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"Alles neu oder nur anders?" Bericht und Podcast zum 10. Dialogforum

10.07.2017
v.l.n.r.: Olaf Zimmermann, Susanne Keuchel, Susanne Führer, Martina Schuegraf und Chantal Eschenfelder, Foto: Marvin Wiegand
v.l.n.r.: Olaf Zimmermann, Susanne Keuchel, Susanne Führer, Martina Schuegraf und Chantal Eschenfelder, Foto: Marvin Wiegand

Am 6. Juli 2017 fand das 10. Dialogforum „Kultur bildet.“ unter dem Titel "Alles neu oder nur anders? – Kulturelle Bildung in der Digitalen Gesellschaft“ im Podewil in Berlin statt.

Unter der Moderation von Susanne Führer von Deutschlandfunk Kultur diskutierten:

Chantal Eschenfelder, Leitung Bildung & Vermittlung am Städel Museum Frankfurt/Main

Susanne Keuchel, Direktorin der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW, Remscheid; Koordinatorin des BMBF-Verbundprojekts "Postdigitale kulturelle Jugendwelten"

Martina Schuegraf, Studiengangsleitung "Digitale Medienkultur" an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam; Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) e.V.

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Publizist

Digitale Medien, Angebote und Vermittlungsformen haben in vielen Bereichen der Kulturellen Bildung Einzug gehalten. Das Digitale hat fürdie Aufgaben, Konzepte und Inhalte kultureller Bildung weitreichende Folgen. Darin waren sich die Podiumsgäste des 10. Dialogforum einig und diskutierten u.a. darüber, wie sich die künstlerisch-ästhetische Praxis durch die Möglichkeiten des Digitalen bereits verändert hat und weiterhin verändern wird und inwiefern dies bereits in die Konzepte der Kulturellen Bildung und Vermittlung einfließt. In der Diskussion wurde auch deutlich, wie sich die Ansätze der kulturellen Bildung wandeln, indem z.B. veränderte Nutzungsgewohnheiten von digital Natives in die Konzeption von Vermittlungsformaten oder von Fortbildungen miteinfließen. Außerdem zeigten Beispiele etwa aus dem Städel Museum Frankfurt/Main, wie die Möglichkeiten des Digitalen genutzt werden können, um breitere Zielgruppen zu erreichen und aktiv an Kultur zu beteiligen.

Auf die Frage, ob man überhaupt noch ins Museum gehen müsse, wenn alle Werke online zu sehen sind, erklärte Chantal Eschenfelder am Beispiel der vielfältigen digitalen Angebote des Städel Museum - zum Beispiel Städel-App, Online-Digitorial zur Kunstgeschichte der Moderne oder Computerspiel für Kinder Imagoras – das das Gegenteil der Fall ist. Die digitale Strategie des Museums bietet für unterschiedliche Besuchergruppen die jeweils passenden Einstiegsmöglichkeiten und weckt das Interesse an den ausgestellten Originalen, die dann zum Beispiel mit mehr Vorwissen betrachtet werden. So sind etwa im Museumsbereich die klassischen Vermittlungsformate weiterhin sehr gefragt, jedoch wirken die digitalen Angebote ins Museum hinein und Führungsteilnehmer beziehen sich zum Beispiel bei Nachfragen gezielt auf Vorwissen aus dem Digitorial. Mit digitalen Mitteln werden die Nutzer zu mündigen und informierten Betrachtern. Das Neue am Digitalen ist außerdem die unglaublich große Reichweite binnen Sekunden, was auch neue und andere Zielgruppen mit den Inhalten des Museums in Kontakt bringt.

Mit Blick auf die Weiterbildung von Multiplikatorinnen und Muliplikatoren der Kulturellen Bildung erläuterte Susanne Keuchel, wie in der von ihr geleiteten Akademie der Kulturellen Bildung bereits seit langem interdisziplinär zwischen den einzelnen künstlerischen Fachbereichen und dem Fachbereich Medien zusammengearbeitet wird. In den Weiterbildungen an der Akademie geht es auch oft darum, für analoge und digitale Wahrnehmungsprozesse zu sensibilisieren und beides zusammenzubringen. Beispielhaft sind hier etwa der Einsatz von Virtual Reality-Brillen für Vermittlungsangebote oder aber Weiterbildungsformate zur künstlerischen Praxis, bei denen ein Teil einer Workshopgruppe z.B. Seifenkisten analog baut und der andere Teil diese digital programmiert. Die Konzepte und Angebote der Kulturellen Bildung sollen an die Lebensgewohnheiten der Jugendlichen anknüpfen. In diesem Zusammenhang steht auch das von Susanne Keuchel koordinierte Forschungsprojekt mit dem Titel "Postdigitale kulturelleJugendwelten“, das untersucht, wie sich der digitale Medienwandel auf aktuelle digitale und vireale ästhetische und künstlerische Praktiken junger Menschen ausgewirkt hat. Mit „vireal“ wird das Phänomen umschrieben, dass junge Menschen im Gegensatz zu „Digital Immigrants“ gar nicht mehr unterscheiden zwischen virtuellen und reellen Welten. Alle Podiumsgäste waren sich darin einig, dass die Generationen der Digital Immigrants und der Digital Natives (noch) sehr unterschiedliche Medien- und Kulturnutzungsgewohnheiten haben. Daher ist es nach Ansicht von Susanne Keuchel auch wichtig, dass Projekte und Konzepte der Kulturellen Bildung partnerschaftlich-partizipativ aufgebaut werden und so auch junge Menschen ihre Perspektive einbringen und künftig die Szene selbst in die Hand nehmen. In der Akademie Remscheid arbeiten z.B. bei der Konzeption von Fortbildungen oft Tandems von Digital Immigrants und Natives miteinander. Hinzu kommt die Herausforderung, dass durch Digitale Medien, Angebote und Vermittlungsformen, wie etwa Communitiy Games oder Social Media, neue gesellschaftliche Räume entstehen, die noch weiter durchdacht werden müssen.

Martina Schuegraf stimmte zu, dass zum Beispiel die Studierenden des von ihr geleiteten Studiengangs "Digitale Medienkultur“ im Alltag und in ihrer kreativen Praxis kaum noch zwischen real/virtuell, online/offline trennen würden. Genau darum muss kulturelle Bildung immer auch digitale Medienbildung sein. Das Erlernen von Kritikfähigkeit, auch und gerade gegenüber den Medien, ist daher auch ein vorrangiges Ziel der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) e.V., in deren Vorstand sie ist. In der GMK als Dach- und Fachverband sind sowohl Praktikerinnen und Praktiker als auch Theoretikerinnen und Theoretiker organisiert, was einen intensiven Austausch zwischen Praxis und Forschung ermöglicht. Mit Blick auf die Zukunft stellteMartina Schuegraf heraus, dass künftig die Trennung von Anbieter/Produzent und Nutzer/Konsument nicht mehr in dieser Form existieren wird und eine andere Form der Ansprache entwickelt werden muss, um „Prosumer“ zu erreichen. Beispielsweise zeigt die Vielzahl von Youtube-Kanälen sehr deutlich, wie viele Menschen in den unterschiedlichsten Kultursparten kreativ und aktiv sind und selbstproduzierte Beiträge online stellen. Auch die vielfältigen Einreichungen für den Kreativwettbewerb Deutscher Multimediapreis mb21, dessen Jury sie angehört, belegen dies – beispielsweise ein von einer Schülerin selbstentwickelter digitaler Screen, auf dem mit Hilfe von Klötzchen gemalt werden kann.

Mit Blick auf die Maker-Szene als Beispiel für eine vireale künstlerisch-kreative Praxis, betonte Olaf Zimmermann, dass das Digitale nun die Möglichkeit eröffnet, das Analoge besser zu verstehen – etwa durch das Basteln und Löten elektronischer Geräte. Das Analoge braucht das Digitale und beides ist nicht als Gegensatz zu verstehen. Aufgabe der Kulturellen Bildung ist es künftig, dass das Eine das Andere ergänzt. Zugleich muss jedoch verhindert werden, dass die Trennung zwischen realer und virtueller Welt regelrecht „zugeschüttet“ wird. Eine wichtige Herausforderung für die Bildung im Allgemeinen und die Kulturelle Bildung im Besonderen ist es daher, die Kenntnis der realen Welt weiter auszubauen. Denn das ist essentiell für digitale Weiterentwicklung.

Große Einigkeit bestand auch darüber, dass es nicht ausreicht, die neuen gesellschaftlichen Räume und Medien (kommerziell) zu nutzen, sondern dass diese auch mitgestaltet werden müssen. Aufgabe der Politik ist es daher auch, viel Geld in die Hand zu nehmen, um den großen Konzernen Paroli bieten zu können und beispielsweise die Deutsche Digitale Bibliothek weiter auszubauen und zu stärken.

Bericht von Ulrike Plüschke

Podcast der Ausstrahlung bei Deutschlandradio Kultur:

Das 10. Dialogforum wurde von den Medienpartnern Deutschlandfunk Kultur und Kulturradio WDR 3 aufgezeichnet und ausgestrahlt und kann als Podcast nachgehört werden. 

Weitere Informationen

Vorab Interviews mit den Podiumsgästen

Digitale Einladung zum 10. Dialogforum

Überblick über die bisherigen Dialogforen

Kategorie: 
Dialogforum
Enthalten in

Sparte: Interdisziplinär | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Bericht |