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Kulturelle Bildung, was ist das überhaupt, Herr Küçük?

02.04.2015
Foto: Günter Blaszczyk

Zwei Mal im Jahr tagt der Arbeitskreis »Kultur bildet.«, bei dem sich Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Ausbildung, Wohlfahrtsverbänden, Erwachsenenbildung, Kinder- und Jugendbildung, Migrantenorganisationen, Religionsgemeinschaften, Verwaltung des Bundes, der Länder sowie den Kommunalen Spitzenverbänden über aktuelle Vorhaben und Entwicklungen in der kulturellen Bildung austauschen. kultur-bildet.de stellt in der Interviewreihe „Kulturelle Bildung, was ist das überhaupt?“ die Mitglieder des Arbeitskreises vor.

HEUTE: KENAN KÜÇÜK, Geschäftsführer des Multikulturellen Forum e.V.

kultur-bildet.de: Kulturelle Bildung, was ist das überhaupt für Sie?

Kenan Küçük: Kulturelle Bildung ist für mich der Schlüssel zur kulturellen Teilhabe, die wiederum die gesellschaftliche Teilhabe insgesamt erst möglich macht. Sie gewährt Menschen den Zugang zum kulturellen Leben einer Gesellschaft und zur Beschäftigung mit sich selbst und ihrem Platz in dieser mittels künstlerischer Auseinandersetzung. Den Kulturbegriff verstehe ich als einen dynamischen; daher ist kulturelle Bildung für mich ein Prozess, der nie vollendet oder abgeschlossen sein kann. Kulturelle Bildung muss  die gesellschaftlichen Entwicklungen stets im Blick haben und diesen Rechnung tragen. In einem Einwanderungsland wie Deutschland muss sie allen die Chance und den Raum bieten, sich und die eigenen Kulturen einzubringen und etwas daraus Neues zu entwickeln.

kultur-bildet.de: Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in den "Genuss" kultureller Bildung? Oder war es vielmehr eine Qual?

Küçük: Ich stamme aus einer Region in Zentralanatolien, die für ihre Volksmusik und -tänze bekannt ist. Mal abgesehen vom Musikunterricht in der Mittelschule, der mehr Pflicht als Leidenschaft war, ist die türkische Volksmusik mein erster Berührungspunkt mit kultureller Bildung. Zwar habe ich meinen Traum, die Saz (eine türkische Kurzhalslaute) zu spielen, bis heute nicht verwirklicht, doch habe ich bereits als Schüler gelernt, zu ihrer Musik zu tanzen. Als Mitglied einer Folkloretanzgruppe unter professioneller Leitung gewann ich damals Wettbewerbe in der Türkei. Später, als politischer Flüchtling in Deutschland habe ich in den achtziger Jahren mit meiner selbstgegründeten Volkstanzgruppe Auftritte bestritten. Außerdem habe ich meine Leidenschaft mit meiner Tätigkeit als Tanzlehrer an andere weitergegeben. Damals hat mir das Tanzen nicht nur Spaß und Geld gebracht, sondern auch die Bekanntschaft mit meiner Frau.

kultur-bildet.de: Wir haben Sie als Vertreter des Multikulturellen Forums in unseren Arbeitskreis Kultur bildet. berufen. Inwiefern haben Sie in Ihrem Arbeitsfeld mit kultureller Bildung zu tun?

Küçük: Mit unserer Arbeit fördern wir Chancengleichheit und gleichberechtigte Teilhabe an Bildung, Ausbildung, Arbeitsmarkt und am gesellschaftlichen Leben für alle – insbesondere für Migrantinnen und Migranten. Hierfür ist die kulturelle Bildung unerlässlich. Das Multikulturelle Forum, zu dessen Gründern ich gehöre, wurde vor 30 Jahren als Türkisch-Deutscher Familien-Kulturverein ins Leben gerufen. Ziel des Vereins war es damals, MigrantInnen zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Kulturen zu pflegen. Der Verein ist in den 30 Jahren gewachsen, hat sich verändert, geöffnet und professionalisiert. Doch auch heute gehört kulturelle Bildung zu unseren Arbeitsschwerpunkten: Wir bieten Kurse zum Erlernen von Musikinstrumenten an, haben einen Chor, veranstalten Theater- und Filmaufführungen, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen und wenden kulturpädagogische Methoden in unseren sozial- und arbeitsmarktpolitischen Projekten an.

kultur-bildet.de: Welche Themen und Fragestellungen zur kulturellen Bildung finden viel zu selten Beachtung? Welche sind Ihrer Meinung nach überflüssig oder gar kontraproduktiv für die Weiterentwicklung des Feldes?

Küçük: Mich stört es, wenn Kunst und Kultur häufig als „Luxusthemen“ behandelt werden, die keine Priorität haben sollten. Dabei sind sie genauso notwendig wie Wasser, Luft und Brot – ohne sie geht es nicht! Das knappt Gut Kulturförderung müsste aus meiner Sicht außerdem gerechter verteilt werden; das Migrantenmilieu profitiert nach wie vor zu wenig davon. MigrantInnen pflegen ihre Herkunftskulturen mit eigenen Mitteln. Dies führt dazu, dass sie zum einen keine Anerkennung dafür bekommen, und zum anderen, dass sie hierbei unter sich bleiben. Deutschland würde stark davon profitieren, wenn es uns gelingen würde, dies zu ändern!

kultur-bildet.de: Und nun ein Blick in die Zukunft. Welche Visionen haben Sie für die kulturelle Bildung?

Küçük: Menschen aus aller Welt bringen verschiedene Kulturen in unser Land. In einem Einwanderungsland gilt es, diese Kulturen in ihrer Vielfalt zu fördern. Denn jedes Kulturgut hat seinen Platz. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Milch ist ein Naturprodukt und überall mehr oder weniger das gleiche. Was aber Menschen aus Milch herstellen, ob und wie sie daraus Joghurt oder Käse machen, dafür gibt es weltweit zahllose unterschiedliche Varianten; sie sind kulturelle Produkte wenn Sie so wollen. Jede Käsesorte ist eine eigene Interpretation von Milch und jede hat ihre Daseinsberechtigung, auch wenn jeder seine ganz eigenen Vorlieben hat. Diese Vielfalt ist ein Beleg für die Fähigkeit des Menschen, sich kreativ zu entfalten und seine Welt zu bereichern. Meine Vision ist, dass wir lernen, die Kulturgüter anderer nicht zu beurteilen, sondern zu akzeptieren, wertzuschätzen und uns auszutauschen. Es geht nicht darum, welche Kultur besser oder schlechter ist. Die Frage ist doch: Was lernen wir voneinander? Kunst hat die Kraft, Veränderungsprozesse anzustoßen und uns zu Neuem zu inspirieren. Dieses Potenzial sollten wir für unsere Gesellschaft nicht ungenutzt lassen!

Mehr über Kenan Küçük erfahren Sie hier.

Enthalten in

Textsorte: Interview |