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#64: POP UP CRANACH

06.04.2015
Foto: Alice – Museum für Kinder

Museum für Kinder zu Gast in der Gemäldegalerie vom 26. September 2014 bis 12. April 2015

Die Wandelhalle der Berliner Gemäldegalerie – groß wie eine Kathedrale – ist normalerweise ein Ort der Ruhe und Besinnung. Jetzt mischt sich hier das Schrillen von sechs Telefonen mit tanzbaren Beats aus dem Schloss der sächsischen Kurfürsten: Die temporäre Installation POP UP CRANACH lädt ein zum praktisch-sinnlichen Kunstgenuss für Kinder und ihre Familien.

Den Multitalenten Lucas Cranach dem Jüngeren (1515–86) und seinem Vater (1472–1553) widmet das Alice – Museum für Kinder im FEZ- Berlin eine Ausstellung für Kinder, Jugendliche, Schulklassen und Familien. Unweit der echten Cranach-Werke in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin geht „Pop up Cranach“ dabei neue Wege, um Kindern die Künstler, ihre Werke und das Leben vor 500 Jahren erlebbar zu machen.

Als vor zwei Jahren die Frage an uns herangetragen wurde, ob wir uns vorstellen könnten, eine Ausstellung zum 500. Geburtstag Lucas Cranach des Jüngeren umzusetzen, waren wir sofort begeistert. Zugleich haben wir als Verantwortliche eines Kindermuseums aber auch gestutzt: Alter Meister, 500 Jahre her? Wir hatten repräsentative Fürstenportraits, Bilder von kaum verhüllten Schönheiten und Martin Luthers vor Augen – und damit das ganz große Fragezeichen: Wie lässt sich das für Kinder und Jugendliche überhaupt umsetzen? Was kann Cranach uns heute noch sagen? Genau hier setzt das Projekt an: Pop up Cranach will Lust machen auf mehr. Auf noch mehr Bilder, auf das Erforschen der Welt mithilfe von Kunst und das Entdecken der eigenen kreativen Potenziale. Wir zeigen Kindern und Jugendlichen, dass Lucas Cranach der Jüngere und der Ältere keine verstaubten alten Meister sind, sondern faszinierende Menschen, die in ihrer Zeit etwas bewegten und bis heute etwas zu sagen haben. Die beiden waren nicht nur Künstler, sondern auch pfiffige und talentierte Geschäftsleute, die mit Immobilien handelten, Apotheken besaßen, einen Weinausschank betrieben und als Ratsherren und Bürgermeister politischen Einfluss hatten. Ihr Alleinstellungsmerkmal war ihre Schnelligkeit. Ihre in Großserie von vielen Werkstattmitarbeitern produzierten Kunstwerke waren voll von neuen Bilderfindungen und mit ihrem „Schlangenlogo“ immer eindeutig als „Marke Cranach“ zu erkennen. Das war neu. Ihre Bilder haben mit frischen Einfällen die revolutionären Ideen ihrer Zeit vorangebracht. Lebten sie heute, würden sie vielleicht in Hollywood oder als Grafikdesigner, Eventmanager oder in der Politik arbeiten oder – und das ist am wahrscheinlichsten – in all diesen Bereichen.

Cranachs Bilder anzuschauen ist wie Kinogucken: Spannende Geschichten, Orte, Geheimnisse, Handlungen mit einem Davor und Danach und eine Fülle von Details sind zu entdecken. Daher der Titel, denn mit Pop-up sind keineswegs die Geschäfte gemeint, die ihre Zelte nur vorübergehend an einem Ort aufschlagen oder die Pop-ups im PC, sondern der Gedanke des Entgegenspringens von Unbekanntem und Ungewöhnlichem. Die Cranachs führen uns in unbekannte Welten, machen uns stutzig, neugierig, ver- und entführen uns ständig aufs Neue. Kurz gesagt: Sie waren einfach irre Typen und dies sollte auch in einer außergewöhnlichen Weise vermittelt werden. Darum: Pop up Cranach.

Wir haben uns für acht Schlüsselwerke entschieden, die wir besonders geeignet fanden, Spuren zu unterschiedlichen Themen zu legen: über die dargestellten Geschichten und Symbole, die Farbgestaltung und Techniken sowie die medien-, kunst- und alltagsgeschichtlichen Bezüge zu Vergangenheit und Gegenwart. Die Cranachs laden auf einen Parcours in die Kulisse einer imaginären Stadt ein. Ausgewählte Cranach-Werke geraten dort in Bewegung, verwandeln sich in einzelne Teile, Schatten, Geräusche, Spiele und Farbwelten. Jedes Detail wird zum Rätsel und freut sich auf kreative Antworten der Besucher.

Da gibt es den Holzschnitt mit dem „Turnier auf dem Marktplatz“ (Lucas Cranach d.Ä., 1506). Ein richtiges Wimmelbild, bei dem viele Details und sich gleichzeitig ereignende Szenen zu entdecken sind. Auf Drehscheiben können in dieser Station Ritter, Lanzen und Pferde als Scherenschnittfiguren aufgespießt und mit Taschenlampen angestrahlt werden. Dadurch werden Licht und Schatten auf die dahinter erscheinenden Darstellungen Cranachs gezaubert. Oder die fantastisch gemalten Tiere im Gemälde „Kardinal Albrecht als Hl. Hieronymus in der Studierstube“ (Lucas Cranach d. Ä., 1526). Wenn das Gemälde mit dem Heiligen plötzlich zur begehbaren Studierstube wird, in die man im wahrsten Sinne des Wortes hineinsteigen, Möbel und Gegenstände ein- und ausräumen kann, wird es lebendig. Die Geschichte des heiligen Hieronymus erfährt man dabei ganz nebenbei.

An der Station „Lucas und Martin“ werden die Kinder zu Porträtisten und helfen Lucas Cranach bei einer Werbekampagne für seinen Freund Martin Luther. An anderer Stelle, nämlich im „Labor der Bildgeheimnisse“, sind junge Bilderforscher*innen gefragt und dürfen detektivische Fähigkeiten erproben. Mit Kittel, Handschuhen und Brillen untersuchen die Kinder eine Cranach-Fälschung aus dem 19. Jahrhundert, schauen mit einem Infrarotreflektografen unter die Oberfläche eines Bildes, vergleichen die Vorzeichnung mit dem fertigen Gemälde oder restaurieren ein Bild.

„Pop up Cranach“ versteht sich als Labor des Fragens und des vielschichtigen Bilderlesens. Die jungen Besucher*innen fallen buchstäblich von Bild zu Bild und werden zu einer Reise in eine unbekannte Welt eingeladen. Und so werden die Kinder zu Assistent*innen der beiden Künstler-Unternehmer und haben die Aufgabe, ihre Anrufe entgegenzunehmen und die vielen Aufträge ihrer „Meister“ im Terminkalender zu sortieren. Mal ist Kardinal Albrecht von Brandenburg am Apparat, der wegen eines Porträts nachfragt oder ein Kunde, der sich über den Wein aus der Cranachschen Weinhandlung beschwert. Den Stadtplan, der den Rundgang begleitet, bekommt jedes Kind in die Hand. Er hilft bei der Orientierung und er bietet darüber hinaus noch viele Möglichkeiten künstlerisch aktiv zu werden: Er kann frottagiert, bestempelt und bemalt werden.

Parallel zur Ausstellung in der Gemäldegalerie bieten wir mit „Hands on Cranach“ die Möglichkeit zum Malen, Bildhauern und Experimentieren auf 400 Quadratmetern. Diese Workshops finden im speziell umgestalteten Alice-Atelier im FEZ-Berlin in der Wuhlheide statt. Dort werden neue wie traditionelle künstlerische Techniken eingesetzt, um im Geiste der beiden Cranachs Neues und Eigenes zu gestalten. 500 Schüler*innen arbeiten dort mit zehn Berliner Künstler*innen wie in einem Künstleratelier. Anschließend stellt ein Kinderkuratorium eine eigene Ausstellung zusammen.

Und es geht weiter! POP UP CRANACH geht auf Reisen und ist ab 26. Juni 2015 im Rahmen der Landesausstellung „Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters“ im Wittenberger Augusteum zu erleben.

Die Ausstellung „Pop up Cranach“ ist ein Projekt des Alice – Museum für Kinder im FEZ-Berlin und der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt in Kooperation mit den Staatlichen Museen zu Berlin. Das Projekt ist nominiert für den BKM-Preis Kulturelle Bildung 2015.

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Zu den bisherigen Projekten der Woche gelangen Sie hier.

Foto: Alice – Museum für Kinder
Enthalten in

Region: Berlin | Sparte: Bildende Kunst | Thema: Außerschulische Kinder- und Jugendbildung, Schulische Bildung | Textsorte: Projekt der Woche |