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#68: Souvenir

04.05.2015

„Souvenir“ - eine musikalische Reise durch die Welt des Erinnerns, so lautete das Thema des klassischen Konzertes mit Tanz, das im Rahmen des 3. „Hannoverschen Inklusiven Soundfestivals“ im Oktober 2013 in der Marktkirche zu Hannover stattfand. Wie ist dieser Titel zu verstehen? Was verbirgt sich dahinter?

Jeder Mensch wird diese Seite desLebens kennen: ein Gespinstvon Anforderungen, Soll-Werten, Erwartungs- und Erfüllungsdruck, viel Fremd- undnur schwer zu bewahrende Selbstbestimmung. Das Gespür, der Mut für eine eigene Lebensgestaltung und das eigene Anders-Sein erhält wenig Raum. Um diesen geht es während der „Reise durch die Welt des Erinnerns“, nämlich um eine Begegnung mit der Vielfalt unserer eigenen inneren Erlebniswelten.

Diese vollzog sich pragmatisch auf zwei Ebenen:

80 Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebenszusammenhängen (Junge, Alte, Frauen, Männer, unterschiedliche Nationalitäten, Musiker*innen, Theaterleute, Tänzer*innen, Menschen mit und ohne Behinderung, Profis, Laien) erarbeiteten 12 Wochen lang eine gemeinsame Idee und zeigten bei den beiden Aufführungen, wie eigene Erinnerung, das „Souvenir“, wieder lebendig werden kann. Künstlerisch spiegelte sich die Idee des Erinnerns zunächst einmal in der bekannten Musik von Tschaikowsky („Souvenir de Florence“) wider, durch deren 4 SätzeVergangenes, aber doch irgendwie Vertrautes in unsere Zeit herüber wehte. Zwischen die Sätze wurden „Brückenglieder“ eingefügt, wodurch in der Abwechslung mit der Tschaikowsky-MusikAhnungen eines Déjà-vu aufleuchteten; wie ein zusätzlicher Kommentar, wie eine neue Perspektive war die choreographische Einbindung von 40 Tänzer*innen und eines Schauspielers zu verstehen, die die Brückensequenzen mit den 4 Sätzen von Tschaikowsky/Stelenverbanden und damit die Assoziationsfläche zum Thema „Erinnerung“ verdichteten.

Die Brückenglieder

Erinnerung bezieht sich immer auf Vergangenes, geschieht aber gleichzeitig im Jetzt desjenigen, der sich gerade erinnert. Diese verschiedenen Zeitebenen miteinander in Verbindung bringen zu wollen, bedeutet, mehrere Wirklichkeiten nebeneinander zu stellen. Das geschah bei „Souvenir“ einerseits durch die Installation der 4 Sätze von Tschaikowsky`s Sextett „Souvenir de Florence“als unverrückbare Stelen einer schon lange vergangenen Geschichte, sowie andererseits durch die sie verbindenden Brückenglieder als Zeugen einer modernen Zeit. Die Brückengliederwiederum waren dreiteilig: in der Mitte jeweils ein solistischer/ kammermusikalischer Beitragvon jungen Musiker*innen mit Behinderung, die darin ihre persönlichen Erinnerungen  zum Ausdruck brachten; eingerahmtwurden diesedurch elektronische Soundfiles, die sich einerseitsauf dieMusik von Tschaikowsky bezogen, andererseits aber in die Aura der Solobeiträge einmischten. So kam es zu Verstärkungen, Verfremdungen, Neuentdeckungen von musikalischenMomenten und Affekten, die die eigenen Wahrnehmungsmuster immer wieder neu herausforderten, indem sieNeues anboten.

Aufbau „Souvenir“

Musikstücke: Tschaikowsky: „Souvenir de Florence“; Kostia Rapoport: elektronische Soundfiles; Solobeiträge: Improvisation (Orgel)/ „Scaborough Fair“ (Bearb. Vcello u. Harfe) / Y. Thiersen, „Comptine…“ / Ch. Ives: „A Christmas Carol“ f. Gesang und Streichquartett (Bearb.).

Die Idee

  • Intro: Improvisation auf der Orgel der Marktkirche; unterbrochen durch elektronische Musik; das Ende der Impro führt mit dem Schlussakkordnahtlos in den ersten Akkord von Tschaikowsky`s 1. Satz.

     
    Bewegung: Alle Mitwirkenden verteilen sich währenddessen im KirchenRaum, „suchen“ ihren Platz. 
     

  • 1. Satz: „Allegro con spirito“ (Orch. Im Treppenhaus, Ltg. Th. Posth)
     
  • 1. Brückenteil: Elektron. Teppich, verschiedene Geräusche (Meer, Natur) im Hintergrund. Solo: die ersten zwei Solisten lösen sich aus der Gruppeund gehen an ihren Platz, um ihr Solostück vorzutragen („Scaborough Fair“f. Vcello u. Harfe); danach löst elektronische Musik aus dem Hintergrund diese Szene auf.
      
    Bewegung: Tänzer*innen nähern sich der Bühne, verharren dort im Sitzen, zusammen gekauert, oder wandeln neugierig herum.
     
  • 2. Satz: „Adagio cantabile e con moto“ („Orchester im Treppenhaus“) beginnt.
       
    danach Bewegung (elektron. Sounds), aus der sich die nächste Solistin herauslöst und ihren Platz einnimmt.
     
  • 2. Brückenteil: Solo: Thierssen/„Comptine“ (Klavier); das Stück wird original gespielt, dann erweitert, abgewandelt etc. und durch elektronische Teile fortgesponnen bis es klanglich so ausgedünnt ist, dass es in den 3. Satz von Tschaikowsky eingeht.
     
    Bewegung: Der Charakter des 3. Satzes wird in der choreographischen Darstellung vorweggenommen.
     
  • 3. Satz: „Allegretto moderato“ („Orchester im Treppenhaus“)
     
  • 3. Brückenteil: elektron. Sounds, die zunächst ekstatische Impulse setzen, um sich dann in Klangflächen zu beruhigen
     
    Bewegung: Aufgreifen, Anknüpfen an das vorherige Bild, Beruhigen und Sammeln, langsam erhebt sich die Solistin. Um sie herum bewegt sich die Gruppe der Tänzer*innen im Kreis.
     
    Solo: Gesang, „A Christmas Carol“ (Ch. Ives), begl. von einem Streichquartett
     
    Bewegung: Der Kreis wird aufgelöst durch das Orchester, einige Musiker*innen mit Behinderung mischen sich unter die Orchestermusiker*innen.
     
  • 4. Satz: „Allegro vivace“
     
    Großes Finale: Während das Orchester den Satz spielt, steigen immer mehr Musiker*innen mit Behinderung ein und spielen ihre eigene Stimme mit, sodass das Konzert mit einer maximalen inklusiven Mischung von allen beteiligten Musiker*innen ausklingt, gemeinsam mit den Tänzer*innen, die sich während der letzten Takte um das Orchester herumstellen und so die Musik in ihre Mitte nehmen.
     
  • Licht aus. Schluss.

Das Ergebnis des Projektes „Souvenir“ ist Ausdruck all derer, die darin mitgewirkt haben. Alle haben Ideen eingebracht, geübt, gemeinsam gearbeitet, verworfen, neu ausprobiert, zwölf Wochen lang.

Ziel war, das Thema „Erinnerung“ künstlerisch so zu gestalten, dass es jeden Einzelnen des Publikums auf eine sehr persönliche Art erreichen sollte, nicht kulturmarktgerecht, nicht glatt gebügelt;dazu brauchte es diese so vielfältigen Menschen, die sich unverbraucht, unangepasst einbrachten.

Die klassische bzw. elektronische Musik, häufig als „unpopulär“ abgetan, bot zudem durch das Thema Erinnerung einen ganz persönlichen Einstieg für Alle.

Politisch korrekt könnte man hier von einem inklusiven Gesamtkunstwerk sprechen; viel passender oder bescheidener erscheint es, am Beispiel „Souvenir“ zu zeigen, dass Kultur bzw. der Kulturmarkt bereichert werden kann durch Menschen, die künstlerisch mitgestalten wollen und es auf ihre Art können und vorführen. Plötzlich erhält Kultur dann wieder etwas von dem Ur-Menschlichen zurück, das sie ausmachte, als sie begann, existentiell zu werden.

„Souvenir“ ist nominiert für den BKM-Preis Kulturelle Bildung 2015.

Christiane Joost-Plate

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Enthalten in

Region: Niedersachsen | Sparte: Interdisziplinär, Musik, Tanz | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |