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Für mehr Qualität in der kulturellen Bildung - Interview mit Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss

02.05.2017

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss leitet die Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel und ist Professorin für kulturelle Bildung an der Universität Hildesheim. Im nachfolgenden Interview, das zuerst in der Ausgabe 3/2017 von Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrates, erschienen ist, spricht sie über die Fort- und Weiterbildung in der kulturellen Bildung und den Transfer von Praxis und Wissenschaft. Die Fragen stellte Ulrike Plüschke, Referentin für Kultur und Bildung beim Deutschen Kulturrat.

Ulrike Plüschke: Frau Reinwand-Weiss, die von Ihnen geleitete Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel gehört neben der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW in Remscheid und der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung in Trossingen zu den drei wichtigsten Anbietern für Fort- und Weiterbildung in diesem Bereich. Was ist das Besondere an Wolfenbüttel? Worin besteht die Akzentsetzung – inhaltlich-programmatisch und strukturell?
Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss: Die Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel bietet Veranstaltungen in sechs Programmbereichen an: Bildende Kunst, Darstellende Künste, Literatur, Musik, Museum und Kulturwissenschaften, Kulturpolitik und Kulturmanagement. Die Bundesakademie Trossingen ist ausschließlich im Bereich der Musik tätig. Die Akademie Remscheid arbeitet auch in mehreren Sparten, besitzt allerdings durch die Förderung über das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) eher einen Schwerpunkt in der Weiterbildung für die kulturelle Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Wir widmen uns der Fort- und Weiterbildung für Multiplikatoren, also Kulturvermittlern, Kulturschaffenden, Kulturproduzenten, die häufiger mit Erwachsenen arbeiten. Wir machen mit unseren Teilnehmenden künstlerische Bildung für kulturelle Bildung. D. h., in verschiedenen Sparten arbeiten wir sehr praxisbezogen, auch viel mit Künstlern, um künstlerische und ästhetische Vermittlungsarbeit auf hohem Niveau zu qualifizieren und neue Methoden und Vermittlungsstrategien von den Künsten aus zu entwickeln. Dabei achten wir auf eine gewinnbringende Gruppenzusammensetzung der Teilnehmenden und eine professionelle Atmosphäre. Wer einmal bei uns ein Seminar besucht hat, kommt meist wieder.

Zur Struktur: Wir werden zwar institutionell vom Land Niedersachsen gefördert, haben aber einen bundesweiten Auftrag, den wir sowohl thematisch wie auch regional erfüllen. Das schlägt sich in besonderer Weise in Projekten nieder, die wir mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und mit der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) durchführen. Wir haben immer wieder Projekte mit dem Bund, aber sie sind zeitlich befristet und stellen besondere Entwicklungsvorhaben oder Schwerpunkte unserer Arbeit dar. Aktuell arbeiten wir an einem Projekt mit BMBF-Förderung, bei dem wir fünf Qualifizierungsreihen entwickeln. Eine Qualifizierungsreihe zu einem neuen Thema bedarfsgerecht zu gestalten, ist zeit- und kostenintensiv. Außerdem ist es mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, weil man nicht weiß, ob es wirklich das Publikum dafür gibt. Eine unserer Qualifizierungsreihen heißt »Engaging Museum«. Dabei sollen Museen grundsätzlich noch stärker für Vermittlungsprozesse und Diversity-Fragen geöffnet und der Vermittlungsprozess vom Kern des Museums her gedacht werden. Der Museumspädagoge ist kein nettes Anhängsel, sondern sie oder er bildet den Kern der Arbeit des Museums. Solche Qualifizierungsreihen sind Entwicklungsvorhaben, die meistens nach drei Jahren abgeschlossen sind. Dann ist die Frage, geht so eine Qualifizierung oder einzelne Veranstaltungen daraus in unser ständiges Programm über oder nicht?

Wie viele Veranstaltungen bieten Sie jährlich an?
Wir bieten ca. 180 Veranstaltungen pro Jahr an. Das sind meistens zwei- bis dreitägige Kurse, Seminare und Tagungen. Gleichzeitig öffnen wir unser Haus für »Gastbelegungen«, d. h. kulturelle Einrichtungen können unsere Räume mieten, wenn wir Kapazitäten haben. Dazu kommen die zusätzlichen Projekte mit ihren Veranstaltungen. Wir sind gut ausgelastet und könnten noch viel mehr Räume bespielen, wenn wir noch mehr Personal und Ressourcen hätten. Dabei achten wir darauf, die Kosten für unsere Teilnehmenden so gering wie möglich zu halten.

Wie viele Mitarbeiter gibt es im Team und wie ist die Finanzierung aufgestellt?
Im Moment sind wir 30 Mitarbeiter. Das wissenschaftlich-fachliche Team besteht aus den sechs Programmleitenden, den Projektmitarbeitern und mir. Wir haben eine klassische Mischkalkulation aus der institutionellen Förderung des Landes Niedersachsen, die im Moment ca. 50 Prozent ausmacht. Dann haben wir Eigeneinnahmen von ca. 30 Prozent und nochmal grob 20 Prozent Projektförderung durch den Bund oder Stiftungen.

Sie haben ein breitgefächertes Netzwerk von Kooperationspartnern und Förderern. Das ist sicherlich auch für die Teilnehmenden attraktiv, oder?
Auf jeden Fall. Wir kooperieren in jeder Veranstaltung mit einer Partnerorganisation oder einem Förderer und haben dadurch viele Kontakte. Wir verstehen uns als Ort, an dem Kulturschaffende und Kulturvermittler ein professionelles Netzwerk finden. Dass das gut klappt, bestätigen uns unsere Teilnehmenden. Dazu tragen auch unsere 300 externen Dozenten bei. Unsere Programmleiter sind eher Scouts. Wenn sie ihr Jahresprogramm aufstellen, schauen sie, welche aktuellen Bedarfe es gibt und versuchen Trends zu antizipieren, den richtigen Ansatz für ein Seminar zu finden. Sie leiten nur selten die Kurse selber, sondern engagieren professionelle Dozenten, die direkt aus der Praxis heraus lebendig vermitteln können. Das ist sicherlich ein Erfolgsgeheimnis der Bundesakademie.

An der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig ist im Sommersemester 2017 ein neuer Weiterbildungs-Masterstudiengang Museumspädagogik, Bildung und Vermittlung im Museum gestartet, den Sie als Kooperationspartner mit auf den Weg gebracht haben. Schaffen Sie sich, nachdem Sie bislang das Monopol auf museumspädagogische Weiterbildung hatten, möglicherweise eine Konkurrenz?
Wir sehen das anders. Wir können nicht die Arbeit leisten, die Universitäten leisten, denn wir machen keine Ausbildung im klassischen Sinn und bieten auch keine Studiengänge an. Aber wir suchen den intensiven Austausch mit Universitäten. In diesem Fall suchte die Hochschule den Kontakt zu uns, weil sie bei der Konzipierung eines Weiterbildungsmasters unsere Expertise anfragte. Gemeinsam mit der HTWK haben wir ein Modell aufgesetzt, in dem die Studierenden, die vielfach schon im Berufsleben stehen, bei uns ein Modul durchführen, aber einen kompletten Studiengang in Leipzig haben. Für uns ist das ein tolles Modell, weil wir uns zunehmend an die Gruppe der Studierenden richten möchten. Eine enge Verzahnung von universitärer Hochschulbildung, praktischer Netzwerkarbeit sowie professionellem praktischen Austausch kann sehr, sehr wertvoll sein, gerade für die Studierenden im Bereich der Kulturwissenschaften. Eines meiner großen Ziele ist, dass wir verstärkt mit Universitäten zusammenarbeiten. Wenn die Studierenden uns schon im Studium kennenlernen, können wir ein Ort für sie sein, an dem sie ihr ganzes Berufsleben lang Kontakte und aktuelles, praxisnahes Wissen abholen können. Um das zu erreichen, haben wir mit verschiedenen Hochschulen Kooperationen. Wir stellen außerdem fest, dass es für Teilnehmende, die schon in der Praxis stehen, eine Befruchtung ist, sich mit jungen Studierenden auszutauschen. Dann findet ein Wissensaustausch zwischen Theorie und Praxis statt, der sonst nicht bedient wird. Daher sehen wir Universitäten überhaupt nicht als Konkurrenz.

Sie leiten die Bundesakademie in Wolfenbüttel seit 2012 und sind zugleich an der Universität Hildesheim Professorin für kulturelle Bildung am Institut für Kulturpolitik. Diese Verbindung legt die Frage nahe, ob die Bundesakademie künftig auch Forschung betreiben wird?
Ich dachte tatsächlich am Anfang, dass das gelingen kann. Mittlerweile bin ich der Ansicht, dass es unterschiedliche Institutionen für unterschiedliche Aufgaben in der Gesellschaft gibt. Wir haben Universitäten und eine wachsende Anzahl an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Da ist Forschung sehr gut angesiedelt. Die Bundesakademie hat eine andere Aufgabe. Aber wir stellen uns gern als Partner für Forschung zur Verfügung. Die aktuelle Forschung, nicht nur in der kulturellen Bildung, aber vor allem in der Bildung insgesamt, krankt aus meiner Sicht unter anderem daran, dass sie nicht den Sprung aus dem Elfenbeinturm schafft. Es gibt viele interessante Forschungsprojekte, die alle einen Mosaikstein zu einem größeren Ganzen hinzufügen. Aber den gelungenen Transfer in die Praxis sieht man nur selten. Hierfür ist die Bundesakademie eine geniale Einrichtung, weil alle Programmleitenden einen wissenschaftlichen Hintergrund und die Kompetenz haben, zwischen Wissenschaft und Praxis zu übersetzen. Wir haben damit die Möglichkeit, mit unseren Teilnehmern Sachen auszuprobieren und festzustellen, so wie sich das die Forschung denkt, funktioniert das tatsächlich oder eben nicht.

Welche Rolle haben Institutionen wie die Bundesakademien bei der Lobbyarbeit für kulturelle Bildung?
Ich glaube, alle Akteure, die sich im Feld der kulturellen Bildung engagieren, machen Lobbyarbeit für kulturelle Bildung. Da gibt es kein »Zuschauen vom Spielfeldrand«. In Zukunft wird es noch wichtiger sein, zusammenzuarbeiten und zu überlegen, wer welche Funktion besitzt und wie man die gewinnbringend ausfüllen kann, um den gesellschaftlichen Stellenwert der kulturellen Bildung weiter zu erhöhen oder zumindest das Level zu halten. Insofern sehe ich uns für Lobbyarbeit mit verantwortlich, aber auf der Ebene des fachlichen Diskurses, für den wir z. B. bei Tagungen einen öffentlichen Raum schaffen. Lobbyarbeit für kulturelle Bildung ist immer wichtig, aber eben auch mit einer kritischen Perspektive und der Frage: Was kann kulturelle Bildung überhaupt erreichen? Sie ist kein Allheilmittel für alle gesellschaftlichen und sozialen Probleme unserer Zeit, darf aber auch nicht unkritisch gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüberstehen. Sie hat großes Potenzial in der Selbstbildung der Subjekte, bildungstheoretisch gesprochen. Es gab in den letzten Jahren sehr viele Projekte und Maßnahmen kultureller Bildung, die dazu beigetragen haben, kulturelle Bildung sichtbarer zu machen. Aber letztlich krankt das System daran, dass bei der Grundsicherung ästhetischer Bildung – angefangen bei Kindergärten und Schulen – zu wenig passiert. Das würde ich mir auch im Hinblick auf die Bundesakademie wünschen, dass deutlich wird: Basisstrukturen der Fort- und Weiterbildung in der kulturellen Bildung sind sinnvoll, notwendig für die Qualifizierung und Entwicklung des Feldes und es ist wichtig, sie für mehr Qualität in der kulturellen Bildung zu unterstützen.

Weitere Informationen

Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel

Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim

Zeitung Politik & Kultur, Ausgabe 3/2017

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Region: Niedersachsen | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend, Aus- und Weiterbildung | Textsorte: Interview |