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Interview mit Samo Darian, Leiter des Programms „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ der Kulturstiftung des Bundes

19.01.2017

In unserer Rubrik „Dialogforum“ finden Sie künftig auch Interviews, die über die Beiträge zu unserer Reihe von Podiumsdiskussionen mit dem Titel „Dialogforum Kultur bildet.“ hinausgehen. Diese Interviews bieten uns die Möglichkeit, die Themen der Veranstaltungsreihe zu erweitern, zu vertiefen oder erneut aufzugreifen. Wir öffnen damit den Formatbegriff des Dialogforums über den naturgemäß begrenzten Rahmen der Podiumsdiskussion hinaus.

Im nachfolgenden Interview spricht Samo Darian, Leiter des Programms „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ der Kulturstiftung des Bundes über Kultur in strukturschwachen Regionen. Das Interview führte Theresa Brüheim, Chefin vom Dienst von Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrats, in deren Ausgabe 1/2017 das Interview erstmals abgedruckt wurde.

Theresa Brüheim: Was genau ist „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“? Was sind Idee und Zielsetzung des Programmes?
Samo Darian: Bei dem Programm TRAFO geht es darum, die Angebote und Inhalte von Kultureinrichtungen in ländlichen Räumen und strukturschwachen Regionen zu stärken: Bestehendes soll neu gedacht und Altes vielleicht auch losgelassen werden. Viele kulturelle Einrichtungen wie Heimatmuseen, Stadtbüchereien, Kulturzentren oder Musikschulen in kleinen Städten und auf dem Land stehen vor großen Herausforderungen. Sie alle stellen sich Fragen nach ihrer Zukunftsfähigkeit: Was können wir uns in Zukunft überhaupt noch leisten? Welches Kulturangebot können wir unseren Bürgern noch bieten? Wie können wir junge Menschen erreichen, aber auch die Älteren? Kommen vielleicht ganz neue Aufgaben auf uns als kulturelle Einrichtung zu? Und wie können Impulse von unseren Inhalten für die Menschen in der Region ausgehen? Die durch TRAFO geförderten Kultureinrichtungen haben sehr unterschiedliche Strategien entwickelt, Antworten auf diese Fragen zu finden, um das kulturelle Angebot in ihrer Region weiterzuentwickeln.

Mit „TRAFO“ wendet sich die Kulturstiftung des Bundes erstmals gezielt an ländliche Regionen und kleinere Gemeinden mit ihrem Kulturangebot, um dort Transformationsprozesse anzustoßen. Weshalb erscheint es gerade zu diesem Zeitpunkt erstrebenswert, Kultur in ländlichen Regionen gezielt zu fördern?
Außerhalb der Metropolen existiert eine große Dichte an interessanten kulturellen Einrichtungen. Diese gilt es zu stärken und sichtbar zu machen, denn genau hier, in den kleineren Städten und Gemeinden, leben die meisten Menschen in Deutschland. Doch in einigen, insbesondere strukturschwachen Regionen, drohen diese über Jahrzehnte gewachsenen kulturellen Strukturen wegzubrechen. Die Frage, die sich daher stellt, ist, was in diesen Orten noch bleibt, wenn neben Arztpraxen und Dorfläden auch noch die Bücherei, das Dorfmuseum oder andere kulturelle Orte der Begegnung ihre Arbeit reduzieren müssen oder sie ganz wegfallen. Wo und mit welchen Mitteln werden dann dort aktuelle Themen und Fragen der Bevölkerung diskutiert? Darauf müssen Antworten gefunden werden. Im Rahmen von TRAFO nehmen beispielsweise zwei Projekte ganze Landkreise in den Blick und etablieren regionale Fonds zur Stärkung kooperativer Projekte oder Patenschaften zum Wissenstransfer zwischen größeren und kleineren Institutionen. Die Projekte in zwei weiteren Regionen konzentrieren sich darauf, einzelne Kultureinrichtungen zu transformieren, sie beispielsweise interkulturell zu öffnen oder die Verantwortung für Inhalte und Strukturen an die regionale Bevölkerung zu übergeben.

Mit welchen Herausforderungen sehen sich Kulturinstitutionen fernab von Großstädten heute konfrontiert? Wie unterscheidet sich ihre Arbeitsweise und auch Zielsetzung von städtischen Einrichtungen und Initiativen?
Die Anforderungen an Kultur und kulturelle Angebote wandeln sich in ländlichen Räumen ähnlich stark wie in der Stadtgesellschaft. Wenn es also glückt, Kultureinrichtungen für heutige Aufgaben »fit« zu machen, dann können sie neue und wichtige Funktionen erfüllen – in Metropolen wie auf dem Land. Die Voraussetzungen sind aber zum Teil unterschiedlich. Beispielsweise spielt das Ehrenamt bei vielen Heimatmuseen, kleinen Bühnen und Kulturzentren in kleineren Städten eine sehr große Rolle. Doch oft tun sich diese Einrichtungen schwer mit dem Generationenwechsel. Immer weniger junge Menschen interessieren sich für ihre Arbeit oder engagieren sich aktiv. Daher ist es ein großes Anliegen, in allen TRAFO-Projekten junge Menschen wieder für diese Einrichtungen zu begeistern, sie zu befragen, was sie mit dem Museum oder Theater verbinden und auch den Alltag der jungen Leute in diesen Orten mit abzubilden. Hinzu kommt, dass es gerade in dünn besiedelten Gebieten wichtig ist, Kooperationen einzugehen und gemeinsam mit Partnern, Kulturangebote für eine ganze Region zu gestalten. Diese beiden Strategien der Öffnung der Einrichtungen hin zu neuen Themen, neuen Mitstreitern und neuen Kooperationen finden sich in allen TRAFO-Projekten. Und wir sind sehr gespannt, welches veränderte Selbstverständnis die Kultureinrichtungen vielleicht für ihre Arbeit entwickeln und welche neuen Aufgaben sie in Zukunft in ihren Regionen übernehmen werden.

Für „TRAFO“ wurden in ganz Deutschland vier Modellregionen – Oderbruch, Südniedersachsen, Saarpfalz und Schwäbische Alb – ausgewählt, die exemplarisch für die vielfältigen Herausforderungen in strukturschwachen Regionen stehen. Nach welchen Kriterien erfolgte die Auswahl? Weshalb wurde gerade diesen vier Regionen Modellcharakter zugeschrieben?
Dem TRAFO-Programm war eine zweijährige Recherche- und Entwicklungsphase vorangestellt. Wir haben in diesen zwei Jahren viele verschiedene Regionen bereist, sind dort mit den Kulturakteuren, der Politik und den Verwaltungen ins Gespräch gekommen, um zu erfahren, vor welchen Herausforderungen die einzelnen Regionen stehen. Zwei Voraussetzungen waren dann ausschlaggebend, damit sich aus diesen Erstgesprächen Ideen für Transformationsprojekte entwickeln konnten: Einerseits engagierte Institutionsleiter, die eine Vision haben, wie ihre Kultureinrichtung in fünf oder zehn Jahren aussehen soll. Daraus sind tolle Ideen entstanden, wie sie ihre Arbeit und Strukturen weiterentwickeln wollen. Andererseits Bürgermeister, Landräte und politische Vertreter, die bereit sind, an den Transformationsprozessen ihrer Einrichtungen aktiv mitzuwirken: finanziell und inhaltlich. Diese Allianz aus Kultur, Politik und Verwaltung ist aus unserer Erfahrung eine Bedingung für erfolgsversprechende Transformationsprozesse der kulturellen Einrichtungen. Und diese Voraussetzungen sind in den vier ausgewählten TRAFO-Regionen gegeben.

Das Projekt ist zunächst auf fünf Jahre angelegt. Noch steht es ganz am Anfang der Förderperiode, aber wie plant die Kulturstiftung des Bundes das Programm und die daraus gezogenen Erkenntnisse nachhaltig zu etablieren?
Die Frage nach einer nachhaltigen Sicherung unserer Arbeit beschäftigt uns auf zwei Ebenen. Einerseits haben wir uns das Ziel gesteckt, dass die geförderten Einrichtungen nach dem Ende der Förderung 2020 mit ihren Inhalten und Angeboten von der Bevölkerung auch weiterhin als attraktiv bewertet und angenommen werden. Dazu gehört auch, dass wir gemeinsam mit unseren Partnern einen regelmäßigen Austausch mit den Verantwortlichen aus Politik und den Verwaltungen vor Ort haben, um ein gemeinsames Verständnis dafür zu entwickeln, welche Rolle die Kultureinrichtungen in ihren Regionen spielen und welchen Beitrag sie zur Gestaltung des demographischen Wandels dort leisten können. Darüber hinaus geht es uns aber auch darum darzustellen, wie solche Transformationsprozesse vor Ort eigentlich funktionieren. In den Modellregionen suchen wir mit TRAFO nach modellhaften Ansätzen, die wir Akteuren und Einrichtungen woanders zur Nachahmung empfehlen können. Gleichzeitig nehmen wir zentrale Fragen aus den Projekten auf: Welche neuen Aufgaben und Funktionen haben Kultureinrichtungen in ländlichen Räumen in Zukunft? Wie können sich Kultureinrichtungen interkulturell öffnen? Oder wie schafft man den Generationenwechsel ehrenamtlich geführter Kultureinrichtungen? Diese und weitere grundlegende Fragen wollen wir in den Regionen, in den Ländern aber auch überregional mit Entscheidern diskutieren und so die Erkenntnisse aus den Regionen nach außen geben.

Weitere Informationen

Programm „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel"

Kostenloser Download der Ausgabe 1/2017 von Politik & Kultur

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Interview |