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#25: No Education. Ein Projekt der Ruhrtriennale

23.06.2014
Tarek Atoui, The Children's Choice Awards (c) Ruhrtriennale 2012 / Foto: Heike Kandalowski

„Das Kind wagt sich mühelos ins Fremde vor.“ (Patti Smith)

No Education
Für eine Kunst des Nicht-Verstehens. Ein Manifest

Von Marietta Piekenbrock

Manchmal ist es einfacher zu beschreiben, was eine Sache nicht ist. Es geht nicht um Bildung, sondern um eine Haltung. No Education ist eine Haltung, die man nicht unterrichten, vermitteln oder erzwingen kann, sondern nur praktizieren. Als No Education vor zwei Jahren Form annahm und für ebenso viel Zustimmung wie Mißverständnisse sorgte, begann ich ein Manifest zu verfassen. „Manifeste werden normalerweise von wütenden Menschen verfasst“, schreibt Orhan Pamuk als er für sein „Museum der Unschuld“ in Istanbul ein Manifest verfasste. Er liebe Museen, sie machen ihn glücklich. Auch No Education ist kein zorniges Manifest, es ist ein Plädoyer für eine Kindheit, wie wir sie kaum noch kennen oder zulassen wollen. Kindheit bedeutet die Entdeckung fremder Subjektivität. Das Theater ist immer noch einer der besten Räume, um diese Fremdheit lustvoll zu entdecken.

Für die Ohren und Augen  kann die Begegnung mit zeitgenössischer Kunst eine chaotische Erfahrung auslösen. Wir werden mit einer Sprache konfrontiert, deren Vokabular, deren Syntax wir möglicherweise nicht kennen. Von Projekten zur kulturellen Bildung und Vermittlung wird in solchen Momenten Großes und Nützliches erwartet: mehr Sach- und Fach-, mehr Sozial- und Ichkompetenz. Ausgangspunkte sind Unwissenheit und Stumpfheit und am Ende steht die Idee von einem sensiblen Kind und einer besseren Welt. Tauscht man das große Gesellschaftsprojekt von einer ästhetischen Erziehung aus gegen die Idee von einem Laboratorium für Erfahrung und Ermittlung, öffnen sich ganz neue Perspektiven:

No Education basiert auf dem unbedingten Vertrauen, dass jeder, unabhängig von seiner Herkunft und seiner Bildung, ein direktes unvoreingenommenes Verhältnis zu Kunst entwickeln kann.

Klassische Projekte zur kulturelle Bildung und Vermittlung suggerieren uns, erst Kennerschaft befähige zu einer tiefen künstlerischen Erfahrung. Dabei unterschätzen wir häufig, was ein Mensch, also auch ein Kind, an Fähigkeiten und Intuition mitbringt. Dazu gehört auch, die Sprache der Kunst zu verstehen. Es geht um das Erleben der eigenen Kompetenz: Eine Landschaft der Empfindung, eine Choreographie aus Staub, die Exaktheit einer Bewegung, den Sound einer Stadt – Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind gleichermaßen offen für das suchende Nachspüren von Form, Raum und Resonanzen.

No Education ist nicht nur eine Kultur für alle, sondern viele Kunstformen für viele. Die Künstlerinnen und Künstler laden uns ein, über den Blickwinkel der Kunst den tiefgreifenden Wandel zu reflektieren, den Individuen in den globalisierten Gesellschaften des 21. Jahrhundert erfahren. Im Vorfeld wird jedes Projekt durchleuchtet: Ist es egalitär? Ist es zugänglich ohne besondere Vorkenntnisse? Trägt es zu einem aufgeklärten Verständnis von einer interkulturellen Gesellschaft bei? Fördert es neue künstlerische Entwicklungen.

In No Education begegnen Kinder dem inspirierten Wechselspiel zwischen Musiktheater, Theater, Tanz, Performance, Konzert und Bildender Kunst. Sie erleben Sound als Teil einer Videoinstallation, eine experimentelle Performance als Landart, eine Choreografie als malerischen Akt,  Zeichnungen als Installation und eine Diskussion zwischen Künstlern als performatives Ereignis. Es gibt dabei keinen Grund, einem Zuschauer Komplexität zu ersparen, und sei er noch so klein. Jede Überforderung kann die Wurzel einer tiefen Erfahrung sein.

No Educationist ein Mehrgenerationenprojekt. No Education wirft neue Fragen zu Fairness, Ausgrenzung und Würde des Kindes auf. Schluss mit Arealen und Ritualen, die nur Erwachsenen vorbehalten sind.

No Education schafft Zugang. Kinder haben Zugang zu John Cage, Igor Strawinsky, Rimini Protokoll, Smartphones und dem world wide web – manchmal sogar gleichzeitig.

No Education sucht nach anderen Formen der Sichtbarkeit von Kindern und Jugendlichen auf dem Kunstfeld. Sie treten als Kritiker, Karikaturisten, Köche und Bauherren auf.  Kulturelle Teilhabe bedeutet nicht nur Dabeisein, sondern auch Einfluß und Entscheidung! Die Mitglieder der offiziellen Festivaljury stellen sich jeden Abend dieselbe Frage: „Hat mir das Kunstwerk gefallen?“ „War es in meinen Augen interessant oder weniger interessant?“ Das Kind erlebt auf sehr direkte und sinnliche Art und Weise, dass es mächtig und wichtig ist.  Es erlebt, dass
die Welt der Kunst und Kultur es ernst nimmt und daran interessiert ist zu erfahren, was es fühlt und was es denkt.

No Education spannt Räume auf, in dem  Nicht-Wissen oder Nicht-Verstehen zu keiner schmerzhaften oder ausgrenzenden Erfahrung führen, sondern ein neues,  sinnliches Verstehen entzünden. Erfahrung beginnt dort, wo Begriffe und Bedeutungen enden.

No Education kann unsere Erfahrung von Wirklichkeit  vervollständigen. Neugierde und Ängstlichkeit gehören zu den archaischsten Gefühlen,  mit denen der Mensch seiner Umgebung, also auch der Kunst, entgegentritt. Das Theater gibt diesen Spiel- und Reflexionsformen, die uns über den Augenblick erheben, einen Raum, eine weiten Horizont,  eine Höhe, eine Ferne. Wir üben, bereit zu sein, für das was  wir noch nicht kennen. Wir lernen, mit Komplexität und Fremdheit gelassen umzugehen und uns intuitiv zu orientieren.

No Education ist eine Übung in Aufmerksamkeit, (ob konzentriert oder unkonzentriert, das tut nichts zur Sache). Eine Stunde Kunst, das ist eine Stunde ohne die Omnipräsenz anderer Reize und Anforderungen.

No Education zeigt, dass auch das stille Staunen und leise Forschen eine prinzipielle Antwort sein kann auf die uns umgebene Flut an Impulsen und Anforderungen.

No Education heißt nicht: Keine Bildung, keine Erziehung. No Education bedeutet, dass Samira, Betül, Nelly, Sena, Vivian, Selenay, Eske, Annika, Zoe und Noelle in der 1. Reihe sitzen. No Education schafft Situationen für kulturelle Inklusion.

No Education begreift Nachhaltigkeit nicht als Verzichtsappell (weniger Kunst, weniger Freiheit, weniger Vielfalt, weniger Großprojekte), sondern öffnet neue Aktions- und Experimentierräume. Die tatsächlichen Effekte und ihre mögliche Transformationskraft werden erst Jahre später zu spüren sein, weil sie dazu beitragen, eine Vorstellung von kultureller Bildung zu etablieren, in der nicht die kulturelle Alphabetisierung und das Erlernen von Codes und Chiffren im Mittelpunkt steht, sondern die Persönlichkeit des Menschen, sein implizites Wissen und die Bereitschaft, sich ins Fremde vorzuwagen.

Marietta Piekenbrock ist Leitende Dramaturgin der Ruhrtriennale 2012-2014.

„No Education“ war nominiert für den BKM-Preis Kulturelle Bildung 2014.

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt der Woche.

Zu den bisherigen Projekten der Woche gelangen Sie hier.

The Children's Choice Awards (c) Mammalian Diving Reflex
Enthalten in

Region: Nordrhein-Westfalen | Sparte: Bildende Kunst, Design, Film, Fotografie, Interdisziplinär, Medien, Museum, Musik, Tanz, Theater | Thema: Schulische Bildung | Textsorte: Projekt der Woche |