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"Jugendgerechtigkeit – was ist das?" - Interview mit Tom Braun, Geschäftsführer der BKJ

15.05.2018

Tom Braun ist Geschäftsführer der Bundesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ), dem Dachverband der außerschulischen und schulischen kulturellen Bildung von Kindern und Jugendlichen. Die BKJ setzt sich für jugendgerechte Ausgestaltung von Kultur und Bildung ein. "Kultur bildet."-Redakteurin Ulrike Plüschke fragt nach, was darunter zu verstehen ist. Das nachfolgende Interview ist zuerst erschienen in der aktuellen Ausgabe 3/2017 von Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrates, die als Download hier zu finden ist.

Ulrike Plüschke: Was verstehen Sie unter Jugendgerechtigkeit?
Tom Braun: Der Begriff basiert auf zwei Säulen. Die erste Säule besteht darin, dass Jugend eben nicht mehr ausschließlich als eine Übergangsphase, als eine Vorstufe zum Erwachsensein verstanden wird, sondern dass ganz klar eine Gegenwartsperspektive auf die Lebensphase Jugend eingenommen wird – d. h. eine Lebensphase mit eigenständigen Bedürfnissen, Herausforderungen und Aufgaben. Die zweite Säule bezieht sich auf die Frage: Inwiefern werden die lebensphasenspezifischen Bedürfnisse, Bedarfe und Interessen von Jugendlichen im politischen Handeln und der Steuerung von Verwaltungshandeln auch anerkannt.

Könnten Sie bitte auch kurz etwas zur Genese des Begriffs sagen?
Das Bundesjugendkuratorium hat als Sachverständigengremium bereits 2009 betont: »Nehmt die Jugend noch einmal stärker in den Blick«. Gefordert wurde eine kohärente und ressortübergreifende Orientierung auf die Lebensphase Jugend. Das hat man in der Bundesjugendpolitik in Form einer »Allianz für Jugend« aufgegriffen und dort beginnend in 2011 die Ini­tiative zu einer sogenannten eigenständigen Jugendpolitik umgesetzt, die 2015 bis 2018 unter dem Leitspruch »Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft« verfolgt wurde. Im Rahmen der ersten Phase der eigenständigen Jugendpolitik (2011 bis 2014) wurden entsprechende Leitziele und Grundsätze erarbeitet. Das ist sozusagen die Genese. Wir sind jetzt sehr froh, aber auch mit entsprechenden Forderungen ausgestattet, wenn wir im Koalitionsvertrag lesen, es soll eine Jugendstrategie der Bundesregierung mit all ihren Ressorts auf den Weg gebracht werden. Interessant ist, wie diese Handlungsstrategie querlaufend zu den Ressorts umgesetzt und in diese hineingetragen werden kann.

Welche konkreten Forderungen hat die BKJ in Bezug auf diese Jugendstrategie der Bundesregierung?
Eine Jugendstrategie der Bundesregierung muss sich vor allem an der Frage der Teilhabegerechtigkeit orientieren. Teilhabe von Jugendlichen an sozialen, kulturellen und ökonomischen Ressourcen wie auch die Möglichkeit der gesellschaftlichen Mitbestimmung von Jugendlichen. Die Voraussetzungen für die Teilhabe junger Menschen sind ja allen schon längst bekannt: Es geht natürlich um Fragen einer umfänglichen Bildung  für alle Kinder und Jugendlichen in der Balance von Qualifizierung und Persönlichkeitsbildung. Dies setzt die Zugänglichkeit von Bildungs- und Kultureinrichtungen von der Kita über die Schule bis hin zum Musikverein oder dem Theater voraus. Es sind aber auch ganz grundlegende infrastrukturelle Fragen. Denn Zugänglichkeit setzt auch geografische Erreichbarkeit voraus. Das muss verbunden mit Fragen ökonomischer Ressourcen diskutiert werden. Welche Infrastrukturen sind für Jugendliche, da, wo sie leben, verfügbar? Wie können sie erreicht werden? Wie wird die Mobilität von Jugendlichen gewährleistet? Die Frage ökonomischer Ressourcen beinhaltet auch, dass wir nach wie vor in Deutschland eine skandalöse Situation haben, in der kulturelle Teilhabe und Bildungserfolg von den finanziellen Möglichkeiten der Elternhäuser abhängen. Wie kann dies bei der Planung von Kultur- und Bildungsangeboten berücksichtigt werden? Das allein reicht natürlich nicht. Es geht hierbei auch um Fragen der Sozialpolitik für junge Menschen. Deshalb ist Jugendgerechtigkeit ganz ausdrücklich mit der Kritik und Weiterentwicklung der rechtlichen Grundlagen verbunden. Auch deshalb unterstützen wir den Gedanken des »Jugend-Checks« oder eines Jugend-Mainstreamings.
Wir fordern die Bundesregierung ausdrücklich dazu auf, ihre Jugendstrategie ressortübergreifend auszugestalten – und zwar unter Einbeziehung und Beteiligung der zivilgesellschaftlichen Fachstrukturen. Die Organisationen der kulturellen Kinder- und Jugendbildung sind solche Strukturen. Sie orientieren sich an der Vielfalt von Lebenslagen und -orten von Jugendlichen. Ihre Reichweite, ihre Relevanz und ihre Nachhaltigkeit muss die Bundespolitik stärker als bisher anerkennen, einbeziehen und unterstützen.

Kurze Zwischenfrage, was sind Jugend-Checks oder was ist ein Jugend-Mainstreaming?
Wenn wir früher von einem Gender-Mainstreaming gesprochen haben, kann man heute eigentlich von einer Anforderung an das Handeln der verschiedenen Akteure im Sinne eines Jugend-Mainstreamings sprechen. Auch wenn der Begriff des Mainstreamings nicht überall beliebt ist, so ist doch eine Ähnlichkeit z. B. mit den Fragen der Geschlechtergerechtigkeit gegeben, weil ausgehend von Fragen der Jugendgerechtigkeit wie auch der Geschlechtergerechtigkeit natürlich querlaufende Fragestellungen entstehen. Die Perspektive der Gerechtigkeit lenkt den Blick auf strukturelle Fragen. Inwiefern fördern Strukturen, Steuerungsverfahren und Organisationsformen in Bund, Ländern, Kommunen sowie der Praxis vor Ort die Beteiligung von Jugendlichen? Inwiefern stehen sie einer Berücksichtigung und Einbeziehung der Bedarfe und Bedürfnisse von Jugendlichen womöglich entgegen? Welche Ressourcen werden bereitgestellt? Jugendgerechtigkeit ist deshalb ein Thema, das alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens betrifft. Deshalb gibt es z. B. auch das Kompetenzzentrum »Jugend-Check«. Der »Jugend-Check« ist ein Prüf- und Sensibilisierungsinstrument, das darauf schaut, inwiefern bei Gesetzgebungsverfahren die Positionen von Jugendlichen berücksichtigt sind und welche Auswirkungen das auf das Verwaltungshandeln hat.
Ganz wesentlich ist aber auch vor dem Hintergrund, Jugend als eine gleichberechtigte und auch gleichrangige Lebensphase anzuerkennen. D. h., wir unterstützen den Gedanken, auf den verschiedenen Ebenen der Verwaltungen von Bund, Ländern, Kommunen, bis auf die Ebene von Kultur- und Bildungseinrichtungen die Interessen, Bedarfe, Bedürfnisse von Jugendlichen zu berücksichtigen und auch Instrumente zu entwickeln, wie eine Überprüfung stattfinden kann. Ein ganz großes Anliegen, das wir natürlich auch vertreten, ist, dass Jugend wesentlich durch das Bedürfnis nach Selbstpositionierung und Freiräumen geprägt ist. Vor dem Hintergrund einer ganztägigen Bildung setzen wir uns gemeinsam mit den Partnern in Bildung, Kultur und Kinder- und Jugendhilfe dafür ein, Konzepte zu entwickeln, die genau dieses Bedürfnis nach Freiräumen von Jugendlichen berücksichtigen. Gleichzeitig ereignen sich auch Bildungs- und kulturelle Teilhabegerechtigkeit nicht im Selbstlauf.

Was heißt das konkret? Sollen alle Kultur- und Bildungseinrichtungen prüfen, inwiefern sie Jugendliche als Zielgruppe im Blick haben oder was meinen Sie mit Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit?
Jugendliche sind eben nicht nur das Publikum von morgen. Sie haben jetzt Anspruch auf die Berücksichtigung ihrer spezifischen Perspektiven, Fragen und Interessen. Teilhabegerechtigkeit braucht Planung und Gestaltung. Wir machen uns dafür stark, dass sich Kultureinrichtungen aller Couleur viel stärker für die Interessen von Jugendlichen an Mitbestimmung öffnen. Für den gesamten Kulturbereich liegt eine große Chance darin, sich stärker und engagierter als bisher so weiterzuentwickeln, dass Kunst- und Kultureinrichtungen für Jugendliche Orte sein können, an denen sie Möglichkeiten bekommen, sich selbst zu positionieren. Das bedeutet dann auch, sich in die Gesellschaft einzumischen. Damit kommen die Kunst- und Kultureinrichtungen einer wichtigen Funktion nach, die sie eben auch haben: Orte gesellschaftlicher Aushandlung zu sein. Jugendgerechtigkeit ist eine unverzichtbare Voraussetzung in der strukturellen Organisation von Kultur- und Kunsteinrichtungen, in ihren Angeboten und in ihrer Kommunikationsarbeit, wenn sie tatsächlich Gelegenheiten bieten wollen, um kulturellen und gesellschaftlichen Konsens kontinuierlich gemeinsam zu erarbeiten und zu leben. Wenn ihnen das gelingt, schaffen sie eine wichtige Basis für Demokratie und Zusammenhalt.

Könnten Sie hierfür bitte Beispiele nennen?
Es finden sich viele Beispiele, wie sich Kultureinrichtungen für neue Beteiligungsmöglichkeiten öffnen und Jugendlichen auch eine strukturelle Mitverantwortung geben. Es lohnt sich etwa ein Blick auf das Projekt MADE BY: SELF des soziokulturellen Veranstaltungszentrums Pavillon Hannover. Thematischer Hintergrund des Projektes sind die im klassischen Kulturbereich häufig fehlenden Beteiligungsmöglichkeiten bei Veranstaltungsformaten. Spannende Impulse kommen auch aus den Bibliotheken, die Wege beschreiten, um sich als Orte kultureller Beteiligung auszugestalten. So z. B. Stadtbibliotheken in München oder Köln. Auch weitere Einrichtungen der kulturellen Bildung, wie etwa die Jugendkunstschule Vorpommern-Rügen, gehen über Projekte hinaus an strukturelle Veränderungen ran. Dort wird Organisationsentwicklung für eine offene und innovative Jugendkunstschule nicht nur durch erwachsene Fachkräfte, sondern von und mit Jugendlichen umgesetzt. Innovative Impulse können auch anhand der Praxis des Jugendkunst- und -kulturzentrum Schlesiche 27 in Berlin verfolgt werden, das sich als »Bildungsmanufaktur« oder kooperativer Campus mit Kunst, Stadtentwicklung und Jugend weiterentwickelt. Auch im Bereich der Stadttheater gibt es natürlich Entwicklungen, wenn es darum geht, den Kunstort zum Ort des Lebens werden zu lassen. Etwa im Projekt »Schule des Lebens« des Schauspiels Köln.
Was uns also sehr wichtig ist, ist Kultureinrichtungen bei einer jugendgerechten Organisationsentwicklung zu unterstützen. Das ist ein ganz wesentlicher Ansatz. Dabei müssen wir immer auch die aktuellen Anforderungen berücksichtigen, mit denen sich Jugendliche auseinandersetzen. Dazu gehören ganz klar die Digitalisierung, die Ökonomisierung der Lebenswelten und die Auseinandersetzung mit Diversität. Teil sind aber auch Aspekte wie Radikalisierung. Die muss man genauso berücksichtigen, wenn man über Jugendgerechtigkeit spricht. Das sind für Jugendliche konkrete Lebensrealitäten, die hinter diesen sperrigen Worten stehen. Und das sind eben Herausforderungen und Anforderungen an Kultureinrichtungen jeglicher Art.

Weitere Informationen

www.bkj.de

Kategorie: 
Allgemeine News
Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Interview |