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Interreligiöse Aspekte im Jugendroman? - Interview mit der Autorin Eva Lezzi

26.05.2017
Detail des Buchcovers (c) Hentrich & Hentrich
Detail des Buchcovers (c) Hentrich & Hentrich

In diesen Tagen stehen religiöse und interrelgiöse Fragen im Zentrum des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Berlin und Wittenberg, zugleich beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan und morgen ist jüdischer Schabbat - also gleich mehrere Anlässe, um in unserer Rubrik "Dialogforum Kultur bildet." danach zu fragen, wie sich interreligiöse Themen auf zeitgemäße Weise in der Jugendliteratur vermitteln lassen. Der Jugendroman „Die Jagd nach dem Kidduschbecher“ von Eva Lezzi ist ein spannender Krimi und zeigt zugleich jüdische und islamische Alltagswelten im heutigen Berlin. Der Autorin ist es leichtfüßig gelungen, sich in die Perspektive ihrer jugendlichen Protagonistinnen hineinzudenken.

Die in New York geborene und in Zürich aufgewachsene Autorin Eva Lezzi arbeitet am Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk für jüdische Begabtenförderung und ist dort Projektleiterin des Kunstlabors DAGESH. KunstLAB ELES. Sie hat beim Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte Hentrich & Hentrich bereits vier Bücher herausgebracht. Nach drei Kinderbüchern der „Beni“-Reihe ist mit „Die Jagd nach dem Kidduschbecher“ im Jahr 2016 Eva Lezzis Romandebüt erschienen, das viele Aspekte vereint: Jugendroman, Großstadtporträt, spannender Krimi und verwickelte Familiengeschichte spielen sich vor dem Hintergrund der jüdisch-muslimischen Mädchenfreundschaft der beiden 13-Jährigen Rebekka und Samira ab.

Ulrike Plüschke von der „Kultur bildet.“-Redakteurin hat Eva Lezzi zu ihrem Romandebüt befragt:

Ulrike Plüschke: Frau Lezzi, wie ist die Idee für Ihren Roman „Die Jagd nach dem Kidduschbecher“ entstanden? Welche Rolle spielt für Sie der interreligiöse Aspekt?
Eva Lezzi: Die Idee zu einem jüdisch-muslimischen Jugendroman trage ich schon länger mit mir herum. Ich finde es spannend und herausfordernd, aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu schreiben, aus der Sicht von zwei Jugendlichen, die beide (jedenfalls hinsichtlich ihrer Religion und Familiengeschichte) nicht der sogenannten Majoritätskultur angehören. Der unmittelbare Anlass für diesen Roman waren dann im Sommer 2014 die erneut eskalierenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Gaza, die das Miteinander von Juden und arabischsprachigen Muslimen auch in Deutschland enorm verschlechtert haben. Interreligiöse Differenzen erscheinen mir dabei weniger das Problem – zumal nicht zwischen Juden und Moslems, die sich beispielsweise hinsichtlich der Speisevorschriften nahe sind und die beide in Jesus nicht den Sohn Gottes sehen. Problematisch wird es, wenn sich religiöse und politische Differenzen wechselseitig überlagern, wenn das eine dem anderen zum Vorwand und zur Rechtfertigung für aggressive Abgrenzung und kriegerische Handlungen dient.

In meinem Jugendroman geht es dennoch nicht um den „politischen Islam“ oder „radikalen Islamismus“, die zur Zeit die medialen Debatten dominieren. Es geht mir um Judentum und Islam als selbstverständlich gelebte, in den Alltag integrierte Religion und kulturelle Praxis. Und es geht mir um antisemitische und islamophobe Vorurteile, die Juden und Moslems im „deutschen Diskurs“ treffen können, an denen sie jedoch selber auch partizipieren. Eine komplexe Gemengelage, die ich zeigen und vielleicht auch ein klein wenig entwirren wollte.

Was ist die besondere Herausforderung, einen Jugendroman zu schreiben? Haben Sie sich Hilfe von Jugendlichen geholt, um zum Beispiel auch den richtigen Ton zu treffen?
Ich hatte für diesen Roman viele (jüdische, muslimische, säkulare, christliche) Gesprächspartnerinnen und -partner verschiedener Generationen, nicht zuletzt meine eigenen Kinder und deren Freunde, allesamt Jugendliche und junge Erwachsene, oder Testleserinnen einer Kreuzberger Schule. Tatsächlich sind es mindestens drei Kulturen, die das Buch prägen. Zur „Leitkultur“ von (in Berlin lebenden) Jugendlichen gehören nicht nur bestimmte sprachliche Ausdrucksweisen, sondern beispielsweise auch spezifische Kommunikationsformen in den sozialen Medien. Gerade für letzteres brauchte ich jugendliche Ratgeber, die mir großzügig geholfen haben. Jugendkultur ist dynamisch. Die Nutzung von WhatsApp durch Jugendliche wird bald schon wieder veraltet sein, Facebook ist es längst. Die Frage, die sich mir als Autorin stellt, ist daher folgende: Wie kann ich die jeweilige Gegenwärtigkeit von Kommunikationsmitteln, von Musik, Filmen und sprachlichen Ausdrucksweisen ernst nehmen, mich von ihnen inspirieren lassen, und dennoch möglichst so schreiben, dass das Buch in zwei Jahren nicht veraltet wirkt?

Im Buch gibt es verschiedene Passagen, die vor allem für Macherinnen und Macher kultureller Bildungsangebote spannend sind. So rappt zum Beispiel Djamila, eine Freundin von Samira, in der Hofpause recht ironisch über „Fränky den Sozialarbeiter“, der mit Mandala malen und Fußball Jugendliche vom „verkloppen“ kleiner Kids abhalten will. An einer anderen Stelle wird über die „Beauftragte für Integration“ oder die Bemühungen der Schule gelästert, bei Projekten wie „Jugend übt Toleranz“ das Image aufzubessern. Was wollen Sie mit Passagen wie diesen transportieren?
Zum einen habe ich mich gefragt, wie es Kindern und Jugendlichen aus sogenannten Problembezirken geht, deren Schulen häufig negative Schlagzeilen machen. Wie grenzen sie sich ab von „Zeitungsfritzen und Fernseh-Heinis“, die mit ihren eigenen Vorurteilen auf solche Schulen blicken? Zum anderen ist es das Recht von Jugendlichen in ihrer eigenen Welt zu leben, in der Erwachsene generell und „Erziehungsbeauftragte“ im Besonderen mitsamt all ihren wohlmeinenden Angeboten wenig sexy sind. Es gehört zum Genre des zeitgenössischen Jugendbuchs, verschiedene Formen der Abgrenzung von der Erwachsenenwelt auch als Formen der Emanzipation der Jugendlichen zu verstehen. Dass es dabei an Institutionen wie Schule zu intergenerationellen Konflikten führt, scheint mir unumgänglich, dass darüber gelästert und gelacht werden darf, ebenso.

Wichtig war mir jedoch, dass die zentralen Konflikte des Romans unter den Jugendlichen selbst spielen. Sie müssen mit eigenen Vorurteilen, mit Missverständnissen, auch mit Gewalt, klarkommen, und dürfen eigene Formen der Solidarität finden.   

Wie ist das Feedback sowohl jugendlicher als auch erwachsener Leserinnen und Leser auf Ihren Roman?
Das Medienecho war positiv und hat insbesondere das interkulturelle Potential des Romans gewürdigt – so beispielsweise in der taz vom 6. Dezember 2016 oder im Tagesspiegel vom 5. Januar 2017. Bei Lesungen und Diskussionen in Schulen hat mich bisher am meisten überrascht, wie dankbar muslimische Kinder sind, in der Literatur endlich einen positiv konnotierten Resonanzraum für ihre eigenen kulturellen und religiösen Erfahrungen zu finden. Es gibt jedes Mal lebhafte und durchaus sehr persönliche Gespräche beispielsweise über den Umgang mit Ramadan bei ihnen zu Hause, im Freundeskreis, an der Schule. Die Möglichkeit einer guten Freundschaft zwischen einem jüdischen und einem muslimischen Mädchen ist noch nie in Frage gestellt worden, im Gegenteil. Mir ist bewusst, dass nicht alles mir gegenüber laut geäußert wird, und zum Teil bin ich irritiert über Vorurteile und Unwissen, über Fragen wie: „Sie sind Jüdin und leben nicht in Israel?“. Insgesamt jedoch freu ich mich, bei den in etwa 12-jährigen Schülerinnen und Schülern ein Publikum vorzufinden, welches ungemein gesprächssoffen und kulturell sensibel ist.

Zur Zeit werden am Pädagogischen Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt Unterrichtsmaterialien zu dem Buch entwickelt. Ein neuer, wiederum spannender Schritt. Was passiert, wenn das Buch zu einem „offiziellen“ Unterrichtsstoff, einer „Pflichtlektüre“ wird?

Sie sind hauptberuflich Referentin am Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk für jüdische Begabtenförderung und leiten dort das Kunstlabor DAGESH. KunstLAB ELES. Könnten Sie uns bitte abschließend noch kurz von dieser Tätigkeit berichten: Wie beeinflussen sich Ihre Arbeit für das ELES und Ihre schriftstellerische Tätigkeit? Gibt es thematische Verbindungen oder Inspirationen?

Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) ist eines von 13 Begabtenförderwerken, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt werden. Das ELES, bei dem wir überwiegend jüdische StudentInnen, Promovierende und KünstlerInnen finanziell und ideell fördern, ist für mich in der Tat ein ungemein anregendes Arbeitsumfeld. Ein Großteil unserer StipendiatInnen bzw. ihrer Familien stammt als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus Ländern der ehemaligen UdSSR. Ohne die Gespräche und Begegnungen mit ihnen, wäre eine Romanfigur wie Vitalij – ein wichtiger Freund von Rebekka – so nie entstanden. ELES konfrontiert mich immer wieder aufs Neue mit dem faszinierenden religiösen und kulturellen Pluralismus heutigen Judentums, der natürlich weit inspirierender ist als eine wie auch immer geartete homogene Bevölkerungsgruppe. Die einzige Schwierigkeit, die ich für mich sehe, ist die Zeit: Nicht immer lassen sich Beruf, Familie und die Sehnsucht nach kreativen Freiräumen zum Schreiben vereinbaren. Dass ich beim ELES das Kunstlab DAGESH ins Leben rufen durfte, ist wiederum einem Zusammenklang von persönlichen und institutionellen Interessen geschuldet: DAGESH möchte jüdische Künstlerinnen und Künstler fördern und vernetzen sowie jüdische Kunst (was immer dies sei) in Deutschland sichtbarer machen. Dabei geht es stets auch um die Öffnung von diskursiven und performativen Räumen, in denen die komplexen Implikationen von „jüdischer“ Kunst zumal in Deutschland reflektiert werden können.

Vielen Dank!

Weitere Informationen

Eva Lezzi

Roman „Die Jagd nach dem Kidduschbecher“

Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES)

Kunstlabor DAGESH. KunstLAB ELES 

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Sparte: Interdisziplinär, Literatur/ Lesen | Thema: Altersübergreifend, Außerschulische Kinder- und Jugendbildung | Textsorte: Interview |