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Interview mit Sandra Reiter und Ann-Kathrin Schmidt, LandKulturPerlen in Hessen

27.02.2018

In unserer Rubrik "News Dialogforum" finden Sie eine Reihe von Beiträgen und Interviews, die das Thema "Kulturelle Bildung im ländlichen Raum" unseres 11. Dialogforums vom 30. November 2017 aufgreifen.

Das Modellprojekt LandKulturPerlen nimmt in Hessen die Kulturelle Bildung im ländlichen Raum in den Blick und ermittelt, was die Akteure benötigen, um erfolgreich zu sein. Sandra Reiter und Ann-Kathrin Schmidt sind bei der Landesvereinigung Kulturelle Bildung Hessen e.V. für die Projektkoordination von LandKulturPerlen verantwortlich und wurden von „Kultur bildet.“-Redakteurin Ulrike Plüschke befragt.

Ulrike Plüschke: Frau Reiter, Frau Schmidt worum geht es beim Modellprojekt LandKulturPerlen (www.landkulturperlen.de) und wie ist dieses entstanden?

Sandra Reiter: Ausgangspunkt des Modellprojekts „LandKulturPerlen“ ist eine Studie der Stiftung Universität Hildesheim zur Lage der Kulturellen Bildung in ländlichen Räumen. Die Autorin Beate Kegler fasst Folgendes für Hessen zusammen: »Wir wissen nicht, was es gibt, was gut ist, wo es gut ist, welche Ansätze es gibt.«. Die Studie macht deutlich, dass kaum systematische Kenntnisse zu Formen der Kulturellen Bildungsarbeit in den ländlichen Räumen Hessen vorliegen – daher benötigen die Akteure Sichtbarmachung, Vernetzung und Förderung. Genau hier setzt die spezifische Konzeption des Modellprojektes im Rahmen der Studie an. Wie auch bundesweit zeichnet sich in Hessen ein Ungleichgewicht der Entwicklung und Gestaltung der unterschiedlichen Lebensräume ab.
In den vergangenen Jahren lag der Fokus auch in der Kulturpolitik auf den Ballungszentren und den dort angesiedelten Leuchtturm-Projekten. Die Notwendigkeit der Aufmerksamkeit, Stärkung und Vernetzung ruraler Regionen wurde in Hessen auch Seitens der Politik erkannt und wird nun Schritt für Schritt aufgebaut. Das rege Interesse des Landes an den Entwicklungen und Potentialen des ruralen Raums erachten wir als sehr positive Ausgangssituation. Übergeordnetes Ziel ist es, dem demographischen Wandel entgegenzuwirken; Kultur und Kulturelle Bildung ist eine der Stellschrauben, an der dafür gedreht werden muss.

Ann-Kathrin Schmidt: Konkret erarbeiten wir im ausgewählten Projekt-Landkreis zunächst eine Bestandsanalyse zu den Akteuren der Kulturellen Bildung, um am Ende des Durchlaufs die Frage beantworten zu können: „Wer ist im Landkreis im Bereich der Kulturellen Bildung aktiv?“ Diese Analyse bildet den Grundstein für unser weiteres Vorgehen: Akteure und Gemeinden werden animiert und beraten, kleinere Kulturelle Bildungsprojekte zu realisieren – in neuen Kooperationsformen, mit Inhalten, die möglichst diverse Teilnehmer*innenkreise ansprechen oder die das Gemeinwesen fördern. Diese sollen Impulse setzen und Kulturelle Bildung im Landkreis erfahrbar machen.

An wen richtet sich das Vernetzungsangebot und welche Rolle spielt bei der Vernetzung die Landkreis-Ebene?

Sandra Reiter: Für ein Netzwerk der Kulturellen Bildung im ländlichen Raum sind nicht nur die Kulturakteure, sondern auch die sonst vielseitig engagierten Bürger*innen gefragt.
Das Vernetzungsangebot richtet sich somit natürlich an Akteure der Kulturellen Bildung und der Kultur, aber eben auch an Regionalentwickler*innen, Bürgerinitiativen, Vereine des Gemeinwesens, Tourismusmanager*innen, Organisationen der Geflüchtetenhilfe und viele mehr. Sie alle gestalten das öffentliche Leben der Breitenkultur, ohne die Kulturelle Bildung im ländlichen Raum nicht funktioniert. Besonders wichtig ist dabei die Landkreisebene als auch die Politik mit einzubeziehen.

Ann-Kathrin Schmidt: Nur wenn Mandatsträger*innen, Bürgermeister*innen und Fachdienstleiter*innen Kenntnisse über Kulturelle Bildung haben, können sie diese weiter fördern. Daher vermitteln und informieren wir auch sie über die Inhalte und Ziele Kultureller Bildung. Das ist eine wichtig Beratungsleistung, die immer gerne angenommen wird, bevor wir sie in das Netzwerk einführen - denn sie möchten wissen, wer ihre Impulsgeber für die Region sind, bzw. sein könnten und wie sie sie stärken können. Wir leisten dabei Hilfestellung, in dem wir mögliche Raumpioniere für sie sichtbar machen und ihre Potentiale hervorheben. Genau das ist, das Ziel des Netzwerks - Distanzen abbauen, Kompetenzen bündeln, Vertrauen schaffen und Projekte in die Tat umsetzten.

Welche Impulse und Ergebnisse können aus der bisherigen Projektlaufzeit (Seit April 2017 und noch bis Ende 2018) fruchtbar gemacht werden?

Ann-Kathrin Schmidt: Das erste Durchführungsjahr 2017 im Landkreis Waldeck-Frankenberg zeigt ganz klar, dass Räume für Begegnungen geschaffen werden müssen. Dies ist nur möglich, wenn Menschen dafür Verantwortung übernehmen und das nötige „Standing“ im Landkreis haben. Das Bewusstsein für Kulturelle Bildung muss geschaffen sein, sodass der ländliche Raum sich als fruchtbarer Boden präsentiert. Die Verstetigung von qualifizierter Beratung und Vernetzungsarbeit in den beteiligten Landkreisen ist dabei das langfristig gewünschte Ergebnis.

Sandra Reiter: Die Offenheit der Akteure des ländlichen Raums sowie Ihre Freude darüber, Gehör für ihre Bedürfnisse geschenkt zu bekommen, nehmen wir als Impulse mit in den neuen Projektlandkreis Fulda in 2018. Unglaublich wichtig in der Außenkommunikation ist, die Stärken des ländlichen Raums hervorzuheben, um auch eine Stärkung im Inneren, im Bezug auf die Selbstwahrnehmung der Akteure, zu erwirken.

Gibt es vergleichbare Modellprojekte auch in anderen Bundesländern?

Ann-Kathrin Schmidt: Die Hildesheimer Studie zur Kulturellen Bildung im ländlichen Raum entwirft neben Hessen auch Projektkonzeptionen für die Bundesländer Sachsen und Brandenburg – somit ist der Modellversuch auf Bundesebene angelegt. Beteiligt sind neben der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Brandenburgs, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und das Sächsische Staatsministerium für Kultur. Für alle drei Länder sind unterschiedliche, auf den jeweiligen Voraussetzungen der Kulturellen Bildung basierende Modellkonzeptionen entwickelt worden, alle drei werden von sowohl von Bundes- als auch Landeseite  finanziert. Daneben gibt es inzwischen vielfältige große und kleine Initiativen, die die Thematik Kultur im ländlichen Raum aufgreifen und fördern, wie das Programm LandKULTUR der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, das TRAFO-Programm der Kulturstiftung des Bundes oder auch der Hessische Demografiepreis 2018 mit Fokus auf dem ländlichen Raum. Allen gemein ist das Bewusstsein für die besondere Aufmerksamkeit, die die Vielfältigkeit Kultureller Bildung in ländlichen Räume benötigt.

Weitere Informationen

http://landkulturperlen.de/
LKB Hessen

 

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Hessen | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Interview |