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#88: Masrah-Theater.Net

21.09.2015
Theatre of Oppressed zum Thema Dominanz der israelischen Händler / Foto: Ashtar Theatre

Palästinensischer Deutscher Dialog über Theater und Theaterpädagogikin Ramallah und Bethlehem

I. Teilnahme am Festival „Theater der Unterdrückten“ in Ramallah

Deutsche Vertreter des Palästinensischen Deutschen Netzwerks Masrah-Theater.Net (Masrah, arab. für Theater) nahmen am Internationalen Festival „Theater der Unterdrückten“ teil, das unter dem Motto „Let´s Unite for a Dignified Life“ im Mai in Ramallah stattfand. Die palästinensische Gesellschaft lebt in einem nicht enden wollenden Konflikt, unter politischen, sozialen und ökonomischen Zwängen. Besatzung und Unterdrückung, Angst und ständige Bedrohungen produzieren traumatische Erfahrungen, die nicht nur in der Politik sichtbar werden, sondern auch in den Familien. Besonders Kinder und Jugendliche leiden darunter. Die Würde des Menschen, seine Kreativität und seine Visionen werden zerstört. Kultur, insbesondere Theater, hat aber mit Selbstbestimmung und Identität zu tun. Im Theater kann man ausdrücken, wer man ist und kommunizieren, wer man sein möchte. Theater ist der Platz, wo wir bestimmen, wer wir sind, wenn wir uns selbst definieren und nicht durch andere definiert werden.

Das ASHTAR Theatre in Ramallah will mit dem „Theater der Unterdrückten“ Menschen in Palästina eine Plattform bieten, auf der sie, mit dem Konzept des „Forumtheaters“ des Theaterpädagogen Augusto Boal, Akteure werden können, ihr Vertrauen in sich zurück gewinnnen und ihre Fähigkeiten zur Veränderung stärken.

„Theater der Unterdrückten“ will ein Theater der Befreiung sein. Iman Aoun, die künstlerische Leiterin des Ashtar Theatre, meint: „Wir bringen verschiedene Themen auf die Bühne, darunter Genderfragen oder politische und wirtschaftliche Unterdrückung. Und wenn ich sage politisch, dann meine ich das Verhältnis zu Israel ebenso wie unsere internen Probleme mit der Palästinensischen Autonomiebehörde. Also wir versuchen kritisch zu sein. … Reflexion und Selbstkritik sind wichtige Instanzen unserer Theaterarbeit.“

Das ASHTAR THEATRE arbeitet z.B. mit Jugendlichen in Dörfern im Jordantal über Probleme in der Schule, in der Ausbildung und in der Berufstätigkeit oder präsentieren mit Schauspieler*innen zentrale Probleme in dem besetzten Land, wie die Bevorzugung von landwirtschaftlichen Produkten der israelischen Siedler*innen, die Landvertreibung von Palästinenser*innen und vor allem die ungerechte Wasserverteilung. Israel beansprucht den größten Teil des Wassers für sich, so dass Palästina unter großem Wassermangel leidet und die Palästinenser Wasser für ihren Alltag und ihre Landwirtschaft zum Teil teuer kaufen müssen. Auch hier werden nicht nur Informationen über die konkrete Situation dargestellt, sondern es wird zugleich „eingreifendes Handeln“ der Zuschauer*innen ermöglicht. Sie werden zu „Co-Actors“. Nach jeder Szene fordern „Joker“ auf, Stellung zu beziehen, nach Problemlösungen zu suchen, nicht nur verbal mit Argumenten, sondern auch mit alternativen Szenen, die die Zuschauer*innen dann mit den Spieler*innen auf der Bühne zeigen.Theatrale Veranschaulichungen von Konflikten und die Erprobung von Lösungsansätzen im szenischen Handeln und Sprechen machen das Forumtheater zu einer geeigneten Theaterform für politisch-pädagogische Lernprozesse.

II. Netzwerktreffen in Bethlehem

Im Dar Al Kalima University College of Arts and Culture in Bethlehem fand anschließend das Netzwerktreffen des palästinensischen deutschen Dialogs über Theaterpädagogik und Theater statt. Neben einem Rückblick auf die bisherige Arbeit stand die Weiterentwicklung des Dialogs, der Austausch und die Begegnungen, die wissenschaftlichen und künstlerischen Kooperationen auf der Tagesordnung.

Der Palästinensische-Deutsche Dialog entstand 2010. Klaus Hoffmann, Vorsitzender des Arbeitskreises Kirche und Theater in der Evangelischen Kirche in Deutschland, besuchte den Präsidenten des Dar Al Kalima College, Rev. Mitri Raheb, den lutherischen Pastor der Weihnachtskirche von Bethlehem.

In der Begegnung mit Mitri Raheb entstand sehr schnell die Idee eines Austauschprogramms. In Deutschland nahm Klaus Hoffmann Kontakte zu Fachhochschulen und Universitäten auf. Das theaterpädagogische Institut in Lingen der Hochschule Osnabrück war an einer Partnerschaft interessiert und beteiligte sich mit dem Dozenten Andreas Poppe am Aufbau des Dialogs. Man beschloss an drei Aufgaben zu arbeiten:

  1. Ein Curriculum für einen Bachelor-Studiengang Theaterpädagogik sollte mit dem Dar Al Kalima College in Bethlehem entwickelt werden, um eine erste akademische Ausbildung in Theaterpädagogik in Palästina zu schaffen. Das Curriculum wurde inzwischen dem Ministerium in Ramallah zur Genehmigung vorgelegt. Ein Austausch von Studierenden und Lehrenden begann bereits zwischen Bethlehem und Lingen. In Palästina haben viele Theater - besonders in den Städten – theaterpädagogische Aktivitäten entwickelt und bieten Aus- und  Fortbildungsmaßnahmen an. Aber es fehlt eben immer noch eine anerkannte akademische Ausbildung.
     
  2. Ein Netzwerk zwischen palästinensischen und deutschen Theatern, Ausbildungsstätten, Verbänden, Theaterpädagog*innen, Theatermacher*innen und Theaterwissenschaftler*innen soll aufgebaut werden und dazu ein Internet Portal zum Informationsaustausch. Diese Website ist seit 2013 nun in Betrieb und wird stark genutzt www.masrah-theater.net. An dem Netzwerk beteiligen sich heute alle wichtigen Theater in Palästina, wie das Ashtar Theatre, Ramallah, das Nationaltheater Hakawati, Jerusalem, das Freedom Theatre, Jenin, das Diyar Dance Theatre, Bethlehem, das Yes Theatre, Hebron, das Al Harah Theatre, Beit Jala, das Inad Theatre, Beit Jala, das Al Qasabeth Theatre, Ramallah, sowie das Dar Al Kalima College und die Universität Bethlehem und das GoetheInstitut Ramallah. Von deutscher Seite beteiligen sich neben dem Arbeitskreis Kirche und Theater und dem Institut für Theaterpädagogik, Osnabrück-Lingen, die Bundesarbeitsgemeinschaft Spiel und Theater und Vertreter von Hochschulen in Berlin, Dortmund, Hannover, Greifswald, Hildesheim und Braunschweig, Verbände wie der Bundesverband der Theaterpädagogen, der Bundesverband Schultheater, das Theaterpädagogische Zentrum Lingen und die Kinderkulturkarawane, sowie Theater wie das Junge Schauspiel und die Theaterpädagogik des Staatstheaters Hannover, der Jugendclub der Schaubühne Berlin, das Theater Essen, das Cactus Theater Münster.
     
  3. Die Entwicklung der palästinensischen Theaterlandschaft, insbesondere für Kinder und Jugendliche und Theater in der Schule soll vorangetrieben werden. Dazu finden jährliche Konferenzen und Workshops in Palästina und Deutschland statt und Festivals und Projekte werden geplant. Die Palästinensische Gesellschaft ist jung. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in der West Bank (ca. 2,5 Mill.) ist unter 19 Jahre alt, im Gazastreifen sogar unter 15 Jahren, von den ca. 2 Mill. Einwohnern dort.

Der Palästinensische Deutsche Dialog über Theater und Theaterpädagogik hat auch die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Theatern in Palästina verstärkt. Auch Begegnungen mit Deutschen Gruppen finden vermehrt statt. Das Diyar Dance Theatre, Bethlehem nahm am Festival „Fair Culture“ in Hannover teil und kooperierte mit einer Hannoverschen Schule und dem Staatstheater, das Ashtar Theatre, Ramallah tourte durch Deutschland mit der Kinderkulturkarawane mit dem Stück „Gaza-Monologe“. Das Yes Theatre, Hebron nahm mit einer Kindergruppe mit dem Stück „Theatre for Communication among Youth“ am WeltkindertheaterFest in Lingen mit Gruppen aus 20 Ländern teil. Die palästinensischen Kinder leben im Flüchtlingslager al Fawwar, in einer „Übergangsheimat“ für über 8000 Menschen. Sie spielten das „Leben im Flüchtlingslager“ und zeigten, wie sie unter militärischer Besatzung immer wieder aus ihren Spielen, ihren kleinen Fluchten, ins „echte Leben“ zurückgeholt werden. Sie schaffen es nicht, sich mit ihrer Phantasie aus der gesellschaftlichen Realität Palästinas abzukoppeln. Aber dennoch versuchen sie, sich Freiräume zu schaffen und einen fesselnden Mix aus palästinensischer Folklore, Tanz, Gesang und zeitgenössischer Jugendkultur zu gestalten, ohne dabei ihren Mut zu verlieren. Die Inszenierung lebt vom biographischen Material der Darsteller, ihren Erfahrungen in einem besetzten Land genauso wie von ihrer Phantasie und Begeisterung, die auch die Zuschauer packten. Sie spielten vor einer realistischen Kulisse von Zerstörungen im Gaza, durch Video-Projektionen im Hintergrund.

Hier zeigt sich wie Theater eine Brücke zwischen Palästina und vielen anderen Ländern sein kann. Gerade für palästinensische Kinder, die in einem weitgehend abgeschlossenen Land leben, ist dieser Außenkontakt wichtig, um über die eigene Kultur nachzudenken, Kontakte zu knüpfen und Kooperationen zu verabreden. Dieser Kontakt bietet auch die Chance, Botschafter ihrer Kultur sein zu können. Diese Kooperationen bei Festivals sollen fortgesetzt und Projekte zu Jugend- und  Schultheater weiter entwickelt sowie Projekte im Zusammenhang mit dem internationalen Fund Kulturelle Vielfalt der UNESCO geplant werden.

Für das Netzwerk wurden die Koordinatoren gewählt:

  • Für Palästina: Iman Aoun und für die Hochschulen der Theaterbeauftragte des Dar Al Kalima College, Sameh Hijazi
  • Für Deutschland: Klaus Hoffmann und für die Hochschulen Andreas Poppe

Weitere Informationen bei Klaus Hoffmann unter hoffmann@bag-online.de.

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt der Woche.

Zu den bisherigen Projekten der Woche gelangen Sie hier.

Deutsche und palästinensische Studierende arbeiten in Bethlehem oder Lingen zusammen / Foto: Judy Barack
Enthalten in

Region: International | Sparte: Theater | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |