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Endlich wieder lange Romane lesen: Wolfgang Thierse im Gespräch über Kulturpolitik

21.10.2013
Wolfgang Thierse verlässt nach dem Ende der 17. Legislaturperiode den Deutschen Bundestag. Foto: Achim Melde/Bundestag

Mit dem Ende der 17. Legislaturperiode des Bundestages schieden 40 Mitglieder der SPD-Fraktion aus dem Bundestag aus. Unter Ihnen auch der ehemalige Bundestagspräsident und Vizepräsident Wolfgang Thierse, der am 22. Oktober seinen 70. Geburtstag begehen kann. Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner parlamentarischen Arbeit lag in der Kulturpolitik. Andreas Kolb unterhielt sich mit dem SPD-Spitzenpolitiker für www.kultur-bildet.de über Kultur, Politik und sein jüngstes Hörbuch „Wolfgang Thierse liest seine Lieblingsgedichte und hört Musik“. Der Reinerlös von Thierses neunter CD kommt dem Projekt „LeseLust“ der Bürgerstiftung Berlin zugute.

Andreas Kolb: Herr Thierse, was kann man beim Hören der CD über Sie erfahren?

Wolfgang Thierse: Die Neunte ist gewissermaßen ein Abschiedsgeschenk für meine Freunde und Mitarbeiter. Der Erlös geht an die Bürgerstiftung Berlin, die „Lesepaten“. Ich hätte gerne so viel mehr Gedichte ausgesucht. Aber ich musste mich beschränken, damit auch genügend Platz für Musik ist. Denn Musik kann man nicht in ganz kleinen Häppchen darbieten. Dadurch erfährt man über mich, dass ich nicht nur Literatur, sondern auch klassische Musik liebe, von der Gregorianik bis ins zwanzigste Jahrhundert. Und dass ich Jazz liebe: Hier habe ich ebenfalls einen „Klassiker“ ausgewählt. Die beste Jazz-Platte die ich kenne ist „Kind of Blue“ von Miles Davis. Das ist die Spitze des Jazz überhaupt.

Sie sind seit Ihren Studienzeiten Berliner. Was ist ihr Lieblingskonzertsaal? Die Philharmonie, die gerade 50. Geburtstag hatte, oder das Konzerthaus am Gendarmenmarkt?

Thierse: Ich kann mich nicht so langfristig festlegen, da ich ein unregelmäßiges Leben habe. Bei DSO (Deutsches Symphonie-Orchester) und RSB (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin) kann man anrufen, da bekommt man noch eine Karte. Bei der Philharmonie nicht.

Sie und Ihre Partei haben einen Wahlkampf hinter sich. Warum ist im Wahlkampf die Kultur so marginal? Ist es doch nur das Sahnehäubchen?

Thierse: Sahnehäubchen ist Unsinn. Da vertrete ich ganz orthodox die Meinung Ausgaben für Kultur sind keine Subventionen im klassischen Sinne, auch wenn sie haushalterisch darunter rubriziert sind. Sie sind Investitionen in unsere Zukunft. In den zentralen Veranstaltungen, vor allem in der medialen Berichterstattung, findet Kulturpolitik tatsächlich nicht statt. Aber es hat natürlich kulturpolitische Veranstaltungen gegeben. Ich habe selbst welche gemacht im Wahlkampf 2013, dafür bin ich auch als Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie verantwortlich. Es gab - wie in den Jahren zuvor - eine größere Veranstaltung in Berlin, dieses Mal am Prenzlauer Berg in der Kulturbrauerei. Es ist Oliver Scheytt aufgetreten und eine ganze Reihe von Schriftstellern und Künstlern. Insofern hat Kulturpolitik schon eine Rolle gespielt. Es ist einer der großen Verdienste der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder, dass sie einen Kulturstaatsminister installiert hat und damit der Kulturpolitik einen gesamtstaatlichen Rang zugewiesen hat. Der Bund macht Kulturpolitik in sehr richtigen Feldern: In der Förderung der Künste, der Gedenkkultur, auch in Sachen kultureller Bildung und Medienpolitik, die ist vernünftigerweise auch ein Teil von Kulturpolitik. Da hat die schwarz-gelbe Regierung fast nichts zustande gebracht.

Wie soll sich das Amt des Kulturstaatsministers weiterentwickeln?

Thierse: Wir sind zwar ein föderaleres Land als andere Länder. Aber der Bund bleibt gerade auch für die Hauptstadt in der Verantwortung. Das ist nichts besonders Deutsches. Ich wünsche mir, dass der Bund stärker konzeptionelle Verantwortung für kulturelle Bildung wahrnimmt. Wenn wir da nicht mehr tun, wird unser kulturelles Leben ärmer werden, weil die Zuschauer, die Leser, die Nutzer abnehmen. Kultur wahrzunehmen, Kunst genießen zu können, Kunst haben zu wollen, das kann man erlernen und das muss man erlernen. Da ist bisher viel zu wenig geschehen: Wenn nun bei den Bündnissen für Kulturelle Bildung das Bildungsministerium dafür Geld zur Verfügung stellt und es dann verwaltet wird von einem Institut der Luft- und Raumfahrt, dann ist das geradezu absurd. Das verrät eine Hilflosigkeit, eine Konzeptionslosigkeit, die alarmierend ist. Also da wünsche ich mir schon deutliche Veränderungen. Der Bund ist und bleibt in der Verantwortung für all das, was man Erinnerungskultur oder Gedenkkultur nennt: an die Nazizeit, an das DDR-Unrecht aber natürlich auch weit darüber hinaus an das große geschichtliche Erbe. Dann müssen wir die sozialen Bedingungen für freie künstlerische Existenz, für Kreativität sichern. Sie wissen, wie wenige Künstler wirklich von ihrer Arbeit wirklich leben können. Das ist dramatisch, man kann nicht alle subventionieren, aber die Sicherung der Zukunft der Künstlersozialkasse ist eine der Herausforderungen. Wir müssen auch die sozialen und ökonomischen Bedingungen für die Kreativwirtschaft besser gestalten als bisher. Also sie sehen, es gibt eine Menge Herausforderungen für Bundeskulturpolitik.

Ihr Vater war Jurist. Sie selbst haben dagegen Kultur zu Ihrem Thema gemacht. Wie kam das?

Thierse: Zunächst einmal hat das mit den Interessen zu tun, die sich in der Kindheit und Jugend herausbilden. Irgendwann muss man ja mal erzählen, wie stark die kindlichen Prägungen in einer DDR-Kleinstadt wie dem thüringischen Eisfeld waren. Das erstaunt mich noch im Rückblick. Es gab in dieser Kleinstadt sogar klassische Konzerte. Wir sind in Sinfoniekonzerte gegangen. Ich bin nach Meiningen ins Theater gefahren. Ich habe natürlich gelesen. Das ist sozusagen das positive Motiv für mein Interesse an Kultur. Das negative ist, ich wollte in der DDR nicht Jura studieren, obwohl ich Rechtsanwalt für einen wunderbaren Beruf halte. Ich habe immer hoch respektiert was mein Vater getan hat. Aber ich wollte in der DDR das Risiko nicht eingehen plötzlich Richter, Staatsanwalt oder ein anderer staatsoffizieller Diener zu sein. Ich habe dann in Berlin an der Humboldtuniversität Kulturwissenschaft und Germanistik studiert. An der Universität habe ich mich mit Ästhetik befasst. Und an der Akademie der Wissenschaften mit Geschichte der Ästhetik. So kam es dann auch zu Studien zum Werkbegriff und solchen Dingen. Also ich habe mich immer nicht nur für Literatur interessiert, sondern ein sehr breites Interesse an den Künsten gehabt und auch nach einem theoretischen Zugang zu den Fragen, die die Künste tragen, gesucht.

Sie haben sich stark für Verständigung zwischen den westlichen und östlichen Bundesländern eingesetzt. Wenn Sie da so zurückdenken, was ist gelungen, was ist missglückt? Welche Rolle spielte und spielt die Kultur dabei?

Thierse: Es war ganz schnell zu begreifen - dazu habe ich schon 1991 meine erste größere Rede gehalten - dass die deutsche Vereinigung nicht nur ein juristischer, ökonomischer, sozialer und politischer Prozess ist, sondern auch ein kultureller. Das heißt ein Prozess der Verständigung über unterschiedliche Erinnerungen an Geschichte, unterschiedliche kollektive und individuelle Gedächtnisse. Das ist eine große Herausforderung, die bis heute nicht beendet ist. Manche Misshelligkeiten, die zwischen Ost und West noch da sind, wenn auch schwächer als vor 20 Jahren, haben ganz viel damit zu tun, wie mit Biographien und Geschichte umgegangen wird. Das gilt übrigens auch für die beiden Teile Europas. Was gehört zum Geschichtsbild des zwanzigsten Jahrhunderts? Ist alleine Ausschwitz das Schlüsselwort oder ist auch der Gulag ein Schlüsselwort. Da haben Sie es schon in zwei Schlagworten – dabei geht es nicht darum, dass man Geschichtsbilder verordnet oder vereinheitlicht, aber das unterschiedliche Erinnerungen legitim sind und im öffentlichen Diskurs und in dem was man Gedenkkultur nennt, vorkommen müssen. Ich habe immer wie ein Wanderprediger die Westdeutschen aufgefordert: Differenziert zwischen dem Urteil über das untergegangene System namens DDR – das muss hart und klar sein – und dem Urteil über die Menschen die darin gelebt haben, das muss behutsam und differenziert sein. Das System ist gescheitert. Aber doch nicht alle Menschen mit ihren Biographien sind gescheitert. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied, der zunächst keine sonderliche Chance hatte. Die Faszination durch Skandalgeschichten unter der Überschrift Stasi-IM hat doch erst mal alles dominiert.

Sie haben in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung kürzlich gesagt, dass es heute nicht mehr angeht, jemanden, der ein höheres Amt übernimmt, sofort auf Stasi-Tätigkeit zu überprüfen.

Thierse: Ich meinte die verdachtsunabhängige Nachfrage bei der Stasiunterlagenbehörde. Wenn es einen Verdacht gibt, ist es im Interesse des Betroffenen, wie der Behörde oder der Institution, zu prüfen. Aber dass man nur, weil jemand in der DDR gelebt hat, schon nachschaut, wenn es um eine höhere Beförderung geht - das ist 24 Jahre nach der friedlichen Revolution nicht mehr zu rechtfertigen. Das haben Schwarz-Gelb durchgesetzt und ich bedauere das. Das ist keine Aufforderung die Akten zu schließen, sondern nach einem anderen Umgang mit ihnen. Die DDR Geschichte muss weiter aufgearbeitet werden.

In Gespräche mit Künstlern aus der ehemaligen DDR konnte man nach der Wende oft Sätze hören wie: „Als die Mauer weg war, hatten wir nichts mehr wogegen wir anschreiben konnten.“ Nicht jede Künstlerkarriere glückte im kapitalistischen Kulturbetrieb. Auf der anderen Seite, Sie als Vizepräsident des Bundestags, Frau Merkel als Kanzlerin und Herr Gauck als Präsident, sind das beste Beispiel dafür, wie erfolgreich Ost-West-Biographien verlaufen können.

Thierse: Erste Bemerkung: Ich war immer ein bisschen stolz darauf, dass ich der erste Ostdeutsche in einem der hohen Verfassungsämter war, als ich 1998 zum Bundestagspräsidenten gewählt wurde. Ein Ostdeutscher wurde formell der zweite Mann im Staate, das war schon ein symbolischer Akt.. Im Unterschied zu Wirtschaft und Justiz, auch zu Administration und Medien, war die Politik der Raum, in dem die Ostdeutschen am ehesten die Chance hatten zur Gleichberechtigung. Sie konnten gewählt werden.

Zweite Bemerkung: Man wird auch sagen müssen, dass bei allen schmerzlichen Veränderungen, die ich ganz genau beschreiben kann und auch schon genug beschrieben habe, von der kulturellen Infrastruktur der DDR unendlich viel erhalten worden ist. Wir haben doch Leuchtturmprogramme gemacht, Blaue-Liste Förderung. Da ist ganz viel passiert. Dass trotzdem die Umstellung von einem staatlichen Kontroll- und Subventionssystem im Bereich der Kultur zu Marktverhältnissen und jedenfalls anderen Konkurrenzverhältnissen, dass das schmerzlich war und dass es dabei Verluste gegeben hat, ist unbestreitbar. Es ist auch unbestreitbar, dass es auch rigide Urteile über die Künste und Künstler in der DDR gegeben hat. Ich habe neulich einen Vortrag vor der sächsischen Akademie der Künste gehalten „Rückblick auf die Künste in der DDR“, in dem ich noch einmal versucht habe, sehr differenziert zu beschreiben: Was  war die Rolle der Künste, woran erinnere ich mich, warum waren sie in welcher Weise wichtig. Das muss man immer wieder neu betreiben gegen die einfachen Urteile, das sei Staatskunst, SED-Kunst gewesen. Das war es nur zum Teil. Zum größeren Teil war es etwas anderes.

Sie konnten kulturpolitisch Vieles bewegen,  etwa als Vorsitzender des Kulturforums der SPD. Sie waren auch Mitglied der Arbeitsgruppe „Kultur und Medien“ des Bundestags. Was würden Sie als Ihre wichtigsten Themen nennen?

Thierse: Ich war die letzten acht Jahre im Kulturausschuss und war zuständig für den ganzen Bereich „Geschichte, Gedenken, Erinnern“. Ich war zuständig für die Hauptstadtkultur, auch für die Förderung der Künste. Ich bin auch im Kuratorium der Bundeskulturstiftung, das über die wichtigen Förderanträge entscheidet. Ich bin von Anfang an dabei, seit es diese Stiftung gibt, seit 2002. Ich habe also seit zehn, zwölf Jahren, zusammen mit den Anderen sehr vernünftige Entscheidungen getroffen. „Jedem Kind ein Instrument“, „Kulturagenten“ und viele andere Sachen, wo wir zeitgenössische Kunst fördern, Nachhaltigkeit fördern. Darüber freue ich mich.

Dann: Ich habe ganz wesentlich an der Gedenkstättenkonzeption des Bundes, die zu rot-grünen Zeiten entstanden ist und die novelliert wurde, mitgewirkt. Die Verantwortung des Bundes für das Gedenken an Nationalsozialismus und an die kommunistische DDR, da war ich in Zeiten der großen Koalition und auch zuletzt unter schwarz-gelb ebenfalls wesentlich beteiligt. Ich vermute, auch deshalb, weil ich einfach ein verlässlicher Partner für Staatsminister Neumann war. Ich glaube auch, dass ich für die Förderung von Berlin eine Menge haben tun können. Das ist nun mal die Hauptstadt der Kultur in Deutschland, trotz allem Föderalismus und das Aushängeschild. Schwieriger ist es mit der Auseinandersetzung um die Stasiunterlagenbehörde, wir haben das Thema besprochen. Da habe ich mich nicht durchsetzen können bei dem Thema „Verdachtsunabhängige Nachprüfung“.

Ich glaube, ich war als Kulturpolitiker, auch innerhalb der eigenen Partei, nicht unwichtig. Ich habe dazu beigetragen, dass in Wahlprogrammen der SPD, im politischen Alltag der SPD, Kultur und Kulturpolitik eine wichtige Rolle gespielt haben. Seit 1996 war ich  Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie und wir haben in dieser Zeit ziemlich viel bewegt. Man muss als Kulturpolitiker immer dafür kämpfen, die Aufmerksamkeit einer Mehrheit zu erzielen. Denn zunächst einmal stehen immer andere Fragen im Vordergrund, bei der Verteilung des knappen Geldes, etwa in der Sozialpolitik, der Verkehrspolitik oder beim Wohnungsbau. Ich glaube, in diesem alltäglichen, mühseligen Kampf habe ich ein bisschen was ausgerichtet.

Sie waren 24 Jahre Parlamentarier. Was kommt danach?

Thierse: Ich bin ganz entspannt und sage, ich muss an nichts festhalten. Ich mache nur etwas weiter, wenn jemand sagt, ich soll es noch ein bisschen weiter machen, bis sich ein Anderer oder Besserer findet. Ich möchte etwas tun, was man als Politiker nicht tun kann, nämlich viel mehr Bücher lesen. Richtige Romane kann man in der Hektik des Alltags nicht lesen. Da braucht man zusammenhängend Zeit. Also zurückkehren in meine frühere Existenz, als ich berufsmäßiger Leser war. Ich will vielleicht auch immer mal wieder etwas aufschreiben. Ich habe erschreckend viele Anfragen, was ich alles machen soll: Reden und Vorträge halten, Bücher schreiben. Mit einem gewissen Abstand möchte ich mich Ende des Jahres für das entscheiden, was Priorität hat.

Darum kann man Sie eigentlich nur beneiden. Vielen Dank für das Gespräch.

Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Interview |