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Interview mit Bahareh Sharifi, Diversitätsbeauftragte des Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung

21.02.2017

Die Interviews in unserer Rubrik "Dialogforum" ergänzen unsere gleichnamige Reihe von Podiumsdiskussionen und bieten so die Möglichkeit, Themen zu vertiefen oder erneut aufzugreifen. Wir freuen uns, dass Bahareh Sharifi, Diversitätsbeauftragte des Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung, auf unsere Fragen geantwortet hat, die an das 9. Dialogforum zum Thema "Migration + Kulturelle Bildung = Chance? Diversitätsentwicklung im Kulturbereich" anknüpfen. Das Interview führte „Kultur bildet.“-Redakteurin UIrike Plüschke.

Ulrike Plüschke: Frau Sharifi, vielen Leserinnen und Lesern sind sicherlich Gleichstellungsbeauftragte ein Begriff. Was ist die Aufgabe von Diversitätsbeauftragten und worin besteht Ihre Tätigkeit in Bezug auf den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung?

Bahareh Sharifi: Der Aufgabenbereich einer Diversitätsbeauftragten ist darauf ausgerichtet, die strukturellen Hindernisse und Barrieren in Institutionen und Organisationen abzubauen, um die kulturelle und soziale Vielfalt der Gesellschaft auf allen Personalebenen abzubilden. Konkret lautet mein Arbeitsauftrag beim Berliner Projektfonds kulturelle Bildung die Diversität unter den Antragsteller*innen zu erhöhen. Als Förderprogramm, das öffentliche Gelder vergibt, sind wir qua unserer Förderrichtlinien dazu angehalten, insbesondere jene Projekte zu berücksichtigen, “die einen aktiven und wertschätzenden Umgang mit Diversität verfolgen”. Von gesellschaftlichen Ausschlüssen (z.B. aufgrund von Migrationsgeschichte, Asylstatus oder Behinderung) betroffene Menschen sind zwar überproportional häufig als Teilnehmende in kulturellen Bildungsprojekten anzutreffen, aber selten als Antragstellende oder als vermittelnde Künstler*innen oder Pädagog*innen in Projekten vertreten. Die Gründe hierfür sind nicht bei den Personengruppen zu suchen, sondern bei den strukturellen Ausschlüssen, die es ihnen erschweren, sich für Projektgelder zu bewerben. Diese Hürden gilt es proaktiv abzubauen, um eine demokratische Verteilung der Mittel zu erwirken.

Könnten Sie bitte an zwei konkreten Beispielen erläutern, wie sich ein Förderprogramm diversitätsorientiert weiterentwickeln kann?

Zunächst ist es wichtig zu erkennen, welche Barrieren es bei der Antragstellung gibt. Internetportale von Selbstorganisationen und ExpertIinnen aus unterrepräsentierten Communities können einen dabei unterstützen, die Barrieren zu identifizieren und abzubauen. Dabei sollten folgende Fragen berücksichtigt werden:

  • In welchen Sprachen werden die Formulare angeboten? - Eine Übersetzung in häufig gesprochene Fremdsprachen, in einfache Sprache und ein Video in Deutscher Gebärdensprache ermöglichen es, die Informationen Vielen zugänglich zu machen.
  • Über welche Kanäle und Netzwerke werden die Ausschreibungen veröffentlicht? - Z.B. können über Dachverbände von marginalisierten Communities unterrepräsentierte Akteur*innen erreicht werden.
  • Wer entscheidet über die Anträge? - Die gesellschaftliche Diversität sollte auch in Entscheidungsgremien vertreten sein, um die vielfältigen Perspektiven und kulturellen Produktionen bewerten zu können.

Darüber hinaus sollten gezielte Qualifizierungsangebote geschaffen werden, um Hindernisse bei der Antragstellung zu mindern. Für viele Akteur*innen aus marginalisierten Communities ist die Konzipierung eines Antragstextes keine Selbstverständlichkeit. Es können Leitfäden zusammengestellt werden, die potentielle Antragsteller*innen dabei unterstützen, einen Antragstext zu formulieren. Durch Informationsveranstaltungen können Kompetenzen vermittelt werden, wie sich Projektideen in einen Antragstext übersetzen lassen. Die Fortbildungsangebote sollten in Austausch mit den anvisierten Communities zusammengestellt werden, da diese genauer benennen können, welche Bedarfe es gibt.   

Die Zusammenarbeit mit marginalisierten Communities sollte nicht als ehrenamtliche Tätigkeit vorausgesetzt werden, eine entsprechende Entlohnung der Expertise sollte eingeplant werden.

Wie würden Sie Diversität und Diversity Management in wenigen Sätzen definieren?

Mit dem Begriff “Diversität” wird die Akzeptanz und die Anerkennung der Vielfalt von Menschen verstanden, die es auch in Institutionen widerzuspiegeln gilt.  Diversitätsentwicklung ist dabei als diskriminierungskritische Praxis zu verstehen, die einen strukturellen Wandel und stärkere Teilhabe vor allem von Diskriminierung Betroffener auf allen involvierten Handlungs- und Entscheidungsebenen zum Ziel hat.

Bei dem unter anderem in der Wirtschaft verwendeten Ansatz des “Diversity Managements” wird zwar als positiver Effekt herausgestellt, dass durch das Zusammenführen und Zusammenarbeiten von unterschiedlichen Menschen in Arbeitsgruppen vielfältige Denk- und Arbeitsweisen miteinander fusionieren und das Arbeitsergebnis multiple Wissensbestände in sich vereint. Diversität wird aber in diesem Kontext häufig aufgrund ihrer Nutzbarkeit, nicht als Frage von Gerechtigkeit verhandelt. Oftmals rückt dabei die strukturelle Dimension von Diskriminierung in den Hintergrund und wird lediglich als subjektive Einstellung der Mitarbeiter*innen bewertet, die es zu sensibilisieren gilt. Hierarchien und Ungleichverhältnisse, die Ausschlüsse hervorbringen, setzen sich im Arbeitsalltag fort.

Bei der diversitätsorientierte Organisationsentwicklung sollten nicht nur das Personal vielfältiger werden, sondern auch Strukturen machtkritisch verändert werden.

Welche professionellen Qualifikationen und welche sogenannten „soft skills“ brauchen Diversitätsbeauftragte? Dürfen wir Sie auch fragen, welchen beruflichen Werdegang Sie genommen haben?

Fundierte Kenntnisse aktueller diskriminierungskritischer Methoden und intersektionaler Ansätze sollten zu einer Grundausbildung dazugehören. Z.B. eine Aus- oder Weiterbildung als Anti-Diskriminierungstrainerin kann dabei hilfreich sein. Darüber hinaus sollte Arbeitserfahrung in dem Feld vorliegen, in dem die Diversitätsentwicklung durchgeführt wird.

In meinem Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften und Soziologie habe ich mich mit identitätspolitischen Fragen in Bezug auf kulturwissenschaftliche Themenfelder beschäftigt.

Nach dem Magisterabschluss war ich bei verschiedenen Museen, Theatern und Festivals kuratorisch tätig und habe dabei mich mit kultur- und gesellschaftspolitischen Fragen rund um die Themen Migration, Asyl und Diskriminierung, aber auch mit Strategien von Selbstorganisation und -ermächtigung beschäftigt. Die praktische Auseinandersetzung mit hierarchiekritischen Diskursen im Kulturbereich und die Vernetzung mit Akteur*innen aus marginalisierten Communities bilden für mich eine wertvolle Grundlage, Programme und Ansätze für die diversitätsorientierte Entwicklungsarbeit zu konzipieren.

Vielen Dank!

 

Weitere Informationen

Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung 

Kubinaut - Webportal für Kulturelle Bildung in Berlin

 

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Bundesweit, Berlin | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Interview |