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#35: TafelTheater

01.09.2014
Foto: Arnold Morascher

Futter für die Seele: Das TafelTheater - Bruchhausen-Vilsen

Es war – wieder einmal – die Erkenntnis, daß der Mensch nicht lebt von Brot allein, sondern auch Futter für die Seele braucht, die Vera und Peter Henze vom Verein Land & Kunst e.V. Arbste – in der Mitte Niedersachsens – dazu führte, Kunden der Syker Tafel in Bruchhausen-Vilsen einzuladen: Gemeinsam zu erzählen, zu spielen und zu improvisieren – Sorgen, Hoffnungen und Träume auszutauschen und in Spiel- und Theaterszenen lebendig werden zu lassen.  So entstand  das „TafelTheater Bruchhausen-Vilsen - Futter für die Seele“.

Von der Idee zum Projekt

Sie treffen sich wöchentlich bei der Ausgabe der Lebensmittel im Gemeindehaus: die Kunden der Tafel. Es sind die „Mühseligen und Beladenen“ dieser Gesellschaft, ohne Arbeit, mit wenig Geld, Mütter mit ihren Kindern, Alte, mit und ohne Handicap, Migranten, grad angekommen in unserer Überflussgesellschaft. Sie erhalten – symbolisch gegen einen Euro - das, was sonst weggeworfen würde, Nahrung für den Leib. Als wir sie trafen an diesen Ausgabetagen und uns zu ihnen setzten erfuhren wir, dass da so viele Geschichten in ihren Leben verborgen waren, die erzählt werden wollen. Da war Hunger, auch nach „Futter für die Seele“.

Vera und Peter Henze, Schauspieler und Theaterpädagogen, die inzwischen heimisch geworden waren im niedersächsischen Flachland und auf einem geschichtsträchtigen Bauernhof einen Kulturverein mit bezeichnendem Namen „Land & Kunst“ auf die Beine gestellt hatten inmitten einer Landschaft, in der Kultur immer noch weitgehend traditionelle Wege geht oder sich in Events, Gastspielen aus den Metropolen beschränkt, luden die Kunden ein zum „TafelTheater“.

Zwei Jahre wurde das Projekt gedanklich und praktisch vorbereitet, niemand sollte übergangen werden, alle einbezogen werden. Gespräche mit den Tafel-Mitarbeitern/innen und den Trägern der Tafel wurden geführt, für die ungewöhnliche Idee geworben. Und  schließlich: Projektmittel mußten eingeworben und beantragt werden für die professionelle Leitung. 

2009 hatten sich Förderer gefunden und die erste Einladung erfolgte. Und niemand kam! Leiter und Mitarbeiter wußten, welche Hemmnisse für viele Kunden zu überwinden waren und hatten Geduld. Und bald kamen mehr, sehr viel mehr. Heute, nach über 5 Jahren, waren über einhundertfünfzig Menschen aktiv beteiligt.

Einmal in der Woche trifft sich ein fester Kern von rund 30 Menschen im Gemeindehaus, dort wo auch die Ausgabestelle der Tafel ist – und oft noch zu zusätzlichen besonderen Proben. Es kommen Große und Kleine, Alte und Junge, mit und ohne Handicap, mit und ohne Geld und Sorgen – und es sind schon lange nicht mehr nur Kunden der Tafel, sondern auch Mitarbeiterinnen und Freunde, viele unterschiedliche Menschen, auch aus verschiedenen Kulturkreisen und Nationen ebenso wie Musiker und Künstler, ein Pastor, ein Kantor und zwei Ratsherren sind auch dabei.

Berichte (aus öffentlichen Präsentationen)

„Wir lernten diese Menschen kennen, die den Mut haben, in einer bestimmten Situation zur Tafel zu gehen. Wir hörten Geschichten von finanzieller Not, von sozialen Kümmernissen, von Alleingelassensein, von plötzlichem Unglück, das jeden von uns treffen kann - von Ausgrenzung, vom vierten verordneten Bewerbungstraining, von Krankheit und Sorge um den heutigen und morgigen Tag. Und entdeckten gleichzeitig soviel Freude, Mut und Lust zu leben.“

„Beim TafelTheater sind die Kunden die Hauptpersonen. Sie haben die Einladung angenommen, inmitten vieler Sorgen und Nöte sich zu begegnen, gemeinsam Erfahrungen zu machen, Neues zu lernen, an einer gemeinsamen Sache spielend zu arbeiten und auch oft: einfach mal den Alltag zu vergessen. Theater, Spiel, Bewegung und Erzählen eröffnen Erlebniswelten, die wir zum Leben brauchen wie Essen und Trinken.“

„Diese Gemeinschaft verschiedener Menschen, verschiedener Herkunft, Bildung und Erfahrung ist auch ein beharrlicher Protest gegen eine Gesellschaft die ausgrenzt, sortiert und klassifiziert: in Kranke und Gesunde, in Alte und Junge, in mehr oder weniger Gebildete, in Menschen mit und ohne Erwerbstätigkeit. Wie ähnliche Projekte ist es eine trotzige Liebeserklärung an eine Gemeinschaft von Menschen die in Achtung, Anerkennung und Wertschätzung des anderen lebt – auch wenn sich für manche zunächst keine Erwerbsperspektiven mehr ergeben. Wie viel an Wert für eine Gesellschaft, wie viel Fähigkeiten, Erfahrungen liegen dahinter im einfachen Menschsein.“

„Wir haben erzählt, gespielt, gelacht und ein paar Mal gestritten und uns wieder vertragen gelernt. Vielleicht gehört das mit zu den schönsten Erfahrungen. Und haben manchmal ein paar Tränen vergossen, vor Freude oder aus Traurigkeit. Denn wir haben uns Berührendes anvertraut, wir haben uns kennengelernt mit unseren Qualitäten und Macken. Und wir haben inzwischen unsere Geheimnisse, die wir in Achtung unter uns bewahren. - Denn es gibt immer vorweg eine Freude- und Kummerrunde, in der wir von uns erzählen und dann gibt es ein gemeinsames Kaffeetrinken, zu dem jeder etwas mitbringt, es ist jedes Mal fester Bestandteil unserer Treffen.

Wir haben – oft wieder - gelernt in einer Gruppe verantwortlich und zuverlässig zu sein, Zutrauen und Vertrauen zu entwickeln.  Wir haben gelernt unseren Platz einzunehmen, etwas zu sagen und zu erzählen, wir haben uns den Mut genommen auf eine Bühne zu gehen und unsere Geschichten anderen zu erzählen, manchmal  auch stellvertretend für sie den Mund aufzumachen. Und staunten über das was wir können. Viele neue Erfahrungen für einige. Und ganz nebenbei lernen auch ausländische Mitbürger noch mehr von der deutschen Sprache. Der Wert der eigenen Person, des Menschen, wird wieder deutlich – unabhängig von unserer finanziellen Ausstattung und unserem gesellschaftlichen Status.“

Eine Geschichte des Gelingens

In fünf Jahren sind aus Erzählungen und Improvisationen unzählige Szenenfolgen entstanden, die immer wieder zu verschiedenen Gelegenheiten öffentlich gezeigt werden, darunter auch zwei „große“ Theaterstücke: „Oh, dieses wunderbare Haus“ und „Auf nach nirgendwo – eine TraumWeltReise“. Einladungen zu Aufführungen nach Hannover und Loccum folgten. Dr. Henning Scherf hat die Schirmherrschaft übernommen und Hannovers Landesbischof Ralf Meister ist bekennender Freund des TafelTheaters und predigte manchmal darüber .

Aus einer ungewöhnlichen Idee wurde eine Geschichte des Gelingens, etwas, was vielleicht  gar nicht möglich schien. So haben wir auch gelernt, Wunder und Überraschungen im Leben nie ausschließen.

Fortsetzung findet die Idee des TafelTheaters im neuen Projekt „Leben leben … mit und ohne … Krankheit, Arbeit, Geld und Handicap“. - Ein Film sowie Handreichungen für andere Tafeln zur Initiierung solcher Projekte sind in Vorbereitung. Der berühmte eine Tropfen Wermut: trotz allen Gelingens und derzeitiger Förderung steht alle paar Monate die Zukunft in den Sternen, denn niemand will das Projekt langfristig finanzieren und damit sichern.

Ausgezeichnet wurde das Projekt mit Nominierungen für den Innovationspreis Soziokultur 2012 und für den BKM-Preis Kulturelle Bildung der Bundesregierung 2014.

Träger: Land & Kunst e.V., Arbste 7, 27330 Asendorf
Leitung: Vera & Peter Henze, Ines Bormann u.a.
Förderer: (verschiedener Projektabschnitte) Fonds Soziokultur, Nieders. Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Hanns-Lilje-Stiftung, Landschaftsverband Weser-Hunte e.V., Stiftung Niedersachsen, EWE-Stiftung, Kreissparkasse Syke, Klosterkammer Hannover, Diakonie Hannovers, Bündnis90/DIE GRÜNEN, Kultur- und Kunstverein Bruchhausen-Vilsen, Land & Kunst e.V.
Projektpartner: Kreismedienzentrum des LK Diepholz, VHS LK Diepholz, Syker Tafel, Kirchengemeinde Bruchhausen-Vilsen, Pastoren, Musiker, Pädagogen, Sozialarbeiter, u.v.a.

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt der Woche.

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Foto: Peter Henze
Enthalten in

Region: Bundesweit | Sparte: Theater | Thema: Altersübergreifend | Textsorte: Projekt der Woche |