die Geschichte des Mosaik "erzählen"?
Klaus D. Schleiter: Lange und komplexe Geschichten in Kürze zu erzählen, ist unsere Spezialität: Das Mosaik wurde 1955 als Alternative zu westlichen Comics im ostdeutschen Verlag Neues Leben gegründet. Der Grafiker Johannes Hegenbarth hatte dazu drei Figuren erschaffen, die Digedags. Als er nach 20 Jahren den Verlagsvertrag kündigte, weil er noch andere künstlerische Projekte umsetzen wollte und das Mosaik nur noch alle zwei Monate erscheinen sollte, musste der Verlag sich eine Alternative überlegen. Das Mosaik war eine tragende Säule im Verlagsgeschäft und die Einnahmen, die viele andere unrentable Produkte stützten, durch zweimonatliches Erscheinen zu halbieren, hätte nicht zu verantwortende Folgen gehabt. Deshalb entschied man sich, das Mosaik ohne Hegenbarth und mit neuen Figuren, den Abrafaxen, fortzuführen. Es war übrigens dasselbe Team aus Autor und Zeichnern, das bis 1975 Digedags-Geschichten erschaffen hatte und ab 1976 mit den Abenteuern der Abrafaxe weitermachte. Die Hefte wurden stets restlos verkauft, und auch die neuen Marktbedingungen nach der Wende 1989/90 hat das Mosaik relativ gut verkraftet.

War dieser Erfolg absehbar, als Sie im Herbst 1991 das ehemalige DDR-Kultheft übernommen haben? Wie haben Sie Mosaik an einem hart umkämpften Markt »durchgesetzt« und zum mittlerweile auflagenstärksten Comic gemacht, das in Deutschland produziert wird?
Uns ging es erst einmal darum, dieses traditionsreiche Heft vor dem Untergang zu bewahren und weiterzuführen, denn wir fanden das Konzept toll. So etwas gab es in der westdeutschen Zeitschriftenlandschaft nicht und wir haben auf jeden Fall das Potenzial in der Idee »Wissensvermittlung in Comic-Form« gesehen. Dass uns das nun schon über 26 Jahre gelungen ist und dass wir heute im Osten und auch immer stärker im Westen der Republik mit einer Auflage von monatlich 100.000 Heften eine recht gute Marktposition haben, freut uns natürlich. Dafür ist so einige verlegerische Anstrengung notwendig, aber in erster Linie war es wichtig, dass wir dem Konzept des Mosaik treu geblieben sind. Sie werden keine Gimmicks auf das Heft geklebt finden, weil diese die Geschichten, die wir zu erzählen haben, unwichtig werden lassen. Wir setzen nach wie vor auf Inhalte, die für unsere Leser interessant sein sollen und die in liebevoller und detailgenauer Handarbeit von acht Zeichnern Monat für Monat ins Bild gesetzt werden.

Mosaik vermittelt dem eigenen Slogan zufolge "Geschichte in Geschichten" – und das auf sehr spannende Weise und mit großer inhaltlicher wie auch künstlerischer Sorgfalt. Wie legen Sie Ihre Themen fest - z. B. für die aktuelle Serie in der Reformationszeit?
Wir wollen und können da nicht einfach auf irgendwelche Trends setzen, allein schon aus zeitlichen Gründen: Die Recherche-Arbeiten für die aktuelle Serie nahmen beispielsweise fast zwei Jahre in Anspruch. Außerdem geht es uns nicht darum, einfach Wissen abzuspulen, sondern relevante Themen zu finden, die helfen können, die Welt zu verstehen. Und dann, das ist eigentlich die Grundvoraussetzung, müssen wir selbst uns für dieses Thema begeistern können, Feuer und Flamme dafür sein, sonst können wir es gleich wieder ad acta legen. Bei der Themenwahl hat natürlich insbesondere der Autor Vorschlagsrecht, aber eigentlich kann sich da jeder aus dem Team mit einbringen.

Was macht die Reformationszeit für heutige Leserinnen und Leser interessant? Wie fügen Sie das komplexe historische und kulturhistorische Detailwissen zu einem für Jung und Alt attraktiven Comic-Abenteuer?
Zum einen besteht unser Personal aus großen Figuren der Reformationszeit wie Luther, Cranach und Melanchthon, auf die man gegenwärtig auf Schritt und Tritt stößt. Da ist es sicher erfrischend, diese Protagonisten mal als Comic-Figuren mit ihren Stärken und Schwächen agieren zu sehen. Zum anderen gibt es noch viele weitere Figuren, die gerade für Kinder ein großes Identifikationspotenzial bieten: neben den Abrafaxen z. B. die Lehrlinge in Cranachs Werkstatt, die mit ähnlichen Problemen wie junge Leute heute konfrontiert sind und die sich auch einer sehr heutigen Ausdrucksweise bedienen. Geschichte ist eben keine tote Materie, sondern lebt in uns und mit uns allen weiter und sollte deshalb auch für jeden interessant sein.

Vielen Dank!

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Weitere Informationen

www.abrafaxe.com

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Interdisziplinär, Literatur/ Lesen | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Interview |